»Ich werde ihn wohl behüten,« versprach Hagen von Tronje. »Auch ist ja seine Haut hörnern und gefeit gegen Waffen der Menschen und Tiere. Bis auf die kleine Stelle, von der die Kunde spricht.«
Aber Kriemhild klagte weiter: »O Hagen, teurer Oheim, wie hat mich mein Herr gescholten, und nun ist mir das Herz so schwer, als stünde ein Unglück in der Luft, dicht über meinem Herrn. Oh, wenn ihn ein Eber mit seinen Hörnern packte oder ein wilder Stier mit seinem Gehörn! Die Stelle könnte er treffen, an der Siegfried einzig verwundbar ist, und da mein Herr mir zürnt, werden seine Gedanken nicht beim Weidwerk sein, wie die Gefahr es heischt. O Gott, wie sollte ich die Schuld überleben, wenn ihn etwas träfe.«
[134] So klagte die Königin und ihr Herz war ahnungsschwer.
Da sprach Hagen zu ihr: »Ich fühle Euch nach, daß Ihr besorgt seid an solchem Tage. Aber ich will Euch Eure Sorgen abnehmen und auf der Jagd nicht von Eurem Herrn weichen. Nehmt ein rotes Fädlein und näht es auf sein Jagdwams, dorthin, wo sich des Helden verwundbare Stelle befindet, und ich will sie getreu mit meinem Schilde hüten.«
Mit vielen Dankesworten befolgte die weinende Frau den Rat und nähte ein rotes Kreuzlein auf den Rücken des Wamses. Hagen aber ging, da er Siegfried kommen hörte.
In der Mittagsglut fuhren die Jäger über den Rhein, bestiegen ihre Rosse und jagten in den kühlenden Schatten des Waldes hinein. Hussa, wie da Siegfried hinter der Meute stürmte! Hussa, wie sein schallender Weidmannsruf das Wild aufschreckte aus Höhlen und Gestrüpp! Einen riesigen Wisent warf er mit der Lanze um, daß [135] das Ungetüm tot zusammenbrach. Einen Wolf, der ihn ansprang, durchschoß er mit dem Pfeil. Und einen Eber, der schnaufend angerannt kam, schlug er mit Balmung, seinem Schwert, so furchtbar ins Genick, daß der Kopf des Ungeheuers sich vom Rumpfe trennte und augenrollend im Sumpfe lag. Hirsch und Rehwild zu erlegen, überließ er den anderen. Immer weiter jagte er in den dichten Forst, die Jäger hinter ihm. Da hob sich ein Bär von nie gesehener Größe aus seinem Lager auf den Hinterpranken, und die Jäger stoben schreiend von dannen. Siegfried aber sprang vom Pferde, warf sich mit weitgeöffneten Armen auf das Untier, rang es nieder, schnürte ihm die Beine zusammen und schleppte es lebendig auf den Lagerplatz.
Und es war ein Rühmen und Jauchzen unter allen Jagdgenossen!
Sie saßen um die Lagerfeuer und griffen nach den schmorenden Braten. Da rief Siegfried: »Wo bleibt der Schenk? Die Zunge klebt mir im [136] Munde, so durstig hat mich die wilde Jagd gemacht und der heiße Tag.«
Und Hagen wandte sich zu ihm und sprach: »Verzeihet mir, sehr edler Herr Siegfried. Ich trage die Schuld, daß wir dursten müssen, denn ich sandte den Wein versehentlich an eine andere Stelle, die leider weit von dieser liegt.«
Das machte den Helden unfroh, und er rief im Unmut: »So wollt Ihr mich denn wirklich verdursten lassen, nachdem ich Euch den Wald gesäubert habe? Das deucht mir schlechter Lohn.«