„Holde Gebieterin meines Herzens,“ antwortete der Geist, „wirst du mir meinen Unbedacht verzeihen? Ich versprach mehr, als ich geben konnte, ich habe das Land durchzogen, Rüben aufzusuchen, aber sie sind längst geerntet und welken in dumpfigen Kellern. Die Fluren trauern, unten im Tal ist’s Winter, nur deine Gegenwart hat den Frühling an diesen Felsen gefesselt und unter deinem Fußtritte sprossen Blumen hervor. Harre nur drei Monate in Geduld aus, dann soll dir’s nie an Gelegenheit gebrechen, mit deinen Puppen zu spielen.“

Ehe noch der Berggeist mit dieser Rede zu Ende war, drehte ihm Prinzessin Emma den Rücken zu und begab sich in ihr Zimmer, ohne ihn einer Antwort zu würdigen. Er aber hob sich von dannen in die nächste Marktstadt innerhalb seines Gebietes, kaufte, als ein Pachter gestaltet, einen Esel, den er mit schweren Säcken Sämereien belud, und besäte damit einen ganzen Morgen Landes. Dabei bestellte er einen seiner dienstbaren Geister als Hüter, dem er aufgab, ein unterirdisches Feuer anzuschüren, um die Saat von unten herauf mit linder Wärme zu treiben, wie Ananaspflanzen in einem Treibhause.

Die Rübensaat schoß lustig auf und versprach in kurzer Zeit eine reiche Ernte; Fräulein Emma ging täglich hinaus auf ihr Ackerfeld, welches zu besehen sie mehr lüstete als die goldenen Äpfel in ihrem Garten. Aber Mißmut trübte ihre Augen. Sie weilte am liebsten in einem düsteren Tannenwäldchen am Rande eines Quellbaches, der sein silberhelles Gewässer ins Tal rauschen ließ, und warf Blumen hinein, die in den Odergrund hinabflossen.

Der Berggeist sah wohl, daß bei allem Bestreben, durch tausend kleine Gefälligkeiten der schönen Emma Herz zu gewinnen, kein Erfolg zu erwarten war. Trotzdem ermüdete seine hartnäckige Geduld nicht, ihren spröden Sinn zu überwinden. Er war zu unerfahren in der Menschenkenntnis, daß er sich keine Vorstellung von der wahren Ursache der Widerspenstigkeit der Prinzessin machen konnte. Er war der Meinung, sie gehöre nach allen Rechten ihm als dem ersten Besitznehmer.

Doch das war ein großer Irrtum. Ein junger Grenznachbar an den Gestaden der Oder, Fürst Ratibor, hatte bereits das Herz der holden Emma gewonnen. Schon sah das glückliche Paar dem Tage seiner Hochzeit entgegen, als die Braut mit einmal verschwand. Diese Nachricht versetzte den jungen Fürsten in große Aufregung. Er verließ seine Residenz, zog menschenscheu in einsamen Wäldern umher und klagte den Felsen sein Unglück. Die treue Emma seufzte unterdessen ihren geheimen Gram in dem anmutigen Gefängnis aus; sie bezwang aber ihre Gefühle im Herzen so, daß der spähende Geist nicht enträtseln konnte, was für Empfindungen sich darin regten. Lange schon hatte sie darauf gesonnen, wie sie ihn überlisten und aus der lästigen Gefangenschaft entfliehen möchte. Nach mancher durchwachten Nacht sann sie endlich einen Plan aus, der des Versuchs würdig schien, ihn auszuführen.

Der Lenz kehrte in die Gebirgstäler zurück, der Berggeist ließ das unterirdische Feuer in seinem Treibhaus ausgehen und die Rüben, welche durch die Einflüsse des Winters in ihrem Wachstum nicht gehindert worden waren, gediehen zur Reife. Die schlaue Emma zog täglich einige davon aus und machte damit Versuche, ihnen allerlei beliebige Gestalten zu geben, dem Anschein nach, um sich damit zu belustigen; aber ihre Absicht ging weiter. Sie ließ eines Tages eine kleine Rübe zur Biene werden, um sie abzuschicken, Kundschaft von ihrem Verlobten einzuziehen. „Flieg’, liebes Bienchen,“ sprach sie, „gegen Sonnenaufgang zu Ratibor, dem Fürsten des Landes, und summe ihm sanft ins Ohr, daß Emma noch für ihn lebt, aber eine Sklavin ist des Geistes vom Gebirge, verlier’ kein Wort von diesem Gruße und bring’ mir Botschaft von seiner Liebe.“ Die Biene flog alsbald vom Finger ihrer Gebieterin, wohin sie beordert war; aber kaum hatte sie ihren Flug begonnen, so schoß eine gierige Schwalbe auf sie herab und verschlang zum großen Leidwesen der Prinzessin die Botschafterin der Liebe. Darauf formte sie vermöge des wunderbaren Stabes eine Grille und gab ihr denselben Auftrag. „Hüpfe, kleine Grille, über das Gebirge zu Ratibor, dem Fürsten des Landes, und zirpe ihm ins Ohr, die getreue Emma begehre Lösung ihrer Bande durch seinen starken Arm.“ Die Grille flog und hüpfte so schnell als sie konnte, auszurichten, was ihr befohlen war, aber ein langbeiniger Storch promenierte eben an dem Wege, welchen die Grille zog, erfaßte sie mit seinem langen Schnabel und versenkte sie in das Verlies seines weiten Kropfes.

Diese mißlungenen Versuche schreckten die entschlossene Emma nicht ab, einen neuen zu wagen; sie gab der dritten Rübe die Gestalt einer Elster. „Flieg’ hin, beredsamer Vogel,“ sprach sie, „von Baum zu Baum, bis du gelangst zu Ratibor, meinem Verlobten, erzähle ihm von meiner Gefangenschaft und gib ihm Bescheid, daß er meiner harre mit Rossen und Mannen, den dritten Tag von heute, an der Grenze des Gebirges, im Maiental, bereit, den Flüchtling aufzunehmen, der seine Ketten zu zerbrechen wagt und Schutz von ihm begehrt.“ Die Elster gehorchte, flatterte von einem Ruheplatz zum andern und die sorgsame Emma begleitete ihren Flug, soweit das Auge trug. Der harmvolle Ratibor irrte noch immer trüben Sinnes in den Wäldern herum; die Rückkehr des Lenzes und die wiederauflebende Natur hatten seinen Kummer nur gemehrt. Er saß unter einer schattigen Eiche, dachte an seine Prinzessin und seufzte laut: Emma! Alsbald gab das vielstimmige Echo ihm diesen geliebten Namen schmeichelnd zurück; aber zugleich rief auch eine unbekannte Stimme den seinigen aus. Er horchte hoch auf, sah niemand, wähnte eine Täuschung und hörte den nämlichen Ruf wiederholen. Kurz darauf erblickte er eine Elster, die auf den Zweigen hin- und herflog, und vernahm, daß der geschwätzige Vogel ihn beim Namen rief. „Armer Schwätzer,“ sprach er, „wer hat dich gelehrt, diesen Namen auszusprechen, der einem Unglücklichen zugehört, welcher wünscht, von der Erde vertilgt zu sein wie sein Gedächtnis?“ Hierauf faßte er erregt einen Stein und wollte ihn nach dem Vogel schleudern, als dieser den Namen Emma hören ließ. Dies Zauberwort entkräftete den Arm des Prinzen; frohes Entzücken durchschauerte alle seine Glieder und in seiner Seele bebte es leise nach: Emma! Aber der Sprecher auf dem Baume begann mit der dem Elsterngeschlecht eigenen Beredsamkeit den Spruch, den man ihm anvertraut. Fürst Ratibor vernahm kaum die fröhliche Botschaft, da ward’s hell in seiner Seele; der tödliche Gram, der die Sinne gefangen hatte, verschwand; er kam wieder zu Gefühl und Besinnung und forschte mit Fleiß von der Glücksverkünderin nach dem Schicksal seiner Braut; aber die gesprächige Elster konnte nur ihr Sprüchlein ohne Aufhören wiederholen und flatterte davon. Schnellen Fußes eilte Ratibor zu seinem Hoflager zurück, rüstete eilig das Geschwader der Reisigen, bestieg sein Roß und zog mit ihnen hoffnungsfreudig zum Maientale, um das Abenteuer zu bestehen.

Emma hatte unterdessen mit weiblicher Schlauheit alles vorbereitet, ihr Vorhaben auszuführen. Sie ließ ab, den geduldigen Berggeist mit kränkender Kälte zu behandeln, ihr Auge sprach Hoffnung und ihr spröder Sinn schien beugsamer zu werden. Solche glücklichen Anzeichen ließ der Berggeist nicht ungenützt. Er erneuerte seine Werbung und wurde nicht zurückgewiesen. Den folgenden Morgen, kurz nach Sonnenaufgang, trat die schöne Emma, geschmückt wie eine Braut, hervor, mit allem Geschmeide beladen, das sich in ihrem Schmuckkästlein gefunden hatte. Ihr blondes Haar war in einen Knoten geschlungen, welchen eine Myrtenkrone überschattete, von welcher ein Schleier lang herabwallte; der Besatz ihres Kleides funkelte von Juwelen und als der harrende Berggeist auf der großen Terrasse im Lustgarten ihr entgegenwandelte, freute er sich dieses Anblickes.

„Himmlisches Mädchen,“ stammelte er ihr entgegen, „verweigere mir nicht länger den bejahenden Blick, der mich zum glücklichsten Wesen macht, das jemals die Sonne bestrahlt hat.“

Die Prinzessin hüllte sich dichter in ihren Schleier und antwortete: „Vermag eine Sterbliche dir zu widerstehen, mein Gebieter? Deine Standhaftigkeit hat den Sieg davongetragen. Nimm dieses Geständnis von meinen Lippen, aber laß meine Tränen diesen Schleier verhüllen.“