„Er zog auf die Wanderschaft übers Gebirge und als es zum Abschied ging, sprach er: ‚Feins Liebchen, bleib mir treu. Wenn der Apfelbaum zum dritten Male blüht und die Schwalbe zum Nest trägt, kehr’ ich von der Wanderschaft zurück, dich heimzuholen als mein junges Weib;‘ und das gelobte ich ihm zu werden durch einen teuren Eid. Nun blühte der Apfelbaum zum dritten Male und die Schwalbe nistete, da kam Benedix wieder, erinnerte mich meiner Zusage und wollte mich zur Trauung führen. Ich aber neckte und höhnte ihn und sprach: ‚Dein Weib kann ich nicht werden, du hast weder Herd noch Obdach. Schaff’ dir erst blanke Taler an, dann frage wieder.‘ Der arme Junge wurde durch diese Rede sehr betrübt. ‚Ach, Klärchen,‘ seufzte er tief, mit einer Träne im Auge, ‚steht dir dein Sinn nach Geld und Gut, so bist du nicht das biedere Mädchen mehr, das du vormals warst! Schlugst du nicht ein in diese Hand, da du mir deine Treue schwurest? Und was hatte ich mehr als diese Hand, dich einst damit zu ernähren? Woher dein Stolz und spröder Sinn? Ach, Klärchen, ich verstehe dich; ein reicher Freier hat mir dein Herz entwendet; lohnst du mir also, Ungetreue? Drei Jahre habe ich mit Sehnsucht und Harren traurig verlebt, habe jede Stunde gezählt bis auf diesen Tag, da ich kam, dich heimzuführen. Wie leicht und rasch machte meinem Fuß Hoffnung und Freude, da ich übers Gebirge wandelte, und nun verschmähst du mich!‘ Er bat und flehte, doch ich blieb fest auf meinem Sinn: ‚Mein Herz verschmäht dich nicht, o Benedix!‘ antwortete ich, ‚nur meine Hand versag’ ich dir für jetzt; zieh hin, erwirb dir Gut und Geld, und hast du das, so komm, dann will ich dich gern zum Mann nehmen.‘ ‚Wohlan,‘ sprach er mit Unmut, ‚du willst es so, ich gehe in die Welt, will laufen, will rennen, will betteln, stehlen, sparen, sorgen und eher sollst du mich nicht wiedersehen, bis ich erlange den schnöden Preis, um den ich dich erwerben muß. Leb’ wohl, ich fahre hin, Ade!‘ — So hab’ ich ihn betört, den armen Benedix; er ging ergrimmt davon; da verließ ihn sein guter Engel, daß er tat, was nicht recht war und was sein Herz gewiß verabscheute.“

Der ehrsame Mann schüttelte den Kopf über diese Rede und rief nach einer Pause mit nachdenklicher Miene: „Wunderbar!“ Hierauf wendete er sich zu der Dirne: „Warum,“ fragte er, „erfüllst du aber hier den leeren Wald mit deinen Wehklagen, die dir und deinem Bräutigam nichts nützen und frommen können?“

„Lieber Herr,“ fiel sie ihm ein, „ich war auf dem Wege nach Hirschberg, da wollte mir der Jammer das Herz abdrücken, darum weilte ich unter diesem Baume.“

„Und was willst du in Hirschberg tun?“

„Ich will dem Blutrichter zu Fuße fallen, will mit meinem Klagegeschrei die Stadt erfüllen und die Töchter der Stadt sollen mir wehklagen helfen, ob das die Herren erbarmen möchte, dem unschuldigen Blut das Leben zu schenken; und so mir’s nicht gelingt, meinen Benedix dem schmählichen Tode zu entreißen, will ich freudig mit ihm sterben.“

Rübezahl wurde durch diese Rede so bewegt, daß er von Stund’ an seiner Rache ganz vergaß und der Trostlosen ihren Bräutigam wiederzugeben beschloß. „Trockne ab deine Tränen,“ sprach er mit teilnehmender Gebärde, „und laß deinen Kummer schwinden. Ehe die Sonne zur Rüste geht, soll dein Benedix frank und frei sein. Morgen um den ersten Hahnenschrei sei wach und aufmerksam und wenn ein Finger ans Fenster klopft, so tu auf die Tür deines Hauses; denn es ist dein Benedix, der davor stehet. Hüte dich, ihn wieder wild zu machen durch deinen spröden Sinn. — Du sollst auch wissen, daß er das Bubenstück nicht begangen hat, dessen du ihn zeihest, und du hast gleichfalls keine Schuld; denn er hat sich durch deinen Eigensinn zu keiner bösen Tat reizen lassen.“

Das Mädchen, verwundert über diese Rede, sah ihm starr und steif ins Gesicht und weil darin keine Schalkheit oder Trug sich zeigte, gewann sie Zutrauen, ihre trübe Stirn klärte sich auf und sie sprach voll froher Zuversicht: „Lieber Herr, wenn Ihr mein nicht spottet und es also ist, wie Ihr sagt, so müßt Ihr ein Seher oder der gute Engel meines Benedix sein, daß Ihr das alles so wißt.“

„Sein guter Engel?“ versetzte Rübezahl betroffen, „nein, der bin ich wahrlich nicht; aber ich kann’s werden und du sollst’s erfahren! Ich bin ein Bürger aus Hirschberg, habe mit zu Rate gesessen, als der arme Sünder verurteilt wurde; aber seine Unschuld ist ans Licht gebracht, fürchte nichts für sein Leben. Ich will hin, ihn seiner Bande zu entledigen, denn ich vermag viel in der Stadt. Sei guten Muts und kehre heim in Frieden.“ Das Mädchen machte sich alsbald auf und gehorchte, obgleich Furcht und Hoffnung in ihrer Seele kämpften.

Der ehrwürdige Pater Graurock hatte sich’s die drei Tage des Aufschubs inzwischen blutsauer werden lassen, den Verurteilten gehörig zum Tode vorzubereiten. Als er dem trostlosen Benedix zum letztem Male gute Nacht gewünscht hatte, begegnete ihm Rübezahl unsichtbarerweise beim Eingange, noch unentschlossen, wie er sein Vorhaben, den armen Schneider in Freiheit zu setzen, auszuführen vermöchte. In dem Augenblick geriet er auf den Einfall, der recht nach seinem Sinn war. Er schlich dem Mönche ins Kloster nach, stahl aus der Kleiderkammer ein Ordenskleid, fuhr hinein und begab sich in Gestalt des Bruders Graurock ins Gefängnis, welches ihm der Kerkermeister ehrerbietig öffnete.

„Das Heil deiner Seele,“ redete er den Gefangenen an, „treibt mich nochmals hierher, da ich dich kaum verlassen habe. Doch hatte ich vorher vergessen, dich nach etwas zu fragen. Sag’ an, denkst du auch noch an Klärchen? Liebst du sie noch als deine Braut? Hast du ihr etwas vor deiner Hinfahrt zu sagen, so vertraue es mir.“ Benedix staunte bei diesem Namen noch mehr; der Gedanke an sie, den er mit großer Gewissenhaftigkeit in seiner Seele zu ersticken bemüht gewesen war, wurde auf einmal wieder so heftig angefacht, besonders da vom Abschiedsgruße die Rede war, daß er überlaut anfing zu weinen und zu schluchzen und kein Wort vorzubringen vermochte. Diese herzbrechende Gebärdung jammerte den mitleidigen Mönch also, daß er beschloß, dem Spiel ein Ende zu machen.