Als ich im Laufe der Unterhaltung Herrn Frederici fragte, wie er sich zur Frage des Anbaues von Kautschukbäumen stelle, äußerte er sich, entschieden dagegen zu sein. Als ich ihm nun die Vorteile einer solchen Anlage im Falle des Gedeihens der Kickxia vor Augen führte, gelang es mir zu meiner nicht geringen Freude, ihn vollständig umzustimmen, so daß er sich sofort bereit erklärte, eine solche Pflanzung anzulegen. Da ich schon allenthalben von der Tüchtigkeit dieses äußerst praktischen Mannes gehört hatte, lag mir viel daran, vor allen Dingen ihn für meine Sache zu gewinnen; es war natürlich nun eine große Genugthuung für mich, daß es mir gelang. Am Nachmittage machten wir einen längeren Spaziergang, um die Plantage zu besichtigen. Bei dieser Gelegenheit stellten wir auch gleich einen Platz fest, welcher zur Anlage der Saatbeete für die Kickxia reserviert werden sollte, ebenso die Lokalitäten, auf denen dann später die Kickxia in der von mir vorgeschlagenen Weise ausgepflanzt werden sollten. Zur Anlage dieser Kickxiaanpflanzungen wählten wir die Hügel, welche sonst für Kakaokulturen weniger geeignet sind.

Es war eine Freude, zu sehen, wie alle Bestände in wundervoller Ordnung gehalten wurden, besonders die von Herrn Frederici in neuerer Zeit angelegten. Beständig waren neue Pflanzen an Stelle etwaiger kranker oder abgestorbener Bäume eingesetzt worden, so daß nur wenige Lücken in den Beständen vorhanden waren. Da, wo von Herrn Fredericis Vorgänger die einzelnen Stämme zu dicht gepflanzt waren, wurde allmählich mehr Luft geschafft. Schöne breite Wege, die in vorzüglichem Zustande waren, durchschnitten die Plantage nach allen Seiten. Die Wasserläufe waren durch schöne massive Brücken passierbar gemacht. Besonders gut gefiel mir das von Herrn Frederici erst unlängst angelegte Vorwerk „Wasserfall“. Hier hatte Herr F. die Erfahrungen, welche er im Laufe der Jahre gesammelt hatte, alle verwerten können. Hier sah man die regelmäßigsten Bestände. Dieselben bestanden zwar meist nur aus jüngeren Pflanzen, versprachen aber, sich prachtvoll zu entwickeln. Die Anlagen zum Gären und Dörren des Kakaos waren entschieden die praktischsten, welche ich gesehen. Die letzteren waren ganz ähnlich den Dörrhäusern, welche Dr. Preuß in seinen Berichten an das Kolonial-Wirtschaftliche Komitee aus Südamerika abgebildet und beschrieben hat.

Am Abend kehrte Herr Assessor Horn nach Victoria allein zurück, Herr Oberleutnant v. Carnap und ich blieben über Nacht bei Herrn Frederici, um am nächsten Morgen erst auf dem Landwege nach Victoria zurückzugehen. Unser Weg von Kriegsschiffhafen nach Victoria führte durch das Vorwerk Wasserfall über eine Hügelkette. Sobald wir die Grenze der Kriegsschiffhafen-Plantage überschritten hatten, wurde er schmaler und war mehr vernachlässigt, stellenweise war er vollständig mit Unkraut bewachsen. Der prachtvolle Urwald zu beiden Seiten wurde hin und wieder von Anpflanzungen der [Victoria-Neger] unterbrochen. Die Kakaobestände derselben waren häufig zu dicht bewachsen, sonst wurden hauptsächlich Bananen und Planten, letztere eine nicht süße, große Bananenart, gepflanzt. Stellenweise sah man etwas Maniok (Kassada) und Xantosoma esculentum (Koko).

Am Morgen des 11. April brach ich mit zwei Trägern (Majumba-Leuten) und einem Jungen nach Buea auf, um mich dem Herrn Gouverneur v. Puttkamer vorzustellen. Der schöne, weit gehaltene Weg führte über den Limbe-Bach hinüber durch einige Vorwerke der [„Victoria“-Plantagengesellschaft]. Die Kakaobestände daselbst standen zum großen Teile nicht schlecht, doch war der Boden stellenweise so steinig, daß man sich unwillkürlich fragen mußte, ob denn die Bäumchen hier für längere Zeit sich würden halten können. Hinter dem Limbe-Vorwerk stieg der Weg allmählich nach Bomana zu an. Er war an den steileren Stellen besonders dicht mit Basalt- und Lavageröll bedeckt. Da die Sonne unterdessen schon etwas höher gestiegen war, konnten die Träger mit den schweren Koffern nicht mehr so schnell vorwärts. Ich ging daher mit dem Jungen voraus. Oberhalb Bomana traten in dem Urwalde stellenweise schon offenere Partien auf, welche mit Elefantengras bewachsen waren. Dieses letztere ist eine riesige Pennisetumart, welche nicht selten eine Höhe von 3 m erreicht. Gegen 11½ Uhr erreichte ich den Rand des oberen Plateaus, auf dem Buea gelegen ist. Dasselbe liegt 800 bis 900 m über dem Meeresspiegel. Dichter Urwald war hier nicht mehr vorhanden. Ehe ich die Station Buea, den Sitz des Herrn Gouverneurs v. Puttkamer, erreichte, hatte ich noch durch einen Teil der „Günther-Soppo-Pflanzung“ zu marschieren. Die Kaffeebäumchen daselbst sahen meist nicht sehr vielversprechend aus, viele waren eingegangen, andere schienen zu kränkeln. Offenbar behagte ihnen die kalte, nebelige Luft dieses Plateaus nicht mehr. Kakao gedeiht so hoch oben am Kamerunberge auch nicht mehr. Gegen 12½ Uhr traf ich auf der Station Buea ein. Ich meldete mich hier bei dem Stationschef, Herrn Leuschner, welcher mit seiner Gemahlin mich sehr liebenswürdig aufnahm und mir in dem Logierhaus, welches für Durchreisende und neue Ankömmlinge sowie für Rekonvaleszenten, welche etwa aus der mörderischen Küstenzone heraufkommen sollten, gebaut ist, ein Zimmer anwiesen. Die Station liegt direkt am Fuße des Gipfelkegels des Kamerun-Gebirges. Zur Zeit meiner damaligen Ankunft bestand sie aus etwa 15 Häusern. Das Klima ist hier für Europäer gesund, besonders da Fieber hier nicht mehr vorzukommen scheint, doch werden infolge der häufigen Nebel die Europäer leicht von Rheumatismus befallen. Da die Eingeborenen der Umgebung jetzt vollständig beruhigt sind, wird hier nur eine kleine Polizeisoldatentruppe gehalten, welche hauptsächlich Ordonnanzdienste zu verrichten hat.

Am Nachmittage empfing mich der Gouverneur Herr v. Puttkamer. Er brachte meiner Expedition, wie überhaupt allen Dingen, welche die Entwickelung des Schutzgebietes fördern könnten, ein sehr reges Interesse entgegen und versprach, meine Pläne in jeder Weise zu unterstützen. Daß dies nicht leere Versprechungen waren, hatte ich in Zukunft genug Gelegenheit, wahrzunehmen. Ich kann daher dem Herrn Gouverneur v. Puttkamer nicht genug Dank wissen für die Art, in welcher er die Interessen meiner Expedition gefördert hat.

Bei seiner letzten Rückkehr aus Europa hatte Herr Gouverneur v. Puttkamer eine Anzahl Algäuer Kühe nach Kamerun hinüberführen und nach Buea auf die Station bringen lassen. Dieselben haben sich hier sehr gut entwickelt und geben reichlich Milch. Leider aber scheint das Futter des Kamerun-Gebirges nicht genügend kräftig zu sein, so daß ein nicht geringer Teil desselben für die Tiere noch immer aus Europa importiert werden muß. Man hatte auch bereits Versuche gemacht, Kreuzungen zwischen dem Algäuer Vieh und eingeborenen Kamerun-Kühen zu erziehen, so daß es nicht ausgeschlossen ist, daß dadurch die einheimischen Rinder bedeutend verbessert werden.

In Buea hielt ich mich bis zum 13. April auf. Ich verbrachte die Zeit daselbst, so gut es ging, mit Sammeln von Pflanzen, Exkursionen, und vor allen Dingen Besuchen nach der Günther-Soppo-Plantage. Herr Günther hatte nämlich eine kleine Landolphiapflanzung angelegt, welche wohl die erste in unserem Schutzgebiete sein dürfte. Die Pflänzchen schienen sich an den Bäumchen, an deren Fuße sie angepflanzt waren, recht wohl zu befinden, einige waren bereits gegen 2 m hoch. Doch trotz dieses guten Gedeihens scheint mir eine solche Anlage, wenn sie in dieser Weise noch einer gewissen Pflege bedarf, nicht rentabel genug zu sein. Vor dem 15. Jahre dürften die Lianen wohl kaum anzapfbar sein, und da dieselben nur sehr wenig Latex abgeben, würden die Unkosten wohl in keinem annehmbaren Verhältnisse zu dem Gewinne stehen. Während eines Streifzuges auf dem Boden der Soppo-Plantage fand ich eine Ficusart, aus der Verwandtschaft der P. Preussii Warb., deren Milch nach der Koagulation ein ganz ähnliches Produkt ergab, als die der Ficusart aus dem Yoruba-Lande. Natürlich kann ich über diese Art daher nur dasselbe sagen, wie von der Yoruba-Art. Man muß mit solchen Dingen natürlich sehr vorsichtig sein, da sich für ein so minderwerthiges Material erst allmählich ein Absatz auf dem Kautschukmarkte erzielen läßt. Ändern würde sich diese Sachlage natürlich dadurch, daß sich eine neue Verwendung für solche Produkte finden ließe. Der Kakao auf der Soppo-Plantage stand da, wo er nicht in zu hoher Lage ausgepflanzt war, nicht schlecht; dennoch machte die ganze Plantage einen etwas verwahrlosten Eindruck, obgleich die Wege recht gut gehalten waren. Herr Günther schrieb dieses dem Mangel an Arbeiter- und Aufseherpersonal zu, das lange nicht ausreiche, um die unter Kultur gesetzten Ländereien in Ordnung zu halten.

Am Nachmittage des 13. April verabschiedete ich mich bei dem so äußerst zuvorkommenden und liebenswürdigen Herrn v. Puttkamer und trat nun meinen Rückmarsch nach Victoria an. Um 2 Uhr verließ ich Buea; auf einem direkteren, aber steileren Wege stieg ich ab, so schnell es in dem Lavageröll ging. Um 6¼ Uhr traf ich in Victoria ein. Hier bezog ich wieder mein altes Quartier in dem Ambas-Bay-Hotel bei Herrn Lange. Von der Ficusart, welche ich bei Soppo gefunden hatte, brachte ich auch Stecklinge für den botanischen Garten in Victoria mit.

Während einiger Tage blieb ich nun in Victoria, um zunächst einige Versuche mit der Milch der Ficus elastica zu machen. Im botanischen Garten waren einige ältere Stämme, welche zum Anzapfen durchaus geeignet schienen. Das Resultat dieser Untersuchungen deckte sich genau mit den Ergebnissen der Experimente, welche ich kurze Zeit später in Bibundi anstellte, es konnte kaum zufriedenstellend genannt werden. Der Kautschuk war entschieden von inferiorer Qualität, obgleich etwas besser als der der Ficusarten aus dem Yoruba-Lande und von Buea.

Zusammen mit Herrn Oberleutnant v. Carnap besuchte ich damals auch die Moliwepflanzung, welche unter der tüchtigen Leitung des Herrn Stammler eben zu entstehen begann. Die zu jener Zeit zur ersten Anlage ausgesuchte Lokalität befand sich etwa ¾ Stunde von Victoria entfernt. Dort angekommen, überzeugte ich mich sofort, daß es unter den damals waltenden Umständen für Herrn Stammler vollständig unmöglich war, sofort Kickxiasaat zu übernehmen. Da er sich aber entschlossen hatte, Kickxia anzupflanzen, so machte ich ihm einen Vorschlag, auf den er nur zu gern einging. Ich wollte dem botanischen Garten in Victoria die für die Moliwepflanzung bestimmten Kickxiasamen zur Aussaat übergeben. Herr Stammler mußte sich verpflichten, dieselben bis zum 1. August 1899 spätestens abzuholen, sonst verfielen die Pflänzchen dem botanischen Garten als Eigentum. In dieser Weise wurde denn auch alles arrangiert. Herr Assessor Horn, der gewissermaßen Herrn Dr. Preuß während seiner Abwesenheit vertrat, gab seine Einwilligung dazu. Somit wurden der Moliwepflanzung auch einige tausend Kickxiapflänzchen gesichert.