Verwundert öffnete Gottlieb die Augen und wußte nicht, wie er an diesen Ort gekommen war. Die Diener brachten ihm Speise und Trank, aber er rührte nichts an. Da trat ein freundlicher Herr ein und redete ihm zu, er solle nur essen; er wolle ihn dann mit dem Schlitten nach Hause fahren.

„Ich werde auch deinen Eltern und Geschwistern eine Labung bringen und — was dir sicherlich am meisten gefallen wird — der Kaufmann ist anderes Sinnes geworden, er hat dir und allen Webern in eurem Dorfe die Leinwand zu gutem Preise abgekauft. Das Geld habe ich bereits in meiner Tasche.“ Wer war da froher als unser Weberlieb! Vor Freude küßte er die Hände des guten Herrn.

Nun ging’s unter Peitschenknall und Schellengeläut zu Gottliebs Heimatsdorf zurück. Das war ein seliger Christabend im ärmlichen Weberhäuschen! Der Herr hatte Brot und Wein, Fleisch und Reis mitgebracht, außerdem Geld und für die Kranken des Dorfes eine Flasche voll Arznei, welche augenblicklich half. So war das Christfest in dem Weberdorfe zum Freudenfest geworden und alle Kümmernis hatte ein Ende. Da wurde es allen klar, daß hier kein anderer als Helfer in der Not erschienen war als Rübezahl, der mächtige Berggeist des Riesengebirges.

13.
Wünsche nicht zuviel.

„Und hoffe auf ihn, er wird es wohl machen.“ Damit schlug sie ihre Bibel zu, die vielgeplagte Mutter Bärbel und reichte sie ihrem Sohne Hans, der auf einer Fußbank zu ihren Füßen saß. Dürftig, aber sauber sah es in der Stube der kleinen Hütte aus. In einer Ecke stand eine Spindel, an welcher die Mutter zu spinnen pflegte; das ging aber nur langsam und mühsam vonstatten. Mutter Bärbel hatte viel zu leiden, weil sie in den Beinen von der Gicht heimgesucht wurde. Sie konnte nicht gehen und stehen und auch das surrende Spinnrad mußte zuletzt in die Ecke gestellt werden, so daß sie nur noch die veraltete Spindel drehen konnte und dementsprechend das Gepinst nur gering ausfiel. Als einziges Kind war ihr der Hans übrig geblieben, ein starker, kräftiger Bursche. Eben war er zu seiner Freude aus der Schule entlassen worden, denn dort hatte er nie sein Licht leuchten lassen können und das Lernen war ihm blutsauer geworden. Die Fibel mit dem großen Gockelhahn auf dem Titelblatte und die fünf Hauptstücke hatte er zur Not bewältigt, aber darüber hinaus reichten seine Kenntnisse nicht. Aber willig und brav war Hans und er machte sich darüber Gedanken, wie er wohl am besten für seine Mutter Geld verdienen könne.

Eines Sonntags stand sein Entschluß fest. Er nahm Abschied von seiner Mutter und machte sich zum nächsten Dorfe auf. Im eigenen Orte wollte er nicht Stellung nehmen, weil man ihm hier unfreundlich begegnet war. Bei seinen Anfragen hatte er bald Glück, denn ein Bauer, welcher am Wege pflügte, nahm ihn sofort als Hütejungen für sein Vieh an. Er war froh, einen Fremden zu finden, weil einheimische Leute, Knechte und Mägde, das Haus des Bauern, der als Geizhals verschrien war, mieden, über den Lohn wurden sie bald einig: Hans sollte wöchentlich zwei Brote und einen Käse bekommen und zu Weihnachten einen abgelegten Anzug des Bauern. Von Geld war keine Rede.

Als am nächsten Sonntag Hans vergnügt bei seiner Mutter einkehrte, meinte diese, es sei doch solch ein Lohn gar zu niedrig und stehe in keinem Verhältnis zu der Arbeit.

„Von dem Bauer,“ sprach sie, „bei welchem du in den Dienst gegangen bist, habe ich schon öfters gehört. Er ist als geiziger Filz verschrien und der abgelegte Anzug wird wohl kaum noch zu flicken sein.“

„Laß mich, Mutter,“ erwiderte der Knabe, „ich fange erst an zu verdienen; wenn ich meine Arbeit gut verrichte, dann wird mir mein Herr auch einiges Geld zulegen.“

Hans mußte täglich die Kühe auf die Weide treiben. Hier war er den ganzen Tag über mit dem Hunde für sich allein. Dann sang und jubelte er nach Herzenslust und kein Mensch störte ihn in seiner fröhlichen Stimmung. Mit den Bergen und Wiesen, Felsen und Bächen wurde er so vertraut, daß er große Freude an seinem Berufe empfand. Jeden Sonnabend bekam er seine Brote und den Käse und Sonntags brachte er seiner Mutter die Hälfte.