„Dummkopf, der du bist,“ antwortete die Gräfin, „was träumt deine Phantasie für Fratzen! Und wenn dem so wäre,“ fuhr sie scherzhaft fort, „so ist ja ein Mann ohne Kopf keine Seltenheit, es gibt deren in Breslau und außerhalb genug.“
Die Fräuleins konnten indessen den Witz der gnädigen Mama diesmal nicht schmackhaft finden, ihr Herz war beklommen vor Schrecken, sie schmiegten sich schüchtern an die Mutter an, bebten und jammerten: „Ach, das ist Rübezahl, der Bergmönch!“
Die Dame aber, die an keine Geister glaubte, strafte die Fräuleins dieser spießbürgerlichen Vorurteile halber, bewies, daß alle Gespenster- und Spukgeschichten Ausgeburten einer kranken Einbildungskraft wären, und erklärte die Geistererscheinungen samt und sonders aus natürlichen Ursachen.
Ihre Zunge war eben in vollem Gange, als der Schwarzmantel, der auf einige Augenblicke dem Gespensterspäher aus dem Auge geschwunden war, wieder aus dem Busch hervor auf den Weg trat. Da war nun deutlich wahrzunehmen, daß Johann falsch gesehen hatte; der Wandersmann hatte allerdings einen Kopf, nur daß er ihn nicht wie gewöhnlich zwischen den Schultern, sondern wie einen Schoßhund im Arme trug. Dieses Schreckbild in der Weite von drei Schritten erregte innerhalb und außerhalb des Wagens großes Entsetzen. Die holden Fräuleins und die Zofe, welche sonst nicht gewohnt war, mit einzureden, wenn ihre junge Herrschaft das Wort führte, taten aus einem Munde einen lauten Schrei, ließen den seidenen Vorhang herabrollen, um nichts zu sehen und verbargen ihr Angesicht wie der Vogel Strauß, wenn er dem Jäger nicht mehr entrinnen kann. Mama schlug mit stummem Schrecken die Hände zusammen. Johann, auf den der furchtbare Schwarzmantel es besonders abgesehen zu haben schien, erhob in der Angst des Herzens das gewöhnliche Feldgeschrei, womit die Gespenster begrüßt zu werden pflegen: „Alle guten Geister loben Gott den Herrn!“ Doch ehe er ausgeredet hatte, schleuderte ihm das Ungetüm den abgehauenen Kopf gegen die Stirn, daß er von seinem hohen Sitz herabstürzte; in dem nämlichen Augenblicke lag auch der Postkutscher durch einen kräftigen Keulenschlag zu Boden gestreckt und die Erscheinung keuchte aus hohler Brust in dumpfen Ton diese Worte aus: „Nimm das von Rübezahl, dem Herrn des Gebirges, daß du ihm ins Gehege fuhrst! Verfallen ist mir Schiff, Geschirr und Ladung.“ Hierauf schwang sich das Gespenst auf den Sattel, trieb die Pferde an und fuhr bergab, bergan, über Stock und Stein, daß vor dem Rasseln der Räder und dem Schnauben der Rosse von dem Angstgeschrei der Damen nichts hörbar war.
Urplötzlich vermehrte sich die Gesellschaft um eine Person; ein Reiter trabte ganz unbefangen neben dem Fuhrmann vorbei und schien es gar nicht zu bemerken, daß diesem der Kopf fehle; er ritt vor dem Wagen her, als wenn er dazu gedungen wäre. Dem Schwarzmantel schien diese Gesellschaft eben nicht zu behagen, er lenkte nach einer andern Richtung um, der Reiter tat dasselbe und so oft auch jener aus dem Weg bog, so konnte er den lästigen Geleitsmann nicht los werden, der wie zum Wagen gebannt war. Das nahm den Fuhrmann groß wunder, besonders da er deutlich wahrnahm, daß der Schimmel des Reiters einen Fuß zu wenig hatte, obgleich die dreibeinige Rosinante übrigens ganz schulgerecht trabte. Dabei wurde dem schwarzen Wagenlenker auf dem Sattelgaule nicht wohl zumute und er fürchtete, seine Rübezahlsrolle dürfte bald ausgespielt sein, da der wahre Rübezahl sich ins Spiel zu mischen schien. —
Nach Verlauf einiger Zeit drehte sich der Reiter um, so daß er dicht neben den Fuhrmann kam, und fragte ihn ganz traulich: „Landsmann ohne Kopf, wo geht die Reise hin?“
„Wo wird’s hingehen,“ antwortete das Kutschergespenst mit furchtsamem Trotz, „wie Ihr seht, der Nase nach.“
„Wohl!“ sprach der Reiter, „laß sehen, Gesell, wo du die Nase hast!“
Darauf fiel er den Pferden in die Zügel, packte den Schwarzmantel beim Leib und warf ihn so kräftig zur Erde, daß ihm alle Glieder dröhnten; denn das Gespenst hatte Fleisch und Bein, wie jeder Mensch. Behend war der Betrüger entkleidet; da kam ein wohlgeformter Krauskopf zum Vorschein, der gestaltet war wie ein gewöhnlicher Mensch. Weil sich nun der Schalk entdeckt sah und die schwere Hand seines Gegners fürchtete, auch nicht zweifelte, der Reiter sei der leibhaftige Rübezahl, den er nachzuäffen sich unterfangen hatte, ergab er sich auf Gnade und Ungnade und bat flehentlich um sein Leben.
„Gestrenger Gebirgsherr,“ sprach er, „habt Erbarmen mit einem Unglücklichen, der die Schläge des Schicksals von Jugend auf erfahren hat, der nie sein durfte, was er wollte, der jederzeit aus dem Stand mit Gewalt herausgestoßen wurde, in den er sich mit Mühe hineingearbeitet hatte, und nachdem sein Aufenthalt unter den Menschen vernichtet ist, auch nicht einmal Gespenst sein darf.“