5. Mose 34; 4-5.
Als man das Lager aufschlug, war es später Abend. Müdigkeit und die Anstrengungen der letzten Tage warfen das Volk schnell in die gebräunten Zelte. Nur Flüche, Schmerzensschreie der Mütter und kleines Jammern der Kinder gingen noch hin und her, um in der übersternten Nacht dann zu versinken. Der Morgen setzte goldene Spitzen auf die Zelte, die langsam, eins nach dem andern, sich öffneten. Hagere Männer, deren Körper nur Ausdruck von Hunger und Überdruß waren, traten, den Blick zu Boden gesenkt, hervor, sahen nach den Herden und ließen sich aus den wenigen Schläuchen, die noch gefüllt waren, in kleine Holzgefäße Wasser gießen.
Da brach plötzlich durch das sich noch im halben Schlummer dehnende Lager ein Schrei: hell wie der Schofarklang, der vor der Bundeslade daherzog, und innig wie unbesorgtes Kinderlachen. Jobab, der siebzehnjährige Sohn des Priesters Josef vom Stamme Levi, der seinen braunen Körper wie jeden Morgen mit durchsengtem Wüstensande wusch, hatte ihn ausgestoßen. Von allen Seiten eilte man auf ihn zu. Selbst die am Rande des Lagers gelegenen Zelte hatten sich geöffnet. Männer und Frauen stürmten herbei, Greise und Kinder schlürften langsamer nach.
Jobab stand auf einem Stein, jetzt völlig vom Morgen überstrahlt. Sein braunes Auge starrte verzückt in die Ferne. Alles hing an seinem leicht geöffneten Mund, um den ein übermütiges Lachen sich auszubreiten begann. Schließlich wies er nach Osten: auf den hell erglühenden Horizont.
Und da erkannten die schärferen Augen der Jungen, daß dort, wo die Welt durch die Himmelskugel abgeschlossen erschien, die Wüste sich wellig zu heben begann. Als ob ein Schläfer am Morgen, nach einer guten Nacht, die Decke langsam von sich streift und am Fußende des Lagers auftürmt, so hob sich die Erde, und je höher die Sonne in den neuen Tag stieg, desto schwerer, breiter und zackiger empor. Über den Sand strich leiser Wind und trieb die Körner dem fremden Wunder entgegen.
Da warfen Mädchen und Jünglinge ihre schmalen Leiber auf den Boden der Wüste und riefen dreimal, Angst in der Kehle und unterdrücktes Weinen in der Stimme, den Namen Jahve den Erdtürmen zu. Die Älteren aber lächelten. Freudig blickten sie sich an, ergriffen ihre harten Hände und hoben dann sanft die Kinder empor.
Sie wußten, daß jene gewellte Mauer nicht der Thron Gottes sei. Sie dachten zurück an Mizrajim, an die breiten, schweren Gebirge, die das üppige Land vor der Wüste schützten. Und auf ihren Lippen formten sie dies ungewohnte Wort „Gebirg“ und sprachen es langsam und feierlich aus.
Das Gebirg aber begann zu wachsen. Die letzten Wolken fielen von seinen Spitzen. Im bräunlichen Licht des vollen Tages dehnte es sich in unendlicher Weite. Jeder begriff: die Wüste war hier zu Ende. Die lange Wanderung, auf der Generationen gestorben und geboren waren, hatte ihr Ziel erreicht. Jenseits dieser Mauer begann Verheißung und Glück, das kanaanitische Paradies, in das Jahve sein Volk zurückzuführen versprochen hatte.
Da brach ein unendlicher Jubel im Lager aus. Schalmeien, Pauken und Schofare ertönten. Alles verließ die Zelte. Selbst die Kranken und Sterbenden schleppten sich von den Lagern, um das Ende von Israels Leidensweg zu schauen. Neue Lieder wuchsen auf Gassen und Plätzen und wurden von allen gesungen. Hier kamen junge Menschen zusammen, rissen die verfallenen Fetzen ihrer Kleider vom Leibe und begannen jauchzende Reigen. Dort fielen Paare in liebende Umarmung. Statt Fluch, Erbitterung und Not standen helle Gebärden und freudige Worte auf.
Man rief sich Belehrungen über das Gebirge zu, die niemand glaubte. Jeder wußte genau, wie hoch und breit es sei und wie lange man noch bis zu seinem Fuß zu gehen hätte. In einigen Gruppen gestikulierender Männer schien sogar Streit hierüber zu entstehen.