Krachend schlug Ymirs Riesenleib über die Erde, daß sie fast zerschmettert war und in kreischendem Getöse bebte und schütterte. Brausend und alles mit sich reißend schoß aus dem zerplatzten Riesenleib das Blut, und so gewaltig und ungeheuerlich waren die Blutströme, daß sie die Erdenwelt überschwemmten, die gähnenden Klüfte in schäumende Seen wandelten, bis zu den Gipfeln der Eisberge stiegen und alles Lebende ersäuften. Das Riesengeschlecht watete durch die Fluten. Das brüllende Lachen war ihm vergangen. Das Blutmeer stieg ihm an den Hals. Männer hoben ihre Weiber, Weiber ihre Kinder auf die Schulter, daß sie sich auf die Eisberge retteten. Mit entsetzten Blicken hingen sie an den Höhen. Und eine heulende Blutwoge schlug sie herunter und ertränkte und erstickte sie im Knäul der zappelnden Riesenleiber. Als die Sintflut sich verlief, war Ymirs Geschlecht vertilgt. Nur in ferner Ferne fuhr noch ein einziger Riese mit seinem Weib auf einem Floß dahin, ließ sich von der verlaufenden Flut treiben weithin bis ans Ende der Welt – und entkam.
Auf dem höchsten Grat, hoch über der Sintflut, stand Wodan mit seinen Brüdern.
»Sieghaft auferstehn soll der erhabene Geist über die rohen Stoffgebilde. Beseelen soll er die wilden Naturgewalten, sie zur Ordnung leiten und zu schöpferischer Arbeit. Nur das ist Leben.«
Über die Sintflut hinweg jagte das heulende Heer der Spukgestalten und suchte sich in kreischender Angst vor dem Blick des gewaltigen Gottes zu verbergen.
»Verruchtes Volk der Halbheit,« ergrimmte der Gott. »Von den Göttern holtest du Wissen und wandeltest das Göttliche in gemeine Lüste und billigen Zauberspuk, der die Irdischen gierig macht in die Tiefe und ihre Augen für das Höchste verblödet. Ich fege euch weg!«
Und wie der Sturmwind fuhr Wodan hinaus und würgte zwischen den Händen, was er erfassen konnte von den tausenden von Truggespenstern, und hing die erdrosselten an seinen Gürtel. Und nur wenige waren, die ihm in den Ritzen und Ranken entkamen.
Der wilde Jäger kehrte zurück. »Ich werd' dich noch jagen manche Sturmnacht, lichtscheues Gesindel,« lachte er in den Bart, warf seine Last ab und strich sich aufatmend über die Brauen. »An die Arbeit jetzt!«
»Du bist Haupt und Held,« sprachen Wili und We, die Brüder, »Allvater bist du, und ein Führer muß sein selbst unter Göttern. Wir ratschlagen mit dir. Dein ist der Befehl!«
Da ratschlagten die Götter in ernstem Wägen, um eine Ordnung zu schaffen, in der ein jedes seinen Platz erhielte und seine Bestimmung. Und sie nahmen den Schädel Ymirs und richteten ihn auf ragenden Säulen als Himmelskuppel auf, und das Gehirn ward zu Wolken, die das Wetter bargen. Aus Ymirs Fleisch schufen sie das gesättigte Erdreich, aus den beinernen Knochen Stein und Fels, aus dem wirren Haar Bäume und Gesträuch, aus dem Blut das brausende Meer. Sie zogen dem Riesen die scharfen Wimperhaare aus und bauten aus ihnen kreisrund um das wirtlichste Land einen mächtigen Wall gegen das ungebärdige Meer und die Tücken der zum Weltend entflohenen Riesen. Und sie nannten das inmitten gelegene Land, das von einem neuen Geschlecht bevölkert werden sollte, Midgard. Und den Himmel, den sie als Wohnung der Asen bestimmten, nannten sie Asgard. Die Funken aus Muspelheim fingen sie auf und hingen sie als Leuchten an den Himmel. Die außengelegene Welt aber, in die sich die letzten Riesen und das irrlichtende Volk der Alben und Trolle geflüchtet hatten, nannten sie Utgard, und tief unter die Erde verwiesen sie Niflheim, die Nebelhölle, die Totenwelt.
Und Allvater sprach: »Der göttliche Gedanke hat sich noch nicht erschöpft. Zusammen ruf ich seine ganze Kraft.« Und er hob die Hände an den Mund und stieß einen Ruf aus, der in die Tiefen der Unendlichkeit ging: »Herbei, was göttlich ist in aller Weltenseele seit Urbeginn!«