Ach, der schwarze Mann, dort lauscht er hinter jenem Baume vor.
Die Familie trat nun den Rückweg an und Vater Veit ging ganz betrübt und schwermütig auf der breiten Landstraße vor sich hin. Da erhob sich vom Walde her ein sanftes Rauschen in den Bäumen, die schlanken Birken neigten ihre Wipfel, das bewegliche Laub der Espen zitterte, das Brausen kam näher und der Wind schüttelte die weitausgestreckten Äste der Steineichen, trieb dürres Laub und Grashalme vor sich her, kräuselte im Weg kleine Staubwolken empor. An diesem lustigen Spiel vergnügten sich die Kinder, die nicht mehr an Rübezahl dachten, und haschten nach den Blättern, mit welchen der Wirbelwind spielte. Unter dem dürren Laube wurde auch ein Blatt Papier über den Weg geweht, auf welches einer der Knaben Jagd machte; doch wenn er danach griff, hob es der Wind auf und führte es weiter, daß er’s nicht erlangen konnte. Darum warf er seinen Hut danach, der’s endlich bedeckte; weil’s nun ein schöner, weißer Bogen war und der sparsame Vater jede Kleinigkeit in seinem Haushalte zu nutzen pflegte, so brachte ihm der Knabe den Fund, um sich ein kleines Lob zu verdienen. Als dieser das zusammengerollte Papier aufschlug, um zu sehen, was es wäre, fand er, daß es der Schuldbrief war, den er an den Berggeist ausgestellt hatte; er war von oben herein zerrissen und unten stand geschrieben: „Zu Dank bezahlt.“
Wie das Veit las, rührte es ihn tief in der Seele und er rief mit freudigem Entzücken: „Freue dich, liebes Weib und ihr Kinder allesamt, freuet euch; er hat uns gesehen, hat unsern Dank gehört, unser guter Wohltäter, der uns unsichtbar umschwebte, weiß, daß Veit ein ehrlicher Mann ist. Ich bin meiner Zusage quitt und ledig, nun laßt uns mit frohem Herzen heimkehren!“
Eltern und Kinder weinten noch viele Tränen der Freude und des Dankes, bis sie wieder zu ihrem Fuhrwerk gelangten, und weil die Frau groß Verlangen trug, ihre Freundschaft heimzusuchen, um durch ihren Wohlstand die filzigen Vettern zu beschämen, so rollten sie frisch den Berg hinab, gelangten in der Abendstunde in das Dorf und hielten bei dem nämlichen Bauernhofe an, aus welchem Veit vor drei Jahren hinausgestoßen worden war. Er pochte diesmal ganz herzhaft und fragte nach dem Wirte. Es kam ein unbekannter Mann zum Vorschein, der gar nicht zur Freundschaft gehörte; von diesem erfuhr Veit, daß die reichen Vettern ausgewirtschaftet hatten. Der eine war gestorben, der andere verdorben, der dritte davongegangen und ihre Stätte ward nicht mehr gefunden in der Gemeinde. Veit übernachtete mit seiner Familie bei dem gastfreien Hauswirt, der ihm und seinem Weibe das alles weitläufiger erzählte. Tags darauf kehrte er in seine Heimat und an seine Berufsgeschäfte zurück, nahm zu an Reichtum und Gütern und blieb ein rechtlicher, wohlhabender Mann sein lebelang.
6.
Der kleine Peter.
In dem Dorfe Krumhübel, welches im Riesengebirge unweit der Schneekoppe liegt, wohnte ein armer Holzhacker. Er nährte sich und seine Familie, bestehend in seiner Frau und seinem kleinen Knaben Peter, nur kümmerlich. Da starb ihm eines Tages seine Frau. Da er beim Holzhacken im Walde sein Brot verdienen mußte, so hätte er sich der Erziehung und Pflege seines Knaben nicht widmen können, wenn nicht eine Anverwandte von ihm, die Muhme aus Fischbach, sich bereit erklärt hätte, ihm die Wirtschaft zu führen und den Knaben in Aufsicht zu nehmen. Peter war ein kleiner aufgeweckter, allezeit fröhlicher Bursche, der immer vergnügt sein Liedchen trällerte und wohlgemut auf- und absprang. Die Muhme aber war durch mancherlei schwere Lebenserfahrungen verbittert, sah mürrisch und scheel auf das aufgeweckte Treiben des Knaben herab und setzte ihm, so oft sie ihn erblickte, mit Zanken, Keifen und harten Worten zu.
Sie schwärzte Peter auch bei dem Vater an, wenn er am Abend aus dem Walde zurückkam, und dann tanzte der Haselstock oft auf Peterchens Rücken und die Beteuerungen der Unschuld halfen dem armen kleinen Schelm nichts.
Die Folge davon war, daß Peter den Tag über möglichst das Haus floh und am liebsten auf dem Felde draußen sich aufhielt, wo er im Sommer die bunten Blumen im Getreide pflückte oder dem Gesange der Vögel lauschte. Wie lieblich klang das in seinen Ohren; ganz anders als das mürrische Gezänk der Alten im engen Hause. Im Winter freilich mußte er im Stübchen bleiben, dann ging’s ihm schlecht. Dann war seine einzige Freude, hinaus vor die Haustür zu treten und den zirpenden Sperlingen und Meisen Krumen von seinem Stück trockenen Schwarzbrotes zu streuen. Denn Peter hatte ein mildes Herz, er erbarmte sich, wie alle Kinder im Winter tun sollten, der frierenden, hungernden Vögel; und obwohl er sich selbst etwas von seinem Frühstück entzog, hatte er doch seine helle Freude an den gefiederten Gästen, wenn sie, ehe er vor die Tür trat, ihn ungeduldig lockten, als ob sie sein Kommen erwarteten.
Eines Abends kündete der Vater der Muhme an, daß am nächsten Sonntage ein Bruder von ihm zum Besuch kommen werde. Die Muhme kaufte am nächsten Tage einen großen Hecht und setzte ihn einstweilen in einem kleinen Fischkasten in das Wasser, damit er nicht stürbe, ehe sie ihn schlachtete.
„Du armes Tier,“ sagte Peter, als er an dem Kasten vorüberkam, „in diesem kleinen Raume sollst du leben und atmen, du wirst sterben, wenn dir die Freiheit nicht bald wiedergegeben wird.“ Von diesem Gedanken geleitet, entnahm er dem Kasten den zappelnden Fisch und warf ihn in den Dorfbach. Als nun tags darauf die Alte den Hecht schlachten wollte, da war er längst von dannen geschwommen. Da sauste denn eine tüchtige Tracht Prügel auf Peter hernieder und seine Freude über seine gute Tat sollte ihm bald gründlich vergällt werden.