Gegen Ende des Jahres 1802 übersiedelte sich Tieck auf Burgsdorff’s Einladung mit Frau und Kind auf längere Zeit nach Ziebingen. Von den Erinnerungen an die alte Freundschaft und der Gegenwart kam man auf die Zukunft, und es entstand der Plan einer gemeinschaftlichen Rundreise durch Deutschland. Seit den Studienjahren hatte sich Tieck nur zwischen Berlin und Jena, Hamburg und Dresden bewegt.
Im Juni 1803 brachen sie auf. Sie gingen über Guben nach Dresden, wo Tieck Fouqué sah, der damals noch preußischer Lieutenant, durch A. W. Schlegel angeregt, sich den jüngern Dichtern angeschlossen hatte. Eben fing er an, mit der ältern deutschen Poesie und den nordischen Sagenkreisen sich bekannt zu machen.
Darauf schlugen sie den Weg nach Böhmen ein. Bei dem herrlichsten Wetter überstiegen sie die Nollendorfer Höhen, und blickten in das reiche böhmische Land hinab, das sich zu ihren Füßen ausbreitete. Doch als die Sonne sank, folgte auf den ersten Rausch des Entzückens ein verdrießliches Abenteuer. Statt, wie sie wünschten, Teplitz mit dem Abend zu erreichen, langten sie erst in der Nacht daselbst an. Des Weges unkundig, hielt der Fuhrmann in tiefer Finsterniß vor einem großen Thore, das die Einfahrt zum Gasthofe sein sollte. Nach mancherlei Fragen und Untersuchungen ergab sich, man stand vor dem Kirchhofe und hatte Einlaß begehrt.
In Karlsbad trafen sie Novalis’ jüngern Bruder, Karl von Hardenberg, der sich unter dem Namen Rostorf als Dichter versucht hatte, ohne das Talent und den Tiefsinn des Bruders zu besitzen. Ein trefflicher Charakter, lebte er in der Erinnerung des Geschiedenen. Die Verbindung, in welche Tieck durch die Herausgabe des Nachlasses mit ihm gekommen war, ward zu einer persönlichen und freundschaftlichen.
Dann betraten sie das Fichtelgebirge und den wohlbekannten Boden des Frankenlandes. Sie sahen die Ruine von Berneck, Erlangen, Pommersfelde wieder, und das geliebte Nürnberg. Ueberall wurden alte Erinnerungen aufgefrischt, und alte Bekanntschaften erneuert. Dann ging es nach Bamberg, weiter nach Würzburg und durch den Spessart nach Heidelberg, wo sie Daub und Creuzer sahen. In Heilbronn kehrten sie um. Sie gingen durch das Kocherthal, und im Andenken an Götz und Goethe, den Helden und den Dichter, besuchten sie Jaxthausen. In Kissingen standen sie am Grabe der Auguste Böhmer, und kamen endlich nach Liebenstein, wo sie, wie verabredet worden, mit Hardenberg wieder zusammentrafen.
Durch diesen wurden sie dem Herzoge von Sachsen-Meiningen vorgestellt. Diesem begegnete Tieck bald darauf in einer Breterbude, wo ein Marionettentheater aufgeschlagen war, das er selbst nicht unbesucht lassen konnte. Hier saß der Herzog als Zuschauer, um einen rohen Kunstgenuß mit Badegästen, Soldaten und Bauerndirnen zu theilen, mitten in einem undurchdringlichen Tabacksdampfe, den er selbst nicht wenig vermehrte.
Zufällig ward Tieck in einem öffentlichen Garten auch mit dem Schriftsteller Cramer bekannt, der als Forstmeister im Meiningischen lebte. Als unerschöpflicher Autor roher und geschmackloser Ritterromane, war dieser Mann oft Gegenstand seiner humoristischen Angriffe gewesen, wie ein Anderer desselben Schlages, den er früher in Tharand gesehen hatte, Schlenkert. Im eifrigen Gespräche saß Cramer im Kreise seiner Bekannten. Das Gesicht war pockennarbig, der Ausdruck platt und gewöhnlich, die Stimme hart und rauh. Die Pausen der Rede füllte er durch lange Züge aus einer großen Meerschaumpfeife; in dicken Qualmwolken blies er den Rauch umher. Er sprach in einer sonderbaren Mischung der überschwänglichsten und niedrigsten Redensarten, Schimpfwörter wurden in seinem Munde zum Ausdrucke der Anerkennung. Er erzählte von seinen alten Freunden. Es waren alle herrliche, erhabene, idealische Kraftmenschen; sie schienen die Urbilder seiner Ritter und Kämpen zu sein. Leider hatten die meisten von ihnen im Gefängnisse oder im Krankenhause ein elendes Ende genommen. Einen pries er vor Allen, welcher die größten undenkbarsten Gedanken gedacht habe; er würde ein ganz idealischer Mensch gewesen sein, wenn er nicht einen übelriechenden Athem gehabt hätte.
Doch die Reise sollte mit einem Abenteuer enden, dem Schiffbruche ähnlich, welcher zehn Jahre früher die studentische Fahrt durch das westliche Deutschland beschlossen hatte. An der Bank zu Liebenstein wollte Burgsdorff sein Glück versuchen. Doch binnen kurzer Zeit verlor er bis auf einen dürftigen Rest das gesammte Reisegeld. So schnell als möglich eilte man nach Dresden, wo man Freunde und Unterstützung zu finden hoffte. Aber das Geld schmolz noch schneller. In Chemnitz mußten die Reisenden ihr Gepäck als Pfand zurücklassen, doch zum Glück fanden sie in der letzten Nacht in einem einsam gelegenen Forsthause gastfreie Aufnahme. Sie waren froh, Dresden endlich zu erreichen. Noch einmal war es ein Abenteuer aus der Jugendzeit, und wenn auch reich an Unbequemlichkeiten, dennoch unterhaltend und in der Erinnerung ein trefflicher Spaß.