Und Allvater sprach:
»Götter sterben nicht. Götter und Helden erstehen neu, wenn sie sich würdig erwiesen. Würde ist nicht das bißchen Tugend des Tages. Würde ist, für sein Leben und Schaffen sterben können. Das allein macht unsterblich. Wohlauf denn, ihr Asen und ihr Helden alle, nun folgt mir nach in die Unsterblichkeit.«
Da waffneten sich Götter und Helden mit ihren besten Waffen, in unabsehbaren Scharen zogen die Einherier aus, und mit den Walküren ritten die Göttinnen, den Ger in der Faust. –
Der rote Hahn des Riesenreiches krähte in den Morgen und rief die Schläfer wach, wie der goldene Hahn krähte in Asgard und der nußbraune Hahn in der Hel.
Ganz Riesenheim tobte in hellem Aufruhr. In Scharen krochen Schwarzalben und Trolle aus Klüften und Schluchten und spornten kreischend die Riesen an.
Die jauchzten auf, als der Wirbel der Flut, aus der die Midgardschlange sich wälzte, das Schiff Naglfar flottmachte, das Nagelschiff, das aus den unbeschnittenen Nägeln der Toten erbaut wurde. Nie wäre es fertig geworden, hätte Baldur gelebt. Denn die Gewissenspflicht gebot den Menschen, ihren Toten vor der letzten Ausfahrt die Nägel zu beschneiden, damit die finsteren Mächte sie ihnen nicht nehmen konnten zum Bau von Naglfar. Wer aber von den Menschen fragte noch nach der Pflege der Toten? Beilzeit war und Wolfzeit.
Der Reifriesenfürst Hrymir bemannte das Schiff und steuerte die Tausende gegen Asgard. –
Aufs neue stöhnt von der Entladung der Flammen, die Eis und Stein durchbrechen, die Welt in allen Fugen. Ein Sterbeschauer durchbebt die Weltesche Yggdrasil, und die Brunnen an ihren Wurzeln schäumen über.
Zum letzten Mal beugt sich Wodan über den Brunnen Mimirs und raunt mit dem Haupte des Urweisen. Dann schreitet er einsam nach Asgard zurück, bindet den Goldhelm unter dem Kinn und greift nach dem Speere Gungnir. Er kennt sein Schicksal. Sein Einauge blickt groß und königlich. –
Ein neuer Donnerschlag erschüttert das Weltall. Die Flammen haben die Gewalt. Schlag folgt auf Schlag, ein tosendes Erdbeben dem anderen, daß kein Felsen auf dem andern bleibt. Ein Jubelgeheul macht die Lüfte erdröhnen. Loki ist losgekommen! Die Felswand ist geborsten, die seine Fesseln hielt, die Fesseln sind zerplatzt! Hinstürmt er zur Hel, seiner grausigen Tochter, und ruft die Mörder und Schufte, die Meineidigen und die Hochverräter der Helleute auf zum Kampf gegen die Götter. Entvölkert ist Hel, denn die guten Geister sind geflüchtet im blutigen Wirrsal der Geschehnisse. Aber mit wüstem Totenvolk überladen, steuert Loki das Schiff der Hel gegen Asgard.