„Warum Tränen, o Geliebte?“ entgegnete ihr der beunruhigte Geist, „jede deiner Tränen fällt wie ein brennender Tropfen auf mein Herz, ich will nur deine Liebe, nicht aber Aufopferung.“

„Ach,“ erwiderte Emma, „warum mißdeutest du meine Tränen? Mein Herz lohnt deine Freundschaft, aber bange Ahnung zerreißt meine Seele. Du alterst nimmer, aber irdische Schönheit ist eine Blume, die bald dahinwelkt. Woran soll ich erkennen, daß du ein liebevoller, gefälliger, duldsamer Gemahl sein werdest?“

Er antwortete: „Fordere einen Beweis meiner Treue oder des Gehorsams in Ausrichtung deiner Befehle, oder stelle meine Geduld auf die Probe und beurteile alsdann die Stärke meiner unwandelbaren Liebe.“

„Es sei also!“ antwortete die schlaue Emma, „ich fordere nur einen Beweis deiner Gefälligkeit. Gehe hin und zähle die Rüben alle auf dem Acker; mein Hochzeitstag soll nicht ohne Zeugen sein, ich will sie beleben, damit sie mir zu Brautjungfrauen dienen; aber hüte dich, mich zu täuschen und verzähle dich nicht um eine, denn das ist die Probe, woran ich deine Treue prüfen will.“

So ungern sich der Berggeist in diesem Augenblicke von seiner lieblichen Braut trennte, so gehorchte er doch ohne Säumen, machte sich rasch an die Arbeit und hüpfte hurtig wie ein Star unter den Rüben herum. Er kam durch diese Geschäftigkeit mit seiner Zählung bald zustande; doch um der Sache recht gewiß zu sein, wiederholte er seine Rechnung nochmals und fand zu seinem Verdruß eine Abweichung bei Feststellung der Summen, welche ihn nötigte, zum dritten Male die Rübenhäupter durchzumustern. Aber diesmal ergab sich eine andere Summe.

Die schlaue Emma hatte nicht sobald den Berggeist aus den Augen verloren, als sie zur Flucht Anstalt machte. Sie hielt eine saftige, wohlgenährte Rübe in Bereitschaft, welche sie flugs in ein mutiges Roß mit Sattel und Zeug verwandelte. Rasch schwang sie sich in den Sattel, flog über die Heiden und Steppen des Gebirges dahin und das flüchtige Roß brachte sie, ohne zu straucheln, auf seinem sanften Rücken hinab ins Maiental, wo sie dem geliebten Ratibor, welcher der Kommenden ängstlich entgegenharrte, sich fröhlich in die Arme warf.

Der geschäftige Berggeist hatte sich indessen so in seine Zahlen vertieft, daß er nichts von dem, was um ihn und neben ihm geschah, wußte. Nach langer Mühe und Anstrengung war’s ihm endlich gelungen, die wahre Zahl der Rüben auf dem Ackerfelde, klein und groß mit eingerechnet, zu finden. Er eilte nun froh zurück, sie seiner Herzensgebieterin gewissenhaft zu berichten und durch die pünktliche Erfüllung ihrer Pläne sie zu überzeugen, daß er ihr ein gefälliger Gemahl sein werde.

Mit Selbstzufriedenheit trat er auf den Rasenplatz, aber da fand er nicht, was er suchte; er lief durch die bedeckten Lauben und Gänge, aber auch da war nicht, was er begehrte; er kam in den Palast, durchspähte alle seine Winkel, rief den teuren Namen Emma aus, den ihm die einsamen Hallen zurücktönten, begehrte einen Laut von dem geliebten Munde zu hören; doch da war weder Stimme noch Rede. Das fiel ihm auf, er merkte Unrat, flugs warf er die schwerfällige Verkörperung ab, schwang sich hoch in die Luft und sah die fliehende Emma in der Ferne, als eben das schnellfüßige Roß über die Grenze setzte. Wütend ballte der ergrimmte Geist ein paar friedlich vorüberziehende Wolken zusammen und schleuderte einen kräftigen Blitz der Fliehenden nach, der eine tausendjährige Grenzeiche zersplitterte; aber darüber hinaus war seine Rache kraftlos und die Donnerwolke zerfloß in einen sanften Heiderauch. Nachdem er die oberen Luftregionen verzweiflungsvoll durchkreuzt und seine stürmende Leidenschaft ausgetobt hatte, kehrte er trübsinnig in den Palast zurück, schlich durch alle Gemächer und erfüllte sie mit Seufzen und Stöhnen. Nachher besuchte er noch einmal den Lustgarten, doch diese ganze Zauberschöpfung hatte keinen Reiz mehr für ihn. Der Gedanke an die Tage, welche hier die Ungetreue verlebt hatte, beschäftigte ihn mehr als die goldenen Äpfel und prächtigen Blumen. Die Erinnerung an sie erwachte wieder an jedem Platze, wo sie vormals ging und stand, wo sie Blumen gepflückt, wo er sie oft unsichtbar belauscht, oft trauliche Unterredungen mit ihr gepflogen hatte. Alles das bedrückte ihn so sehr, daß er unter der Last seiner Gefühle in dumpfes Hinbrüten versank. Bald darauf brach sein Unmut in gräßliche Verwünschungen aus und er vermaß sich hoch und teuer, der Menschenkenntnis ganz zu entsagen und von diesem argen, betrüglichen Geschlechte fernerhin keine weitere Kenntnis zu nehmen. In dieser Entschließung stampfte er dreimal auf die Erde und der ganze Zauberpalast mit all seiner Herrlichkeit kehrte in sein ursprüngliches Nichts zurück. Der Abgrund aber sperrte seinen weiten Rachen auf und der Berggeist fuhr hinab in die Tiefe bis in die entgegengesetzte Grenze seines Gebietes, in den Mittelpunkt der Erde, und nahm Bitterkeit und Menschenhaß mit dahin.

Während dieses Vorganges im Gebirge war Fürst Ratibor geschäftig, seine Braut in Sicherheit zu bringen, und führte sie mit fürstlichem Gepränge an den Hof ihres Vaters zurück. Daselbst wurde ihre Vermählung gefeiert. Er teilte mit seiner Gattin den Thron seines Erbes und erbaute die Stadt Ratibor, die noch seinen Namen trägt bis auf diesen Tag. Das sonderbare Abenteuer der Prinzessin, welches ihr auf dem Riesengebirge begegnet war, insbesondere ihre kühne Flucht, wurde das Märchen des Landes, pflanzte sich von Geschlecht zu Geschlecht fort bis in die entferntesten Zeiten. Die Bewohner der umliegenden Gegenden, die den Nachbar Berggeist bei seinem Geisternamen nicht zu nennen wußten, legten ihm einen Spottnamen bei und riefen ihn fortan „Rübezähler“ oder kurzweg „Rübezahl“.

4.
Rübezahl und der Schneider Benedix.