So vergingen einige Jahre; die Leute im Dorfe wunderten sich, daß der Hütejunge noch immer um solch kärglichen Lohn bei dem Bauer diene, da er als Knecht anderwärts um einen guten Geldlohn sein Fortkommen finden könne. Hans aber dachte in seiner Harmlosigkeit gar nicht an einen Wechsel; draußen in den Bergen bei den Vögeln, die ihm ihre Lieder sangen, war sein Herz, was kümmerte ihn da Geld oder das Gerede der Leute!

Eines Sonntags aber sprach die Mutter zu ihm allen Ernstes: „Du bist nun, mein Sohn, ein großer, starker Bursche geworden und dienst noch immer als Hütejunge. Die Kleider, die dir dein Brotherr schenkte, wanderten bald in die Lumpen. Bisher habe ich dich von den Gegenständen, die dein verstorbener Vater hinterließ, gekleidet. Davon ist aber nichts mehr vorhanden, Geld verdienst du nicht, von dem wir neue Kleider anschaffen können. So bist du genötigt, den Bauer anzugehen, daß er dich als Knecht mietet und dir einen ordentlichen Lohn gibt, wie er Burschen deines Alters zukommt.“

Diese Worte gingen Hans zu Herzen und am nächsten Tage bat er den Bauer um einen besser bezahlten Dienst. Der aber wurde kirschrot vor Ärger, schlug die Hände über dem Kopf zusammen und schrie ihn an: „Schämst du dich nicht, an mich ein solches Verlangen zu stellen? Du hast mich bald arm gegessen; ich habe dich durchgefüttert und deine Mutter dazu. So ist aber die heutige Welt: wenig Arbeit und viel Lohn. Das ist also dein Dank, du habgieriger Bursche?“

Hans meinte in seiner Gutmütigkeit, der Bauer sei in seinem Recht und er habe es doch eigentlich recht gut bei ihm. Verblüfft ging er wieder auf seinen Weideplatz zu seiner Herde. Aber um seine fröhliche Laune war es geschehen. Traurig saß er am Wiesenrain und grübelte und sann über sein Geschick nach. Da trat plötzlich ein alter Schäfer auf ihn zu und fragte ihn, warum er ein so trübseliges Gesicht mache. Ohne Scheu und Hinterhalt erzählte ihm Hans seine Geschichte, wie er sich besonders um seine arme gichtbrüchige Mutter sorge, deren Zustand immer bedenklicher würde. Da riet ihm der Alte, sein Heil einmal in der Stadt Hirschberg zu versuchen, dort brauche man stets kräftige und bescheidene Burschen und bezahle auch einen guten Lohn.

Halb träumend, halb staunend hörte Hans zu und ehe er dem Alten ein Wort erwidern konnte, war dieser bereits dem Tannendickicht zugeeilt. Merkwürdig war es, was für lange Schritte er machen konnte; bis an die Wegecke war es eine gute Viertelstunde, jener war in einem Augenblick dort verschwunden.

An demselben Abend trieb es ihn, seine Mutter aufzusuchen und ihr sein Erlebnis mitzuteilen.

„Der Alte hat dir einen guten Rat gegeben, Hans,“ meinte die Mutter, „tu, wie er dir anriet. Die Schäfer werden vielfach zu allerhand Wunderkuren allenthalben geholt und kennen Land und Leute. So mache dich sauber und ziehe deinen Weg. Gott geleite dich!“

Es war der erste Gang des Burschen in eine Stadt. Darum pochte ihm das Herz ein wenig. Er dachte an alle die Beschreibungen, welche man ihm von dem städtischen Leben und Treiben gemacht hatte, aber als die Sonne ihre ersten Strahlen herniedersandte, und Wiesen und Felder, Berge und Täler im Morgenglanze strahlten und die Vögel ihre ersten Lieder anstimmten, da wurde er wieder fröhlich und wohlgemut. Da fielen ihm wieder seine Hirtenlieder ein und jubelnd sang er den Vers:

Den lieben Gott laß ich nur walten,

Der Bächlein, Lerchen, Wald und Feld