„Mit dem Ausweis über meine Kundschaft und dem Zeugnis meines guten Gewissens.“

„Weis’ auf deine Kundschaft.“

Benedix öffnete getrost den Rucksack; denn er wußte wohl, daß er nichts als sein wohlerworbenes Eigentum darin verwahrte. Doch wie er ihn ausleerte, sieh da! da klingelt’s unter dem herausstürzenden Plunder wie Geld. Die Häscher griffen hurtig zu, breiteten den Kram auseinander und zogen den schweren Säckel hervor, welchen der erfreute Handelsmann alsbald als sein Eigentum nach Feststellung des Tatbestandes zurückforderte. Der arme Schneider stand da wie vom Donner gerührt, wollte vor Schrecken umsinken, ward bleich, die Lippen bebten, die Knie wankten, er verstummte und sprach kein Wort. Des Richters Stirn verfinsterte sich und eine drohende Gebärde weissagte einen strengen Bescheid.

„Wie nun, Bösewicht!“ donnerte der Stadtvogt. „Erfrechst du dich noch, den Raub zu leugnen?“

„Erbarmung, gestrenger Herr Richter!“ winselte der Angeklagte auf den Knien, mit hochaufgehobenen Händen. „Alle Heiligen im Himmel ruf’ ich zu Zeugen an, daß ich unschuldig bin an dem Raube; ich weiß nicht, wie des Händlers Säckel in meinen Rucksack gekommen ist, Gott weiß es.“

„Du bist überwiesen,“ fuhr der Richter fort, „der Säckel beweist genugsam das Verbrechen, tue Gott und der Obrigkeit die Ehre, und bekenne freiwillig, ehe der Peiniger kommt, dir das Geständnis der Wahrheit abzufoltern.“

Der geängstigte Benedix konnte nichts, als sich auf seine Unschuld berufen; aber er predigte tauben Ohren: man hielt ihn für einen hartnäckigen Gaudieb, der sich nur aus der Halsschlinge herausleugnen wollte. Meister Hämmerling, der Foltermeister, wurde herbeigerufen, durch die stählernen Gründe seiner Beredsamkeit ihn zu veranlassen, Gott und der Obrigkeit die volle Wahrheit zu bekennen. Jetzt verließ den armen Wicht die standhafte Freudigkeit seines guten Gewissens, er bebte zurück vor den Qualen, die seiner warteten. Da der Folterer im Begriff war, ihm die Daumenschrauben anzulegen, bedachte er, daß dies ihn untüchtig machen würde, jemals wieder mit Ehren die Nadel zu führen, und ehe er wollte ein verdorbener Kerl bleiben sein Leben lang, meinte er, es sei besser, der Marter mit einem Male ledig zu werden, und gestand das Bubenstück ein, von welchem sein Herz nichts wußte. Die Verhandlung wurde nun kurzerhand abgetan und der Angeklagte, ohne daß sich das Gericht teilte, von Richtern und Schöppen zum Strange verurteilt, welcher Rechtsspruch zur Ersparung der Verpflegungskosten gleich tags darauf bei frühem Morgen vollzogen werden sollte.

Alle Zuschauer, welche das hochnotpeinliche Halsgericht herbeigelockt hatte, fanden das Urteil des wohlweisen Magistrats gerecht und billig; doch keiner rief den Richtern lauteren Beifall zu, als der barmherzige Samariter, der mit in die Gerichtsstube eingedrungen war und nicht satt werden konnte, die Gerechtigkeitsliebe der Herren von Hirschberg zu erheben; und in der Tat hatte auch niemand näheren Anteil an der Sache als eben dieser Menschenfreund, der mit unsichtbarer Hand des Händlers Säckel in des Schneiders Rucksack verborgen hatte und kein anderer als Rübezahl selbst war.

Schon am frühen Morgen lauerte er am Hochgericht in Rabengestalt auf den Leichenzug, der das Opfer seiner Rache dahin begleiten sollte, und es regte sich bereits in ihm der Rabenhunger, dem neuen Ankömmling die Augen auszuhacken; aber diesmal harrte er vergebens. Ein frommer Ordensbruder, der es sich angelegen sein ließ, die zum Tode Verurteilten zur Sinnesänderung und Buße zu bekehren, fand den Schneidergesellen so unwissend im Christenglauben, daß er den Magistrat um einen dreitägigen Aufschub der Hinrichtung bat. Als Rübezahl davon hörte, flog er ins Gebirge, die Vollstreckung des Urteils daselbst zu erwarten.

In diesem Zeitraume durchstrich er nach seiner Gewohnheit die Wälder und erblickte auf dieser Streiferei eine junge Dirne, die sich unter einem schattenreichen Baum gelagert hatte. Ihr Haupt sank schwermütig auf die Brust hinab, ihre Kleidung war nicht kostbar, aber reinlich und der Zuschnitt daran bürgerlich. Von Zeit zu Zeit verwischte sie mit der Hand eine herabrollende Zähre von den Wangen und schwere Seufzer entrangen sich ihrer Brust. Schon ehemals hatte der Berggeist die mächtigen Eindrücke jungfräulicher Tränen empfunden; auch jetzt war er so gerührt davon, daß er von dem Vorsatz, welchen er sich auferlegt hatte, alle Menschenkinder, die durchs Gebirge ziehen würden, zu tücken und zu quälen, zum ersten Male abging, die Empfindung des Mitleids sogar als ein wohltuendes Gefühl erkannte und Verlangen trug, das Mädchen zu trösten. Er verwandelte sich wieder in einen ehrbaren Bürger, trat freundlich zu der jungen Dirne und sprach: „Mägdlein, was trauerst du hier in der Wüste so einsam? Verhehle mir nicht deinen Kummer, daß ich zusehe, wie dir zu helfen sei.“