Als der Mittag kam, fand sich das Volk den neuen Erwartungen schon zugekehrter. Die Gespräche gingen um die Genüsse und Vorteile des reichen Landes, das sie in wenigen Tagen betreten würden. Von den vierzigjährigen Entbehrungen und Qualen sprach niemand mehr. Aber wie eine Erinnerung strahlte die Wüste ihre schmerzliche Schönheit aus.
In ihrer weiten Monotonie glich sie Gedanken, die ins Unendliche sich dehnten. Da war das große, braune, endlose Meer, durch das als schmales Rinnsal die Spuren eines wandernden Volkes sich zogen. Da war die schwere und tiefe Stille, die nur Schakale und göttliche Verheißung zerreißen konnten. Da war die Schönheit der Weite, Reinigung und Einsamkeit. Über die Landschaft hingen wie Abschiedsworte graue Wolkentücher.
Einige Jünglinge hatten sich von den Zelten entfernt, lagerten sich auf einem erratischen Felsen und blickten schweigend zur Wüste hinab. Sie, die in der Wüste geboren und aufgewachsen waren, ihr junges Leben zwischen Auf- und Abbau der Zelte verbrachten, denen Wandern, stilles, schweres Wandern und der Glaube an Gott und Israels Zukunft einziger Lebensinhalt geworden waren — sie hatten ihre Seele mit der Landschaft so gefüllt, daß Trennung unmöglich schien. Die Stille war in ihnen, wie sie in der Stille waren.
Nur einer von ihnen streckte über die Wüste wie segnend seine Hände aus, um sie dann langsam sinken zu lassen.
Da fingen alle zu beten an. Die schwere, heiße Luft saugte ihre Worte und Empfindungen auf wie der durchglühte Sand die Wasserreste. Ihre hellen Stimmen schwollen an, jubelten, klagten und sehnten sich. Irgend etwas ging in ihnen vor, das sie nicht benennen konnten.
Sie sahen sich schweigend an. Sie wußten, was jetzt geschah, war anderes und größeres als die Trennung zwischen Vergangenheit und Zukunft. Entscheidungen standen bevor, fast zu schwer für ihre schwache und hilflose Jugend. Weltenschicksal wollte sich an ihnen vollziehen. Gefühle standen in ihnen auf, so mächtig, weit und furchtbar, daß ihre Leiber wie unter einem Frost erschauerten. Sie konnten die Vergangenheit nicht von sich stoßen; sie war ihnen mehr als Not und Entbehrung, sie war ihnen Leid, tiefes, verantwortungsvolles, letztes Inneres entblößendes Leid.
Schließlich sprach einer: „Es ist nicht gut zu jubeln, weil wir die Wüste verlassen. Die Wüste ist schön.“
„Ja, sie ist schön,“ riefen sie alle und beugten sich tief über die Landschaft wie über den Körper der Geliebten hin. Sie ahnten, daß das Wandern, das Fehlen jedes Genusses, das Hinziehen der Tage in unendlicher Gleichmäßigkeit sie veredelt hatte; so standen sie fremd jenen gegenüber, die Mizrajims Reichtümer gekannt hatten und in Kanaan sie wiederzufinden hofften. Sie hatten ihr Leben nur Gott geweiht. Heiligkeit brannte in ihrem Blut. Erkenntnis lenkte ihren Willen, der weit über irdische Güter sich sehnte. Glauben verband sie einander zu einer Gemeinschaft, die, gefühlt nur und nie genannt, kein anderes Ziel als dieses eine hatte: Gott.
Als sie ins Lager zurückkehrten, brach man die Zelte ab. Der letzte Teil der großen Wanderung sollte beginnen.