Mit weitgeöffneten Augen starrte der Schmied auf den Zornigen. »Nun könnt Ihr mich morden, Jungherr, denn Ihr habt die Waffe in der Hand.«

[9] Siegfrieds Zorn aber war schon verraucht. »Da habt Ihr sie wieder. Ich kämpfe nicht mit Waffenlosen. Auch scheint die Natur Euch Armen so schwer mißhandelt zu haben, daß man Euch mit Liebe begegnen muß.«

Der Mißgestaltete sah ihn noch immer an. Aber in seinen Augen war ein warmes Aufleuchten.

»Reicht mir die Hand. Ihr könnt nur Siegfried sein, der junge Held, von dessen Stärke schon heute die Sänger Kunde tun. Nun aber weiß ich, daß Ihr in Wahrheit ein Ritter seid. Denn Ihr habt ein reines und gütiges Herz.«

»Und wer seid Ihr?« fragte Siegfried.

»Ich bin Mime, der Schmied. Bleibt bei mir, so lange es Euch gefällt, und ich will Euch viele Künste lehren.«

Da blieb Siegfried bei Mime im Walde und wußte nicht, daß es ein Jahr ward und ein zweites und drittes, so lief die Zeit dahin wie ein Wunder und wurde von Meister und Schüler weidlich genützt. War Siegfried als Knabe stark gewesen, [10] so wurde er als Jüngling ein Hüne an Kraft und doch geschmeidig wie der schnellfüßigste Hirsch. Er lernte den Bären mit den Fäusten fangen und ihn am Bratfeuer ohne Messer und Spieß zerreißen und zerlegen. Das frische Blut trank er wie einen Becher Rotwein und genoß zum Wildbret eine Fülle von saftigen Wurzeln und Kräutern, die ihn vor jeder Krankheit bewahrten. Täglich aber unterrichtete ihn Mime in der höchsten Kunst des Waffenhandwerks und lehrte ihn die feinsten Handgriffe und die Vollendung in Ansturm und Abwehr, so daß ein einzelner leicht ein Dutzend bestände.

Es stand ein Roß im Stall, das stammte von den Rossen Wotans, auf denen einst die Walküren ritten, und hieß Grane. Das schenkte Mime seinem Zögling. Und Helm und Panzer schmiedete er ihm und ein Schwert, das durch härtestes Eisen schnitt wie durch einen Butterkloß, und das Schwert hieß Balmung. Wie da Siegfrieds Augen leuchteten!

[11] »Vater Mime,« fragte er, »weshalb macht Ihr mich so reich?«

Und der Mißgestaltete sprach: »Laß es dir gefallen, mein junger Held. Keiner auf der Welt hat mir Liebe geschenkt als du. Ist es da nicht verständlich, daß ich dir auf meine Art davon zurückgeben möchte?«