Endlich setzte ihn der Bock ab. Aber es war finster geworden und der arme Tropf befand sich in einer wildfremden Gegend. Über Stock und Stein, durch Dornen und Dickicht, durch Moor und Sumpf stapfte er dahin, bis er endlich erschöpft auf der breiten Fahrstraße anlangte. Mit zerrissenen Kleidern, ermatteten Gliedern und gedemütigtem Herzen traf er endlich wieder in seiner Behausung ein.
Der Lustritt aber hatte den Schneider geheilt. Nun wurde er ehrlich und legte vor seiner Hölle für alle Zeiten ein Schloß. Das wurde allenthalben bekannt und Meister Meckerling ein wohlhabender Mann.
16.
Gräfin Cäcilie.
Nach allen diesen Geschichten ließ der Berggeist lange Zeit nichts wieder von sich hören. Zwar trug sich das Volk mit allerlei Wundergeschichten, welche die Einbildung der Hausmütter in geselligen Winterabenden so lang und fein ausspann als den Faden am Rocken; es war eitel Fabelei, zur Kurzweil ausgedacht. Der Gräfin Cäcilie war die letzte Begegnung mit dem Berggeiste vorbehalten, bevor er seine letzte Hinabfahrt in die Unterwelt antrat.
Diese Dame, mit allerlei Gicht und Gebrechen beladen, machte nebst zwei gesunden, blühenden Töchtern die Reise nach Karlsbad. Die Mutter verlangte so sehr nach der Badekur und die Fräuleins nach den Lustbarkeiten des Bades, daß sie sonder Rast Tag und Nacht reisten. Es traf sich, daß sie gerade mit Sonnenuntergang ins Riesengebirge gelangten. Es war ein wunderbar schöner, warmer Sommerabend, kein Lüftchen regte sich. Der nächtliche Himmel mit funkelnden Sternen besät, die goldene Mondsichel, deren milchfarbenes Licht die schwarzen Waldschatten der hohen Fichten milderte, und die beweglichen Funken unzähliger, leuchtender Johanniskäfer, die in den Gebüschen schwirrten, gaben die Beleuchtung zu einer der schönsten Naturbilder, wiewohl die Reisegesellschaft wenig davon wahrnahm; denn Mama war, da es gemächlich bergan ging, von der schaukelnden Bewegung des Wagens in sanften Schlummer gewiegt worden und die Töchter nebst der Zofe hatten sich jede in ein Eckchen gedrückt und schlummerten gleichfalls. Nur dem wachsamen Johann kam auf der hohen Warte des Kutscherbockes kein Schlaf in die Augen; alle Geschichten von Rübezahl, die er vor Zeiten so gespannt angehört hatte, kamen ihm jetzt auf dem Schauplatz dieser Abenteuer wieder in den Sinn und er hätte wohl gewünscht, nie etwas davon gehört zu haben. Ach, wie sehnte er sich nach dem sicheren Breslau zurück, wohin sich nicht leicht ein Gespenst wagte! Er sah schüchtern auf alle Seiten umher und durchlief mit den Augen oft alle zweiunddreißig Richtungen der Windrose in weniger als einer Minute, und wenn er etwas ansichtig wurde, das ihm bedenklich schien, so lief ihm ein kalter Schauer den Rücken herunter und die Haare stiegen ihm zu Berge. Zuweilen ließ er seine Besorgnisse den Schwager Postillion merken und forschte mit Fleiß von ihm, ob’s auch geheuer sei im Gebirge. Wiewohl ihm dieser nun die heile Haut durch einen kräftigen Fuhrmannsschwur versicherte, bangte ihm doch das Herz unablässig.
Nach einer langen Pause der Unterredung hielt der Postkutscher die Pferde an, murmelte etwas zwischen den Zähnen und fuhr weiter, hielt nochmals an und wechselte so verschiedentlich. Johann, der seine Augen fest geschlossen hatte, ahnte nichts Gutes, blickte schüchtern auf und sah mit Entsetzen in der Weite eines Steinwurfs vor dem Wagen eine pechrabenschwarze Gestalt daherwandeln von übermenschlicher Größe mit einem weißen spanischen Halskragen angetan, und das Bedenklichste bei der Sache war, daß der Schwarzmantel keinen Kopf hatte.
Hielt der Wagen, so stand der Wanderer still und regte Wipprecht die Pferde an, so ging er auch weiter. „Schwager, siehst du was!“ rief der zaghafte Tropf vom hohen Kutschbock herab mit berganstehendem Haar.
„Freilich seh’ ich was,“ antwortete dieser ganz kleinlaut; „aber schweig’ nur, daß es nichts merkt.“
Johann waffnete sich mit allen Stoßgebetlein, die er wußte und schwitzte dabei vor Angst kalten Todesschweiß. Und wie ein Blitz, wenn’s in der Nacht wetterleuchtet und der Donner noch in der Ferne rollt, schon das ganze Haus rege macht, um sich durch die Gemeinschaft mit den Hausbewohnern vor der gefürchteten Gefahr zu sichern, so suchte aus dem nämlichen Trieb der verzagte Diener Trost und Schutz bei seiner schlummernden Herrschaft und klopfte hastig ans Fenster. Die erwachende Gräfin, unwillig, daß sie aus ihrem sanften Schlummer gestört wurde, fragte: „Was gibt’s?“
„Ihro Gnaden, schaun Sie einmal aus,“ rief Johann mit zagender Stimme, „dort geht ein Mann ohne Kopf.“