„Armer Benedix,“ sprach er, „gib dich zufrieden und sei getrost und unverzagt, du sollst nicht sterben. Ich habe in Erfahrung gebracht, daß du unschuldig bist an dem Raube und deine Hand mit keinem Laster befleckt hast, darum bin ich gekommen, dich aus dem Kerker zu entführen und der Bande zu entledigen.“ Er zog einen Schlüssel aus der Tasche. „Laß sehen,“ fuhr er fort, „ob er schließe.“ Der Versuch gelang, der Entfesselte stand da, frank und frei, die Ketten fielen ab von Händen und Füßen. Hierauf wechselte der gutmütige Ordensbruder mit ihm die Kleider und sprach: „Gehe gemachsam wie ein frommer Mönch durch die Schar der Wächter vor der Tür des Gefängnisses und durch die Straßen, bis du der Stadt Weichbild hinter dir hast; dann schürze dich hurtig und schreite rüstig zu, daß du gelangst ins Gebirge, und raste nicht, bis du in Liebenau vor Klärchens Tür stehst, klopfe leise an, dein Liebchen harret deiner mit ängstlichem Verlangen.“

Der gute Benedix wähnte, das alles sei nur ein Traum, rieb sich die Augen, zwickte sich in die Arme, um zu versuchen, ob er wache oder schlafe, und da er inne ward, daß sich alles so verhalte, fiel er seinem Befreier zu Füßen und umfing seine Knie, wollte eine Danksagung stammeln und lag da in stummer Freude, denn die Worte versagten ihm. Der liebreiche Mönch trieb ihn endlich fort und reichte ihm noch ein Laib Brot und eine Knackwurst zur Zehrung auf den Weg. Mit wankendem Knie schritt Benedix über die Schwelle des traurigen Kerkers und fürchtete immer, erkannt zu werden. Aber sein ehrwürdiges Gewand gab ihm die Gewähr, daß keiner der Wächter in ihm einen Verbrecher vermutete.

Klärchen saß indessen bänglich einsam in ihrem Kämmerlein, horchte auf jedes Rauschen des Windes und spähete nach jedem Fußtritt der Vorübergehenden. Oft dünkte ihr, es rege sich was am Fensterladen, oder es klinge der Pfortenring; sie schreckte auf mit Herzklopfen, sah durch die Luke und es war Täuschung. Schon schüttelten die Hähne in der Nachbarschaft die Flügel und verkündeten durch ihr Krähen den kommenden Tag; das Glöcklein im Kloster läutete zur Frühmette, das ihr wie Totenruf und Grabesklang tönte; der Wächter stieß zum letzten Male ins Horn und weckte die schnarchenden Bäckermägde zu ihrem frühen Tagewerk. Klärchens Lampe fing an, dunkel zu brennen, weil’s ihm an Öl gebrach, ihre Unruhe mehrte sich mit jedem Augenblick. Sie saß auf ihrer Bettlade, weinte bitterlich und seufzte: „Benedix, Benedix! Was für ein banger Tag für dich und mich dämmert jetzt heran!“ Sie lief ans Fenster, ach! blutrot war der Himmel nach Hirschberg hin und schwarze Nebelwolken webten wie Trauerflor und Leichentücher hin und wieder am Horizonte. Ihre Seele bebte vor diesem ahnungsvollen Anblick zurück, sie sank in dumpfes Hinbrüten und Totenstille war um sie her.

Da pocht’s dreimal leise an das Fenster, als ob sich etwas rührte. Ein froher Schauder durchlief ihre Glieder, sie sprang auf, tat einen lauten Schrei; denn eine Stimme flüsterte durch die Luke: „Feins Liebchen, bist du wach?“ — Husch war sie an der Tür. — „Ach, Benedix, bist du’s oder ist’s dein Geist?“ Wie sie aber den Bruder Graurock erblickte, fiel sie zurück und sank vor Entsetzen hin. Da umschlang sie sanft sein treuer Arm und der Kuß der Liebe brachte sie bald wieder ins Leben.

Nachdem Erstaunen und die Ergießungen der ersten freudigen Herzensgefühle vorüber waren, erzählte ihr Benedix seine wunderbare Errettung aus dem peinlichen Kerker; doch die Zunge klebte ihm am Gaumen vor großem Durst und Ermattung. Klärchen ging, ihm einen Trunk frisches Wasser zu holen, und nachdem er sich damit gelabt hatte, fühlte er Hunger; aber sie hatte nichts zum Imbiß als Salz und Brot. Da gedachte Benedix an seine Knackwurst, zog sie aus der Tasche und wunderte sich, daß sie schwerer als ein Hufeisen, brach sie voneinander, sieh! da fielen eitel Goldstücke heraus, worüber Klärchen nicht wenig erschrak; sie meinte, das Gold sei ein Rest von dem Raube des Händlers und Benedix sei nicht so unschuldig, als ihn der ehrsame Mann gemacht habe, der ihr im Gebirge erschienen war. Allein der truglose Geselle beteuerte höchlich, daß der fromme Ordensmann ihm diesen verborgenen Schatz vermutlich als eine Hochzeitssteuer verliehen habe, und sie glaubte seinen Worten. Darauf segneten beide mit dankbarem Herzen den edelmütigen Wohltäter, verließen ihre Vaterstadt und zogen gen Prag, wo Meister Benedix mit Klärchen, seinem Weibe, lange Jahre als ein ehrsamer Bürger und wohlhabender Mann in friedlicher Ehe lebte.

In der frühen Morgenstunde, da Klärchen mit schauervoller Freude den Finger ihres Benedix am Fenster vermerkte, klopfte auch in Hirschberg ein Finger an die Tür des Gefängnisses. Das war der Bruder Graurock, der, von frommem Eifer aufgeweckt, den Anbruch des Tages kaum erwarten konnte, die Bekehrung des armen Sünders zu vollenden. Rübezahl hatte die Rolle des Verurteilten übernommen und war entschlossen, sie auszuspielen. Er schien wohlgefaßt zum Sterben zu sein und der fromme Mönch freute sich darüber und erkannte diese Standhaftigkeit alsbald für die gesegnete Frucht seiner Zusprache an; darum ermangelte er nicht, ihn in dieser Gemütsverfassung zu erhalten, und beschloß seine Rede mit den Trostesworten: „So viel Menschen du bei deiner Ausführung erblicken wirst, die dich an die Gerichtsstätte geleiten, sieh, so viel Engel stehen schon bereit, deine Seele einzuführen ins schöne Paradies.“ Darauf ließ er ihn der Fesseln entledigen, hörte seine Beichte und sprach ihn los von seinen Sünden.

Die Zeit war darüber verlaufen, das peinliche Gericht hielt dafür, daß es nun an der Stunde sei, den Leib zu töten. Auf dem Platze der Hinrichtung verlas der Richter noch einmal das Urteil und brach zum Zeichen dessen, daß er dem Tode verfallen sei, einen Stab über dem Kopfe des Verurteilten entzwei. Danach führten ihn die Henker auf die Leiter am Galgen und legten ihm die Schlinge des Strickes um den Hals. Als er nun von der Leiter gestoßen wurde, zappelte er am Strange nach Herzenslust und trieb das Spiel so arg, daß dem Henker dabei übel zumute ward; denn es erhob sich ein plötzliches Getöse im Volk und einige schrien, man solle den Henker steinigen, weil er den armen Sünder über die Gebühr martere. Um also Unglück zu verhüten, streckte sich Rübezahl lang aus und stellte sich an, als sei er tot. Da sich aber das Volk verlaufen hatte und nachher einige Leute in der Gegend des Hochgerichts hin- und herwandelten, aus Vorwitz hinzutraten und den Leichnam beschauen wollten, fing Rübezahl am Galgen sein Spiel von neuem an und erschreckte die Beschauer durch fürchterliche Grimassen. Daher lief gegen Abendzeit in der Stadt das Gerücht um, der Gehangene könne nicht ersterben und tanze noch immer am Hochgericht. Das bewog die Stadtbehörde, des Morgens in aller Frühe durch einige Abgeordnete die Sache untersuchen zu lassen. Wie sie nun dahin kamen, fanden sie nichts als einen Strohmann am Galgen, mit alten Lumpen bedeckt, wie man pflegt in Erbsen zu stellen, die genäschigen Spatzen damit zu verscheuchen. Darüber wunderten sich die Herren von Hirschberg gar sehr, ließen in aller Stille den Strohmann abnehmen und breiteten aus, der große Wind habe zur Nachtzeit den leichten Schneider vom Galgen über die Grenze geweht.

5.
Rübezahl und der Bauer Veit.

Einen Bauer in der Amtspflege Reichenberg hatte ein böser Nachbar durch einen Prozeß um Hab und Gut gebracht, und nachdem sich das Gericht seiner letzten Kuh bemächtigt hatte, blieb ihm nichts übrig als ein abgehärmtes Weib und ein halbes Dutzend Kinder. Zwar hatte er noch ein paar rüstige, gesunde Arme, aber sie waren nicht hinreichend, sich und die Seinigen damit zu ernähren. Es schnitt ihm durchs Herz, wenn die jungen Raben nach Brot schrien und er nichts hatte, ihren quälenden Hunger zu stillen.

„Mit hundert Talern,“ sprach er zu dem kummervollen Weibe, „wäre uns geholfen, unsern zerfallenen Haushalt wieder einzurichten und fern von dem streitsüchtigen Nachbar ein neues Eigentum zu gewinnen. Du hast reiche Vettern jenseits des Gebirges, ich will hin und ihnen unsere Not klagen; vielleicht, daß sich einer erbarmet und aus gutem Herzen von seinem Überfluß uns auf Zinsen leiht, so viel wir bedürfen.“