Hier war kein anderer Rat, als dem König das Unglück seiner Tochter mitzuteilen. Wehklagend begegneten ihm die zagenden Mädchen, als er eben mit seinem Jagdgefolge in den Wald zog. Der König zerriß sein Kleid vor Betrübnis und Entsetzen, nahm die goldene Krone vom Haupte, verhüllte sein Angesicht mit dem Purpurmantel und beklagte laut den Verlust seiner schönen Tochter Emma.

Nachdem er der Vaterliebe den ersten Tränenzoll entrichtet hatte, stärkte er seinen Mut und machte sich auf, um den wunderbaren Wasserfall selbst zu beschauen. Aber der Zauber war verschwunden, die rohe Natur stand wieder da in ihrer vorherigen Wildheit; da war keine Grotte, kein Marmorbad, kein Rosengehege, keine Jasminlaube. Der gute König ahnte zum Glück nicht eine Verführung seiner Tochter, sondern er nahm den Bericht der Mädchen auf Treu und Glauben an und meinte, einer der Götter sei bei dieser wunderbaren Begebenheit mit im Spiel gewesen, setzte darauf die Jagd fort und tröstete sich bald über seinen Verlust. Unterdessen befand sich die liebreizende Emma in des Berggeistes Schlosse nicht übel. Er hatte sie durch eine geschickte Versenkung nur den Augen ihres Gefolges entzogen und führte sie durch einen unterirdischen Weg in einen prächtigen Palast, zu welchem die väterliche Residenz in keinem Vergleich stand. Als sich die Lebensgeister der Prinzessin wieder erholt hatten, befand sie sich auf einem gewöhnlichen Sofa, angetan mit einem Gewand von rosenfarbener Seide und einem glänzenden lichtblauen Gürtel. Ein Jüngling mit hübschem Antlitz lag zu ihren Füßen und gestand ihr seine Liebe. Der Berggeist — denn er war es — unterrichtete sie hierauf von seinem Stand und seiner Herkunft, von den unterirdischen Staaten, die er beherrschte, führte sie durch die Zimmer und Säle des Schlosses und zeigte ihr dessen Pracht und Reichtum. Ein herrlicher Lustgarten, der mit seinen Blumenanlagen und Rasenplätzen dem Fräulein ganz besonders zu behagen schien, umgab das Schloß von drei Seiten. Alle Obstbäume trugen purpurrote, mit Gold gesprenkelte oder zur Hälfte übergoldete Apfel, wie sie kein Gärtner zu ziehen vermag. Das Gebüsch war mit Singvögeln angefüllt, die ihre hundertstimmigen Lieder munter erschallen ließen. In den traulichen Bogengängen lustwandelte das Paar; sein Blick hing an ihren Lippen und mit Freuden hörte er ihre lieblichen Worte.

Nicht gleiche Wonne empfand die reizende Emma; ein gewisser Trübsinn lag auf ihrer Stirn und offenbarte genugsam, daß geheime Wünsche in ihrem Herzen verborgen lagen, die mit den seinigen nicht übereinstimmten. Er machte gar bald diese Entdeckung und bestrebte sich, durch tausend Liebesbeweise diese Wolken zu zerstreuen und die Prinzessin aufzuheitern; doch vergebens. Der Mensch — so dachte er bei sich selbst — ist gesellig wie die Biene und die Ameise, der schönen Sterblichen gebricht’s an Unterhaltung. Wem soll sich das Mädchen mitteilen? Für wen ihren Putz ordnen, mit wem darüber zu Rate gehen? Da kam ihm ein glücklicher Einfall. Flugs ging er hinaus auf das Feld, zog auf einem Acker ein Dutzend Rüben aus, legte sie in einen zierlich geflochtenen Korb und brachte diesen der schönen Emma, welche einsam in der schattigen Laube eine Rose entblätterte.

„Schönste der Erdentöchter,“ redete sie der Berggeist an, „verbanne allen Trübsinn aus deiner Seele und öffne dein Herz der geselligen Freude, du sollst nicht mehr in meinem Heim einsam trauern. In diesem Korbe ist alles, was du bedarfst, diesen Aufenthalt dir angenehm zu machen. Nimm den kleinen buntgeschälten Stab und gib durch die Berührung mit ihm den Gewächsen im Korbe die Gestalten, welche dir gefallen.“

Hierauf verließ er die Prinzessin und sie zögerte nicht einen Augenblick, mit dem Zauberstabe nach Vorschrift zu verfahren, nachdem sie den Korb geöffnet hatte. „Brünhilde,“ rief sie, „liebe Brünhilde, erscheine!“ Und Brünhilde lag zu ihren Füßen, umfaßte die Knie ihrer Gebieterin, benetzte ihren Schoß mit Freudentränen und liebkoste sie freundlich, wie sie sonst zu tun pflegte. Die Täuschung war so vollkommen, daß Emma selbst nicht wußte, was sie von ihrer Schöpfung halten sollte; ob sie die wahre Brünhilde hingezaubert hatte, oder ob ein Blendwerk das Auge betrog. Sie überließ sich indessen ganz den Empfindungen der Freude, ihre liebste Gespielin um sich zu haben, lustwandelte mit ihr Hand in Hand im Garten, ließ sie dessen herrliche Anlagen bewundern und pflückte ihr goldgesprenkelte Äpfel von den Bäumen. Hierauf führte sie ihre Gespielin durch alle Zimmer im Palast, bis in die Kleiderkammer, wo sie soviel Unterhaltung fanden, daß sie bis zum Abend darin verweilten. Alle Schleier, Gürtel, Spangen wurden gemustert und anprobiert. Brünhilde wußte sich dabei so gut zu benehmen und zeigte so viel Geschmack in der Wahl und Anordnung des weiblichen Putzes, daß, wenn sie ihrer Natur und Wesen nach nichts als eine Rübe war, ihr niemand den Ruhm absprechen konnte, die Krone ihres Geschlechts zu sein.

Der spähende Berggeist war entzückt über den tiefen Blick, den er in das weibliche Herz getan hatte, und freute sich über den glücklichen Fortgang in der Menschenkenntnis. Die Prinzessin dünkte ihm jetzt schöner, freundlicher und heiterer zu sein als jemals. Sie unterließ nicht, ihren ganzen Rübenvorrat mit dem Zauberstabe zu beleben, gab ihnen die Gestalt der Jungfrauen, die ihr vordem aufzuwarten pflegten, und weil noch zwei Rüben übrig waren, so verwandelte sie die eine in eine Cyperkatze und aus der anderen schuf sie ein niedliches Hündchen.

Sie richtete nun ihren Hofstaat wieder ein, teilte einer jeden der aufwartenden Dienerinnen ein gewisses Geschäft zu und nie wurde eine Herrschaft besser bedient. Die Mädchen kamen ihren Wünschen zuvor, gehorchten auf den Wink und vollstreckten ihre Befehle ohne den mindesten Widerspruch. Einige Wochen genoß sie die Wonne des gesellschaftlichen Vergnügens ungestört; Reihentänze, Sang und Saitenspiel wechselten in dem Schlosse des Berggeistes vom Morgen bis zum Abend; nur merkte die Prinzessin nach Verlauf einiger Zeit, daß die frische Gesichtsfarbe ihrer Gesellschafterinnen etwas abbleichte. Der Spiegel im Marmorsaal ließ sie zuerst bemerken, daß sie allein wie eine Rose aus der Knospe hervorblühte, während die geliebte Brünhild und die übrigen Jungfrauen welkenden Blumen glichen; gleichwohl versicherten alle, daß sie sich wohl befänden, und der freigebige Berggeist ließ sie an seiner Tafel auch keinen Mangel leiden. Dennoch zehrten sie sichtbar ab, Leben und Tätigkeit schwand von Tag zu Tag mehr dahin und alles Jugendfeuer erlosch.

Als die Prinzessin an einem heiteren Morgen, durch gesunden Schlaf gestärkt, fröhlich ins Gesellschaftszimmer trat, wie schauderte sie zurück, als ihr ein Haufen eingeschrumpfter Matronen an Stäben und Krücken entgegenzitterte, mit Keuchhusten beladen, unvermögend, sich aufrecht zu erhalten. Das schäkernde Hündchen hatte alle viere von sich gestreckt und der schmeichelnde Cyper konnte sich vor Kraftlosigkeit kaum noch bewegen. Bestürzt eilte die Prinzessin aus dem Zimmer, der schaudervollen Gesellschaft zu entfliehen, trat hinaus auf den Söller und rief laut den Berggeist, welcher alsbald in demütiger Stellung auf ihr Geheiß erschien.

„Boshafter Geist,“ redete sie ihn zornig an, „warum mißgönnst du mir die einzige Freude meines harmlosen Lebens, die Gesellschaft meiner ehemaligen Gespielinnen? Ist die Einöde nicht genug, mich zu quälen, willst du sie noch in ein Krankenhaus verwandeln? Augenblicklich gib meinen Mädchen Jugend und Wohlgestalt wieder, oder Haß und Verachtung soll deinen Frevel rächen.“ „Schönste der Erdentöchter,“ erwiderte der Berggeist, „zürne nicht über die Gebühr. Alles, was in meiner Gewalt ist, steht in deiner Hand, aber das Unmögliche fordere nicht von mir. Die Kräfte der Natur gehorchen mir, doch vermag ich nichts gegen ihre unwandelbaren Gesetze. Solange Saft und Kraft in den Rüben war, konnte der Zauberstab ihr Pflanzenleben nach deinem Gefallen verwandeln; aber ihre Säfte sind nun vertrocknet und ihr Wesen neigt sich nach der Zerstörung hin, denn der belebende Geist ist verraucht. Jedoch das soll dich nicht kümmern: ein frisch gefüllter Korb kann den Schaden leicht ersetzen; du wirst daraus alle die Gestalten wieder hervorrufen, die du begehrst. Gib jetzt der Mutter Natur ihre Geschenke zurück, die dich so angenehm unterhalten haben, auf dem großen Rasenplatz im Garten wirst du bessere Gesellschaft finden.“ Der Berggeist entfernte sich darauf und Prinzessin Emma nahm ihren buntgeschälten Stab zur Hand, berührte damit die gerunzelten Weiber, las die eingeschrumpften Rüben zusammen und tat damit, was Kinder, die eines Spielzeuges müde sind, zu tun pflegen: sie warf den Plunder in den Kehricht und dachte nicht mehr daran. Leichtfüßig hüpfte sie über die grünen Matten dahin, den frisch gefüllten Korb in Empfang zu nehmen, den sie aber nirgends fand. Sie ging in dem Garten auf und nieder und spähte umher, aber es wollte kein Korb zum Vorschein kommen. Am Traubengeländer kam ihr der Berggeist entgegen mit so sichtbarer Verlegenheit, daß sie seine Bestürzung schon von ferne wahrnahm.

„Du hast mich getäuscht,“ sprach sie, „wo ist der Korb geblieben? Ich suche ihn schon seit einer Stunde vergebens.“