Eben war wieder der Todestag seiner Mutter und schwere Gedanken bewegten Wessos Herz. Am Rande des Bächleins sitzend, senkte er traurig seine Angelrute in das Wasser. Da zuckte es plötzlich am Haken und ein Fisch von ungewöhnlicher Länge hing daran, den er nur mit der größten Kraftanstrengung ans Land zu ziehen vermochte. Er mußte tief in den Bach hineinwaten, um den Fang herauszuholen. Aber was für ein wunderbarer Fisch hing an dem Haken! Er war von gediegenem Golde und nun erst wurde es dem Ritter klar, daß jener Kaufmann, dem er einst das Leben gerettet hatte, niemand anders, als der Berggeist des Riesengebirges, Rübezahl, gewesen sei.

Nun war er wieder reich. Er verließ die kleine Fischerhütte und baute ein schönes Schloß an derselben Stelle, wo sein Zufluchtsort, die kleine Fischerhütte, gestanden hatte. Mitten im Walde erhob sich bald die Burg des Ritters; er gab ihr einen hohen Turm und mächtige Wälle und nannte sie zur Erinnerung an den goldenen Fisch, den er im Bache gefangen hatte, Fischbach.

Um die Burg bauten sich im Tale Ansiedler an und wer heute zur schönen Sommerszeit das Riesengebirge bereist, wird niemals verfehlen, auch das herrlich gelegene, berühmt gewordene Fischbach aufzusuchen.

15.
Meister Meckerling.

In der Stadt Landshut in Schlesien lebte ein Schneidermeister, namens Samuel Meckerling. Sein Name war weit über das Weichbild der Stadt hinaus bekannt, denn er galt für einen der geschicktesten Meister weit und breit und es kam nicht selten vor, daß Edelleute, hohe Beamte und Gelehrte in seinem Hause abstiegen und die Anfertigung ihrer Kleider bestellten. Einen Fehler aber besaß der geschäftige Meister. Er pflegte von den kostbaren Stoffen, aus welchen er die Kleider zuschnitt und anfertigte, immer einige Stücken in die „Hölle“ wandern zu lassen, das heißt für sich zu verwerten. Auch kam es wiederholt vor, daß er gröbere Stoffe an Stelle der ihm übergebenen feineren verarbeitete.

Einst hielt ein herrschaftliches Geschirr vor seinem Hause und diesem entstieg ein vornehmer Herr. Meckerling sprang von seinem Schneidertisch, ging vor die Tür und begrüßte mit tiefer Verbeugung den Fremden.

„Was verschafft mir, gnädiger Herr, die Ehre Eures Besuches?“ redete er ihn mit gewandten Worten an.

„Ich wünsche von Euch innerhalb drei Tagen von diesem Tuche einen Rock angefertigt zu haben. Gebt Euch rechte Mühe; er soll mein Staatsrock werden und es wird für Euch kein Schaden sein, wenn das Werk den Meister lobt.“

Meister Meckerling betrachtete mit Wohlgefallen den kostbaren Stoff und machte sich daran, an der Gestalt des Fremden Maß zu nehmen. Da wiegte er seinen Kopf wie bedenklich hin und her und sagte:

„Der Stoff wird nicht reichen, gnädiger Herr, aus solchem kurzen Stück kann ich den Rock, wie Ihr ihn wünscht, nicht anfertigen. Es fehlen noch fast zwei Ellen.“