Zu den wilden Tieren zählte er aber auch die Schlangen, obgleich er wußte, daß sie zoologisch eigentlich nicht dazu gehörten. Ein abgebrochener Ast auf der Erde, der Schatten seines eigenen Stockes ... überall sah er welche.
Einmal sahen sie wirklich ein Puma in einiger Entfernung. Herr Dr. Bürstenfeger blieb stehen, erblaßte, sammelte sich aber und flüsterte: „der Silberlöwe greift nicht den Menschen an, sondern flieht ihn.“ Ein andermal, als sie durch eine Schlucht gingen, kreiste in ziemlicher Höhe über ihnen ein Kondor, und obwohl der Hauslehrer wußte, daß er ihnen nicht gefährlich sein konnte, zog er doch krampfhaft die Knaben an sich und neigte einen Augenblick sehr erschrocken den Kopf ...
Die Spaziergänge nahmen einen nicht kleinen Teil des Tages ein, oft gab Herr Dr. Bürstenfeger dabei seine Lektionen. Den eigentlichen Unterricht erteilte er hinter dem Hause im Garten unter einem Nußbaum, wo ein Tisch und zwei Bänke standen.
Jeden Morgen mußte sie José, der Knecht, auf Befehl Herrn Dr. Bürstenfegers mit heißem Wasser scheuern, weil sie inzwischen wieder von den Vögeln beschmutzt worden waren; dann folgten ein paar Schulstunden, die auch nicht ohne Zwischenfälle abliefen. Es trieb sich z. B. José mit einer der Mägde weiter hinten herum, oder es wurde Obst von den Bäumen geschlagen, eine Kuh verirrte sich in den Garten, oder gar die Säue.
Diese zu hüten war ein kleiner, dreijähriger Indianer angestellt, der zusammen mit Julio beim letzten Ausfall im Azul erbeutet worden war. Er hieß Manuelito und hielt eine lange Gerte in der Hand, Beinkleider, die einem halbwüchsigen Knaben gehört hatten, umschlotterten seine Beine. Auf dem Kopfe trug er einen riesigen Filzhut, dessen Krempen auf seinen Schultern ruhten. So ausgerüstet, hatte er die Schweine auf die Weide zu treiben, die ihn aber gar nicht respektierten.
Einmal drangen sie durch eine schadhafte Stelle der Hecke in den Garten. Manuelito hatte sich ihnen mit ausgebreiteten Armen entgegengestellt und geschrien: „Kehrt um, kehrt um, ihr Schweinchen!“ Sie aber waren einfach über ihn hinweggetrampelt.
Als Carlos und Nicolás das sahen, schnellten sie von ihrer Bank auf und eilten Manuelito, der heulend auf dem Rücken lag, zu Hilfe.
Herr Dr. Bürstenfeger stand im Hintergrund und kämpfte einen harten Kampf zwischen Pflicht und Wohlwollen, aber die Pflicht siegte, und Carlos und Nicolás hatten hundertmal einen Satz abzuschreiben, der sich auf den Schulunterricht und Manuelito und seine Schweine bezog. Dieser Zwischenfall aber änderte durchaus nichts am Programm des Schultages. Zum Schluß nahm der Hauslehrer das Lineal in die Hand, reichte den Knaben ein Liederbuch, und sie stimmten alle drei an, er mit ungemein kräftigem Baß, Carlos und Nicolás mit sehr falscher Stimme:
Kuckuck, Kuckuck ruft aus dem Wald,