Da ich, wie ich schon oben angegeben, die Absicht hatte, noch einmal Bibundi zu besuchen, um Kickxiasamen dorthin zu bringen, so benutzte ich, mit Genehmigung des Herrn Gouverneurs v. Puttkamer, eine Gelegenheit, dorthin zu gelangen, welche sich am 17. April bot. Der Regierungsdampfer „Nachtigal“ sollte Herrn Hauptmann v. Besser nach Bibundi bringen, wo er die Grenze zwischen der Sanje- und der Bibundi-Plantage festlegen wollte. Ich begleitete daher Herrn Hauptmann v. Besser nach Bibundi. Als wir gegen 10½ Uhr dort eintrafen, war leider Herr Rackow eben im Begriff, nach Victoria abzureisen. Ich konnte also nur das Nötigste mit ihm besprechen. Von Frau Rackow wurden wir in der freundlichsten Weise aufgenommen. Diese Dame, welche hier in der Halbcivilisation unermüdlich ihrem Haushalte vorstand, ist ein Segen für die sich in Bibundi aufhaltenden Europäer gewesen. Wo es nur immer in Krankheitsfällen etwas zu helfen gab, hat sie stets für die betreffenden Herren in der edelmütigsten Weise gesorgt. Auch uns wußte sie hier das Leben recht angenehm zu machen; wenn nur jemand einen Wunsch äußerte, wurde er sogleich erfüllt, wenn dies irgend möglich war.
Wie ich mit Herrn Rackow verabredet hatte, ließ ich unter meiner Aufsicht für die Kickxiasamen hier Saatbeete anlegen und zwar in derselben Weise, wie ich es bereits auf Kriegsschiffhafen und im botanischen Garten zu Victoria vorgeschlagen hatte.
Die vier Tage meines Aufenthaltes in Bibundi suchte ich nun soweit als möglich auszunutzen. Am Nachmittage des 17. April machte ich mit Herrn Hauptmann v. Besser einen Besuch auf der Sanje-Plantage. Herr Becker, der Leiter derselben, war eben dabei, eine größere Fläche für Kakaokulturen zu reinigen. Die Lage der Plantage in einer großen, mäßig feuchten und äußerst fruchtbaren Ebene, auf der zur Anlage der Anpflanzungen eigentlich nur wenig Wald wegzuschlagen sein wird, stellt bei guter Betriebsleitung für das Unternehmen eine große Zukunft in Aussicht. Auf dem Gebiete der Sanje-Gesellschaft sind noch einige alte Kakaogärten eines ehemaligen Elefantenjägers vorhanden, welche von der Gesellschaft übernommen worden waren. Diese Gärten waren recht gut in Pflege gehalten und mit großem Geschick angelegt, so daß Herr Becker sehr recht that, indem er diese Anlagen sogleich fortsetzen ließ.
Auch hier in Bibundi waren bei dem Wohnhause des Herrn Rackow einige Ficus elastica-Stämme von genügender Stärke vorhanden, so daß ich Versuche damit anstellen konnte. Ich ließ zu dem Zwecke Milch derselben einsammeln, kam aber bei meinen Experimenten zu demselben Schlusse wie in Victoria. Der Kautschuk war entschieden ein minderwertiges Produkt, jedoch nicht gänzlich unbrauchbar.
Am 20. April begleitete ich Herrn Hauptmann v. Besser auf einer seiner Vermessungstouren, um die Flora des Gebirgswaldes hier kennen zu lernen. Wir drangen längs der östlichen Grenzlinie des Bibundi-Gebietes ziemlich tief in den Urwald ein. Das Ergebnis dieser Exkursion war für mich nicht anders als ich erwartete. Es fanden sich einige Landolphien, die wirklich Kautschuk lieferten, aber nicht zahlreich genug vorhanden zu sein schienen, um einen Abbau seitens der Europäer zu rechtfertigen. Von Kickxia war nichts zu entdecken, ebenso wenig von kautschukliefernden Ficusarten.
Da ein längerer Aufenthalt in Bibundi für mich nur Zeitverlust bedeutet hätte, weil ich doch jetzt nach der Aussaat der Kickxien in Abwesenheit des Herrn Rackow nichts ausrichten konnte, beschloß ich, am Morgen des 21. April mit einem Boote nach Victoria zurückzukehren. Einer der Herren von Bibundi, Herr Mazat, welcher nach Kamerun wollte, begleitete mich. Erst um 9 Uhr kamen wir von Bibundi fort, da sich natürlich im letzten Augenblicke immer wieder etwas Neues fand, was die Herren Bootsjungen noch zu besorgen hatten. Es herrschte eine grauenhafte Windstille, so daß wir uns im Boote vor der Hitze kaum retten konnten. Natürlich kamen wir auch nur sehr langsam vorwärts, da wir nicht das Segel gebrauchen konnten. Wir fuhren um das Kap Debundja herum nach Isongo, wo wir bei dem Leiter dieses Vorwerkes der Bibundi-Pflanzung, Herrn Kundler, unser Mittagsmahl einnahmen. Es war gegen 2½ Uhr, als wir eintrafen. Die Kakaopflanzung stand hier recht gut und war schön rein gehalten. Bei den hier besonders starken Regenfällen scheint sich dieser Ort für Kakao vorzüglich zu eignen, ebensowohl für Vanille, welche in neuerer Zeit dorthin eingeführt werden soll. Landschaftlich bietet Isongo ein reizendes Bild dar. Gegen 4 Uhr brachen wir wieder von Isongo auf, um noch bis Mokindange fahren zu können. Eine Brise, welche sich plötzlich erhob, war für uns günstig. So kam es, daß wir gegen unsere Erwartungen bereits um 6½ Uhr vor Mokindange waren. Es war eine gefährliche Fahrt hinein in die mit zerstreuten Felsen reich bedeckte Bucht, da aber Herr Mazat sowohl wie unsere Bootsleute häufig vorher hier gewesen waren, kamen wir endlich wohlbehalten bei Herrn Böklin, welcher der hiesigen Plantage vorsteht, an. Mokindange ist ebenso wie Isongo noch ein Vorwerk der Bibundi-Plantage. Die Plantage konnte ich leider nicht mehr besichtigen, da wir am nächsten Morgen bereits um 6 Uhr wieder abfuhren. Der Wind war wieder ungünstig für uns, so daß unsere Leute die ganze Strecke rudern mußten. Wir fuhren bei dem Dorfe Bota vorbei, zwischen den merkwürdigen „Piraten“-Inseln und dem Festlande hindurch nach Victoria zu. Unterwegs liefen wir noch einmal an der Küste bei Herrn Weilers Besitz an, wo Herr Mazat noch einiges Geschäftliche zu arrangieren hatte. Gegen 9 Uhr langten wir endlich bei strömendem Regen in Victoria an.
Da sich der Monat nun seinem Ende zuneigte, benutzte ich die nächsten Tage meines Aufenthalts in Victoria dazu, die für meine Congo-Reise nötigen Lasten zusammenzustellen. Außerdem setzte ich meine Experimente mit der Milch der Ficus elastica fort.
Einer Verabredung gemäß schickte Herr Frederici am 26. April vom Kriegsschiffhafen aus ein Boot, um mich dorthin abzuholen, damit wir die Kickxien aussäen könnten. Noch an demselben Tage wurden die Saatbeete fertiggestellt und am nächsten Tage die Samen gleich in Abständen von 1 dm einzeln eingesteckt. Zum Schutz gegen die Sonne mußte natürlich ein leichtes Dach von Wedeln der Ölpalme hergestellt werden, was einfach dadurch erzielt wurde, daß man diese Wedel auf dazu angebrachten Stellagen darüber legte.
Ich besichtigte nun während meines Aufenthalts die Plantage genauer als es mir vorher die Zeit erlaubt hatte. Auch das Vorwerk N’Bamba besuchte ich. Überall fand ich dieselbe Ordnung, überall die Anlagen praktisch und doch ohne großen Kostenaufwand aufgeführt. Wir unterzogen nun auch die für Kickxiabestände ausersehenen Hügelrücken einer Besichtigung. Ich fand hier dieselbe Urwaldvegetation wie in den Wäldern des Yoruba-Landes, wo ich Kickxia angetroffen hatte. Der Boden war zwar entschieden fruchtbarer und von anderer Beschaffenheit, doch scheint dieser Umstand, wie meine späteren Reisen in das Bakossi-Gebiet bewiesen, von nicht so hoher Bedeutung zu sein.
Als ich am 22. Mai nach Victoria zurückkehren wollte, wollte es der Zufall, daß gerade der Dampfer „Adolph Woermann“ auf seiner Rückreise nach Victoria Kriegsschiffhafen anlief. Herr Kapitän Jensen war so freundlich, mich nach Victoria mitzunehmen. Dieser Umstand war mir besonders angenehm, da ich erfuhr, daß Herr Küderling aus Campo, welcher als einziger bisher für Kickxiaplantagen im Schutzgebiete eingetreten war, sich an Bord befände. Ich hatte sonach Gelegenheit, mich eingehender mit ihm über die Kickxiakultur zu unterhalten, und gab ihm das Versprechen, nach meiner Rückkehr aus der Sanga-Ngoko-Region, auch seine Plantage am Campo-Flusse zu besuchen.