In Victoria sah ich zu meiner großen Freude, daß die Kickxiasamen bereits anfingen aufzugehen. Kaum 5 pCt. der Samen schienen auszubleiben.
Da der „Woermann-Dampfer“, welcher nach dem Congo fahren sollte, nun jeden Tag in Kamerun erwartet wurde, fuhr ich am 7. Mai mit der „Nachtigal“ nach Kamerun hinüber, um daselbst auf den Dampfer zu warten. Herr Gouverneur v. Puttkamer, welcher erst seit kurzem vom Congo zurückgekehrt war, war so liebenswürdig gewesen, mir Empfehlungen an die dortigen Behörden und andere Persönlichkeiten, welche mir von Nutzen sein konnten, mitzugeben. Ebenso hatte er mir viele Ratschläge erteilt, deren Nutzen ich sehr bald erkennen sollte.
In Kamerun nahm mich Herr Großberger für die Zeit meines Aufenthaltes daselbst in seiner Faktorei auf. Als bald die Nachricht von Europa kam, daß der für den Congo bestimmte Dampfer in der Elbe Schaden erlitten habe und daher durch einen anderen ersetzt werden solle, beschloß ich, mit dem auch schon erwarteten englischen Dampfer „Roquelle“ zu fahren. Auch dieser hatte Verspätung und lief erst am 9. Mai im Kamerun-Flusse ein. Da mir der Kapitän versicherte, daß er nicht vor dem 12. Mai wieder abfahren könne, benutzte ich die Gelegenheit, mich in Kamerun näher umzusehen.
Kamerun, die Hauptstadt des gleichnamigen Schutzgebietes, liegt an dem durch Zusammenfluß des Mungo und des Wuri gebildeten breiten Kamerun-Flusse. Die Stadt der Europäer zieht sich längs der Ufer des Flusses hin; die Gouvernementsgebäude bedecken einen Teil eines hinter und über der Europäerstadt gelegenen Hügelrückens, der unter dem Namen Yoss-Platte bekannt ist. Dieser Hügelrücken fällt nach dem Wuri zu allmählich ab. Auf ihm haben sich auch die Eingeborenen festgesetzt, welche hier die großen Dörfer Belltown, Deidotown etc. angelegt haben. Der Gesundheitszustand der Europäer scheint gerade hier ein bedeutend schlechterer zu sein, als in den meisten anderen Niederlassungen unseres Schutzgebietes. Gerade in den letzten Jahren sind daselbst viele der dortigen Ansiedler dem mörderischen Klima erlegen. Der Handel mit den Eingeborenen im Hinterlande wird auch jetzt noch meist durch Zwischenhändler aus dem Dualla-Stamme vermittelt. Da ein nicht unbedeutender Handel auf den Flußläufen aus dem Hinterlande herunter kommt, so ist es nicht zu verwundern, daß sich gerade hier so viele Kaufleute Faktoreien erworben haben. Ein solches Zusammentreffen vieler europäischer Kaufleute, von denen wohl die eine Hälfte Deutsche, die andere englische Unterthanen sind, hatte natürlich zur Folge, daß die einzelnen Firmen höhere Preise für die Produkte, welche aus dem Innern kamen, zu zahlen hatten, als dies bei geringerer Konkurrenz der Fall gewesen wäre. Da diese Verhältnisse immer schlimmer wurden und die Kaufleute endlich einen immer geringeren Verdienst von ihren Waren erzielen konnten, so ist es nicht zu verwundern, daß die Entwickelung des Handels in Kamerun in den letzten Jahren nicht mit den anderen Niederlassungen in unserem Schutzgebiete Schritt halten konnte.
Noch am Abend des 11. Mai siedelte ich mit meinem ganzen Gepäck zur „Roquelle“ über. Da die für die Fahrt nach dem Congo bestimmten Dampfer noch mehr Frachtdampfer, im eigentlichen Sinne des Wortes, sind als die, welche den allmonatlichen Postverkehr nach Kamerun von Hamburg vermitteln, so war es natürlich mit dem Komfort an Bord der „Roquelle“ nicht weit her. Dessenungeachtet muß ich sagen, daß ich mich dennoch bald hier heimisch fühlte, trotz der Petroleumlämpchen, durch welche die Kabinen des Abends erleuchtet wurden. Der Kapitän und die Offiziere thaten hier entschieden ihr Möglichstes, um den Passagieren die Reise angenehm zu machen.
Gegen 8 Uhr morgens verließ die „Roquelle“ am 12. Mai Kamerun. Es war ein prachtvoller Tag. Auf dem sonst meist sehr heißen Kamerun-Fluß wehte eine angenehm kühlende Brise. Als sich dieselbe gegen Mittag legte, wurde es sogleich bedeutend heißer. Ich empfand die Hitze nicht besonders, fuhren wir doch ziemlich nahe an der Küste entlang, so daß man die Niederlassungen der Europäer, wie Longji, Plantation und Kribi deutlich erkennen konnte und mein Interesse so stets rege gehalten wurde. Die bei Malimba ziemlich niedrige Küste wird nach dem Süden unseres Schutzgebietes hier allmählich hügeliger. Das ganze Land, soweit das Auge es erblicken kann, ist mit dichtem Urwalde bedeckt. Um 4½ Uhr kam Groß-Batanga, unser nächster Bestimmungsplatz, in Sicht. Um 5 Uhr ließen wir die Anker fallen. Da ich geschäftlich hier in der Woermannschen Faktorei zu thun hatte, benutzte ich die erste Gelegenheit, welche sich mir bot, an Land zu gehen. Unser Schiff lag in bedeutender Entfernung vom Lande, so daß wir erst um 6 Uhr daselbst eintrafen, als eben die Dunkelheit anbrach. Da wir nur wenig Cargo für Groß-Batanga an Bord hatten, konnte ich mich nicht lange hier aufhalten, sondern mußte sogleich nach Erledigung meiner Geschäfte wieder an Bord zurück. Noch an demselben Abend fuhren wir weiter. Als ich am Morgen des nächsten Tages an Deck erschien, kam eben Batta in Sicht. Gegen 9 Uhr warfen wir daselbst Anker. Auch hier hielten wir uns nicht lange auf. Die Vertreter der wenigen Firmen, welche hier eine Faktorei besitzen, schickten zum Teil große Canoes zum Dampfer, um das Ausladen der Fracht zu beschleunigen. So konnten wir denn bereits um 11 Uhr die Anker lichten. Die Küste ist hier der Südküste Kameruns sehr ähnlich. Die Stämme der Eingeborenen im Innern sollen den Europäern sehr feindlich gesinnt sein, so daß bisher nur wenige Europäer ins Innere vordringen konnten. Der Kautschuk, welcher aus dem Innern an die Küste kommt, wird durch Zwischenhändler heruntergebracht. Die Letzteren sind hier vorzugsweise Gabunesen. Unser Kurs lief nun weiter von der Küste ab, wir steuerten direkt auf die Insel Corisko zu. Nachdem wir dieselbe am Nachmittage um 4 Uhr passiert hatten, kamen wir bald in Sicht der beiden Elobi-Inseln. Da das Fahrwasser nach Aussage unseres Kapitäns hier nicht besonders günstig ist und wir während der Nacht hier in spanischen Gebieten keine Fracht landen durften, zog der Kapitän es vor, über Nacht das Schiff vor Anker zu legen, um am frühen Morgen auf die Elobi-Inseln zuzusteuern.
Die Inseln Corisko sowie Groß- und Klein-Elobi stehen unter spanischem Schutze. Die Küste von Batta bis zum Muni-Flusse, welcher sich in die Corisko-Bai ergießt, wird den Spaniern jetzt von den Franzosen streitig gemacht. Die letzteren haben aller Orten daselbst jetzt bereits die Polizeigewalt in Händen. Wenn dieses Gebiet dereinst im Innern mehr zugänglich sein wird, dann wird hier ein enormer Handelsaufschwung stattfinden, wenn nicht diese ganzen Küstengebiete auch noch von den Franzosen in Konzessionen zerteilt werden, wie es jetzt bereits im größeren Teile des Congo français der Fall ist. Das Land ist sehr reich an Gummi. Es soll auch Kickxia etwa zwei Tagereisen entfernt von der Küste vorkommen. Bis jetzt liegen allerdings dafür noch nicht genügend Beweise vor.
Nachdem wir am folgenden Tage (14. Mai) mit dem Löschen unserer Ladung für Elobi fertig waren, stachen wir um 12 Uhr mittags wieder in See. Da sich kein Lüftchen regte, wurde die Hitze bald fast unerträglich. Gegen Abend war in der Ferne Gabun zu sehen; der Dunkelheit wegen fuhren wir nicht in die Bucht hinein, sondern warfen wieder Anker auf der offenen See. Bei Tagesanbruch fuhren wir nun am 15. Mai nach Gabun hinein und legten uns dicht bei der Stadt vor Anker. Da ich schon häufig Lobenswertes über den botanischen Garten dieses Ortes gehört hatte, machte ich mich sofort auf den Weg dorthin. Leider war der Kurator, Mons. Chalot, abwesend, auch sonst nur farbige Arbeiter anzutreffen, so daß ich mich so gut es eben ging, allein zurechtfinden mußte. Die in dem Garten vorhandenen Kautschukpflanzen interessierten mich natürlich am meisten. Es waren hier vorhanden Manihot Glaziovii, Ficus elastica, Hevea spec., einige Landolphien und gegen 20 Exemplare der falschen Kickxia (africana Bth.). Die letzteren erklärten natürlich auch die früheren Behauptungen des Mons. Chalot, welche dahin gingen, daß Kickxia keinen Kautschuk gebe. Ich lernte im Laufe des Tages hier noch einige Herren kennen, von denen mir fast ein jeder von einem neuen Kautschukbaume erzählen konnte, den er in der Nähe der Stadt entdeckt haben wollte. Guttapercha gab es nach Aussagen dieser Herren in Unmengen, doch wollte niemand sein Geheimnis verraten. Natürlich sind dies alles Illusionen von Leuten, welche diese Produkte und die Zubereitung derselben nicht kennen. Wurde mir doch hier eine ganz gewöhnliche Ficusart, die vollständig wertlos ist, als äußerst kostbarer Guttaperchabaum gezeigt mit der Bitte, doch keinen Gebrauch von diesem Geheimnis zu machen. Der Kautschuk, welcher von hier aus verschifft wird, kommt bereits aus ziemlicher Entfernung aus dem Innern oder durch den Como-Fluß, welcher in die Gabun-Bucht mündet, hinunter. Palmenkerne und Öl sowie Mahagoniholz sind die Hauptexportartikel des Ortes. Erstere werden in nicht zu großer Entfernung von der Küste gewonnen, wie es ja bei so billigen Produkten kaum anders möglich ist, da die Transportkosten zu hoch sein würden. Das Mahagoniholz ist nur da abbaufähig, wo es in nächster Nähe des Meeres oder der Flüsse geschlagen werden kann; es wäre vollständig unmöglich, die riesigen Blöcke über große Entfernungen zu transportieren, während kleingeschnittene Stämme wertlos sind. Da das Mahagoniholz vorzüglich schwimmt, werden die Stämme zu Flößen verkettet und in dieser Weise die Flüsse hinuntergeschwemmt und später durch Barkassen zu den Frachtdampfern hinübergeführt.
Im botanischen Garten sah ich außer einigen allgemeiner verbreiteten Nutzpflanzen auch eine recht gut gedeihende Strophanthuskultur. Es waren verschiedene Arten vorhanden, die alle zur Zeit meiner Anwesenheit reichlich blühten und Früchte brachten. Ebenso waren einige mir damals noch unbekannte Coffea-Arten sehr reich mit Früchten besetzt. Da ich keinen Europäer im Garten finden konnte, war es damals nicht möglich, Samen dieser Coffea-Arten für den botanischen Garten in Kamerun zu bekommen. Ich mußte es daher auf spätere Zeiten verschieben.
Unserm deutschen Konsul Herrn Gebauer konnte ich damals leider nur einen kurzen Besuch abstatten, da ich schon um 3 Uhr zum Dampfer zurück mußte.