Widar gewahrt es, der »Gott mit dem Schuh«, der Wodanssohn. Nun kommt ihm der Schuh, der das Leder aller Länder als Opfergaben trägt, wohl zu statten. Er tritt dem Wolf in den Rachen und stemmt ihm mit dem zentnerschweren, undurchdringlichen Schuh den geifernden Unterkiefer auf dem Erdboden fest. Mit der Linken packt er den Oberkiefer. Die Rechte, die Schwerthand, hält die zweischneidige Klinge. Weit aus holt Widar und stößt dem Untier das Schwert bis an den Knauf durch den Rachen ins Herz. Blutrache! Blutrache für Allvater Wodan.
Da ward das Werk vollendet. Da brachen die Asen und Einherier wie Wetter in den Feind, das Vorbild zu erreichen, im Sterben würdig zu sein ihres Lebens, das ist: würdig der Unsterblichkeit.
Giftschnaubend wälzte sich die Midgardschlange heran. Ihr Pesthauch allein tötete. Aber schon stand der Donnerer vor ihr, der sie schon einmal an der Angel fing, als er Hymirs Kessel holte. Aufbäumte sich die Riesenschlange gegen den alten Todfeind. Diesmal entging sie ihrem Schicksal nicht. Der Hammer Mjolnir stand funkelnd über ihrem Haupt, und der Zermalmer durchschlug ihr den Schädel. In einer Wolke von giftigem Odem verging die Midgardschlange. Neun Schritte tat der Donnerer in der Giftwolke zurück. Dann verging ihm der Atem. Er, der den Menschen mit Blitz und Donner die Lüfte gereinigt hatte, konnte nicht leben im Dunst des Wurms. Die Freiheitsaugen brachen ihm. So folgte er Wodan. –
Und Freyer, der Sonnengott, folgte, vom Schwerte Surturs, des unheilig lodernden Feuers, getroffen. Und Ziu, der furchtlose Schwertgott, den die Nordmänner Tyr anriefen und dem die Jünglinge ihre Schwertertänze weihten, er, der dem Fenriswolf einstens die Rechte in den Rachen gelegt hatte, traf auf den leichenzerreißenden Hund der Hel, und während ihn der Hund zu Tode biß, erwürgte er ihn. Heimdall aber, der treue Wächter, stieß auf Loki, den Verräter, den er schon einmal im Kampf um Freyas Halsgeschmeide Brisingamen bestanden hatte, und so wild gingen sie aufeinander an und so wenig wollten sie voneinander lassen, daß sie beide von Wunden überdeckt zu Tode sanken. –
In dem Glutmeer, das Surtur entfachte, ist nicht mehr zu leben. Und dennoch geht das Würgen weiter, weiter bis auf den letzten Mann. Die Walküren sind gefallen, die gerbewaffneten Göttinnen mit ihnen. Die Einherier, die Germanenhelden, haben sich den Göttern gleich erwiesen und die Riesen und Unholde trotz ihrer Übermacht zu eklem Brei gestampft. Fast mit den letzten Feinden fallen ihre Letzten. Die riesischen Wölfe haben Sonne und Mond erreicht und sie verschlungen. Aber die Sonne gebar in ihrer Not ein Kind, und es spielt abseits auf einer Himmelswiese.
Durch die Welt lodert das Feuer, und das Eis der Gletscher schmilzt und wirft sich in Wasserströmen über glühende Erde, bis endlich, endlich die Glut erlischt.
Nacht bricht herein. In Nacht versinkt die sterbende Welt. –
Und ein Tag bricht an, ein neuer Tag.
Das spielende Sonnenkind hebt sich am Himmelsrand und lacht in Unschuld auf die Erde nieder. Es lockt und schmeichelt und tut schön mit seinen hellen Augen und seinen warmen Händen, bis es unter dem Schutt sich regt, den Feuer, Wasser und Erde hinterlassen haben, und ein paar schüchterne Gräser hervorkeimen. Ah, wie ist die Luft so klar und rein, das Leben so köstlich und lebenswert. Bald ist der Boden von Blumen übersäet, die Sträucher schlagen aus, die Bäume treiben Knospen. Und aus einem hohlen Baumstamm, der sich über und über mit Laub bedeckt, tritt ein Menschenpaar, das sich vor Feuersbrunst und Wasserflut in die rettende Höhlung geflüchtet, tastet sich furchtsam vor und steht überrascht in der neuen Sonne, dem neuen Lenz der Erde, dem neuen Menschenfrühling.