Mit erregten Worten hatte Siegfried sein Weib [131] zur Rede gestellt und sie hart angefahren, daß sie wie eine schlecht erzogene Zänkerin erwiesene Gastfreundschaft lohne. »Man verläßt ein Haus, in dem man beleidigt wird, aber man beleidigt nicht wieder.«
»Deinetwegen tat ich es,« schluchzte Kriemhild in Tränen, »ich tat es um deiner Ehre willen.«
Der Herold Sindold klopfte an die Tür und bat den edlen Herrn Siegfried zu seinem Herrn Gunther. Und auf der Stelle folgte ihm der Held. Denn er wünschte sogleich den Streit zu schlichten. Bei König Gunther aber saß Hagen von Tronje, und Hagen von Tronje hatte gesprochen: »Heute noch muß Siegfried sterben, oder Ihr seid der Liebe Eures Weibes und der Achtung Eures Volkes verlustig. Heute noch auf der Jagd. Es gibt keinen Ausweg.« Und König Gunther hatte ihm mit blassen Lippen zugestimmt.
Als Siegfried eintrat, erhoben sich die Herren und stellten sich jeder Versöhnung geneigt.
»Ich weiß es wohl,« sagte König Gunther, »daß Ihr an den bösen Worten schuldlos seid. Wer [132] urteilt richtig bei einem Zungenkampf von Frauen. Keine will den Zank begonnen, eine jede aber recht zum Schlusse haben. Laßt uns kein Wort mehr darüber verlieren, mein edler Siegfried, und zum Zeichen, daß zwischen uns Männern kein Zwist besteht, allsogleich miteinander aufbrechen, den Tag und Abend bei fröhlichem Weidwerk zu verbringen. Solch Tun wird jede üble Nachrede im Keim ersticken.«
Beschämt von so königlicher Güte reichte Siegfried dem Schwager beide Hände.
»Nehmt mein Versprechen, daß mein Weib das Eure als erste um Verzeihung bitten soll, sobald sie sich von ihren Tränen erholt hat. Denn ich habe sie hart gescholten.« Und er atmete befreit.
Hagen aber ging, die Jäger zusammenblasen zu lassen und Speise und Trank zu bestellen für weidlichen Imbiß im Walde. Und er ging hastig weiter und trat vor Frau Kriemhild.
»Vieledle Königin,« rief er fröhlich, »unsere Herren haben sich versöhnt und reiten zur Jagd [133] über den Rhein in den Odenwald. Legt Eurem Herrn Siegfried eilends sein Jagdgewand zurecht, denn gleich brechen wir auf.«
Und Kriemhild klagte: »Er wird im Zorne von mir scheiden und darum ein schlechter Jäger sein.«