Das Mädchen, das ganz in Schwermut versunken war, schreckte auf, da sie diese Stimme hörte, und erhob ihr gesenktes Haupt. Zwei helle Tränen glänzten in ihren Augen und das holde, jungfräuliche Antlitz war mit dem Ausdruck banger Schmerzensgefühle übergossen. Da sie den ehrsamen Mann vor sich stehen sah, sprach sie: „Was kümmert Euch mein Schmerz, guter Mann, da Ihr nicht helfen könnt? Ich bin eine Unglückliche, eine Mörderin, habe den Mann meines Herzens gemordet und will abbüßen meine Schuld mit Jammer und Tränen, bis mir der Tod das Herz bricht.“
Der ehrbare Mann staunte. „Du eine Mörderin?“ rief er, „bei diesem freundlichen, lieben Gesicht trügst du die Hölle im Herzen? Unmöglich! — Zwar die Menschen sind aller Ränke und Bosheit fähig, das weiß ich; gleichwohl ist mir’s hier ein Rätsel.“
„So will ich’s Euch lösen,“ erwiderte die trübsinnige Jungfrau, „wenn Ihr es zu wissen begehrt.“
Er sprach: „Sag’ an!“
„Ich hatte einen Gespielen von Jugend an, den Sohn meiner Nachbarin. Er war so lieb und gut, so treu und bieder, liebte mich so standhaft und herzig, daß ich ihm ewige Treue gelobte. Ach, das Herz des braven Menschen habe ich vergiftet, hab’ ihn der Tugendlehren seiner frommen Mutter vergessen gemacht und ihn zu einer Übeltat verleitet, wofür er sein Leben verwirkt hat!“
Der Berggeist rief erstaunt: „Du?“
„Ja, Herr,“ sprach sie, „ich bin seine Mörderin, hab’ ihn gereizt, einen Straßenraub zu begehen und einen Handelsmann zu plündern; da haben ihn die Herren von Hirschberg gegriffen, Halsgericht über ihn gehalten und, o Herzeleid! morgen wird er abgetan!“
„Und was hast du verschuldet?“ fragte verwundert Rübezahl.
„Ja, Herr! Ich habe sein junges Leben auf meinem Gewissen.“
„Wie das?“