Am Vormittage des 26. Juni erreichten wir die amerikanische Missionsstation Tschumbiri, welcher gegenüber wir inmitten des Fahrwassers etwa eine Stunde lang vor Anker liegen blieben, um Post abzugeben und etwas Proviant zu kaufen. Nicht weit davon entfernt machten wir wieder an einem Holzposten Halt. Als wir dann gegen Mittag fort wollten, stellte sich heraus, daß der Dampfer ein kleines Leck bekommen habe, welches erst ausgebessert werden mußte. Wir waren daher gezwungen, für den Rest des Tages hier zu verbleiben. Leider bot der Platz nichts Interessantes dar, nicht eine Landolphia war zu sehen. Die neuen Ankömmlinge benutzten hier natürlich die Gelegenheit, ihren ersten Jagdeifer etwas zu stillen, ein Leguan (große 1½ m lange Eidechse) und einige Tauben waren das Resultat ihres Jagdzuges. Elefanten- und Büffelspuren waren reichlich zu sehen, doch schienen sich die Tiere wohl zu hüten, sich einer solchen Zahl von Nimroden zu zeigen.

Während der Fahrt am nächsten Tage sahen wir häufig Nilpferde, welche sich aber stets in zu großer Entfernung vom Dampfer hielten, um eine sichere Zielscheibe zu bieten, ebenso waren die Krokodile sehr scheu. Es ist unglaublich, welche große Mengen von Flußpferden hier noch im Congo vorhanden sind, obgleich jährlich eine große Zahl derselben geschossen und auch von den Eingeborenen harpuniert wird. Meist halten sich die Tiere in kleinen Trupps von 5 bis 10 Stück auf und tauchen sogleich unter, wenn ein Dampfer sich ihnen nähert, um dann nur hin und wieder an der Oberfläche zu erscheinen, um Luft zu schöpfen. Sobald sich ein solches Tier in der Nähe des Dampfers zeigt, wird darauf geschossen, obgleich man die angeschossenen Tiere nur selten bekommen kann.

Als wir gegen Mittag an dem Posten Bolobo eintrafen, hatten wir ein sehr lebendiges Bild vor uns; es wurde gerade Markt abgehalten. Die Eingeborenen aus der Umgebung waren zu diesem Zwecke recht reichlich zusammengekommen. Es wurden fast nur Eßwaren feilgeboten, welche mit Mitakus, der hier üblichen Münze, d. h. Messingdrahtstücken von ungefähr 20 cm Länge, zu kaufen waren. Die Verkaufenden standen hinter einem kleinen Zaune in einer eigens zu dem Zwecke aufgebauten Hürde, in welche der Kauflustige nicht hineinkommen durfte, sondern sich die gekauften Sachen über den Zaun hinwegreichen lassen mußte. Man hat diese Regelung des Marktverkehrs wohl hauptsächlich eingeführt, um die Verkäufer vor Diebstählen zu schützen, denn alle diese Congo-Völker gehören zu den gewandtesten Dieben, welche es giebt. Von seiten unseres Schiffes wurden große Mengen von Lebensmitteln erstanden, welche teils mit Mitakus, teils mit Zeug, Salz oder sonstigen Tauschartikeln erhandelt wurden. Noch am Nachmittage setzten wir unsere Reise fort. Wir waren jetzt vollständig im Bereiche der Congo-Inseln, welche zum großen Teile von Sümpfen mit Wassergräsern durchzogen waren und daher viele Nilpferde beherbergten. Es wurde natürlich auch jetzt wieder tüchtig auf die Tiere geschossen und einige auch vielleicht verwundet, doch konnten wir die Körper natürlich nicht bekommen, da zum Jagen der verwundeten Tiere viel Zeit gehört, welche uns nicht zur Verfügung stand. Als wir gegen 5½ Uhr anlegten, um für die Nacht Holz schlagen zu lassen, benutzte ich die Gelegenheit wieder zu einer kleinen Exkursion, während der ich zwei Landolphien ohne Blüten sah, die beide aber keinen brauchbaren Kautschuk lieferten.

Mit jedem Tage wurde der Fluß nun breiter, so daß wir häufig durch die Inseln, welche immer zahlreicher wurden, von einem oder gar von beiden Ufern nichts mehr sehen konnten. Die für die Dampfer mit größerem Tiefgange wie die „Hainant“ einzig mögliche Fahrstraße schien stellenweise schon sehr gefährlich, da das Wasser in diesem Jahre bedeutend mehr gefallen war, als es sonst zu geschehen pflegte. Bei der Fahrt stromauf ist die Gefahr nun allerdings nicht so groß als im entgegengesetzten Falle, denn dann werden die Dampfer von der gewaltigen Strömung im Congo nicht mitgerissen und auf die Sandbänke gesetzt, wo sie sich dann, durch die Strömung getrieben, immer tiefer einbohren. Als wir am Nachmittage des 28. Juni wieder anlegten, um Holz schlagen zu lassen, betrat ich einen Wald, welcher trotz des niedrigen Wasserstandes noch immer stellenweise unter Wasser stand, dessen Bäume also sicher fast während des ganzen Jahres direkt im Wasser stehen, und dennoch wuchsen hier Kautschuk liefernde Landolphien. Viele der Bäume stehen ähnlich wie die Mangroven und Pandanus, welche letzteren hier übrigens auch auftraten, auf Stützwurzeln, so daß dadurch die Stämme über Wasser gehalten werden.

Am 29. Juni befanden wir uns gegenüber der Sanga-Mündung, von der natürlich infolge der vielen davor gelagerten Inseln nichts zu sehen war. Der Fluß verengt sich von hier bis Coquilhatville wieder etwas und ist weniger inselreich als unterhalb und oberhalb dieser Strecke. Noch am Abend desselben Tages erreichten wir den Posten Lukulela, welcher infolge seiner prachtvollen Wälder und des daselbst gewonnenen Nutzholzes bekannt ist. Ich sah hier den schönsten Wald, welchen ich je im Congo zu beobachten Gelegenheit gehabt hatte. Leider war es damals schon zu dunkel, um die Anpflanzungen der Station in Augenschein nehmen zu können, doch tröstete ich mich damit, daß ich wußte, bei meiner Rückkehr bessere Gelegenheit dazu zu haben.

Wie gewöhnlich setzten wir am folgenden Tage mit Tagesanbruch unsere Reise stromaufwärts fort. Da ich sehr bald eingesehen, daß ich später nicht im Lande umherreisen dürfte, ohne das Bangala, die hier übliche Verkehrssprache, zu verstehen, so begann ich bereits auf dem Dampfer, tüchtig Vokabeln zu lernen, um mich wenigstens einigermaßen mit den Eingeborenen verständigen zu können. Es wurde während der Mittagsstunden hier auf dem vollständig windstillen Congo so heiß, daß ein jeder bei dem müßigen Leben, welches man an Bord des Dampfers zu führen gezwungen war, erschlaffen mußte; wie sehr sehnte ich daher das Ende der Fahrt herbei, um doch wenigstens wieder etwas thätig sein zu können.

Irebu war unser nächstes Ziel, welches wir noch am Abend desselben Tages erreichten. Hier befand sich ein Camp d’Instruction, in welchem die Soldaten, welche die verschiedenen Stämme für die Schutztruppe des Staates liefern müssen, vorgebildet und gedrillt werden. Es befanden sich damals etwa 400 dieser Soldaten auf Irebu. Kommandant Jouniaux, der Kommandant der Station, führte uns am nächsten Tage, als der Dampfer, um Holz einzunehmen, den Ausfluß des Tumba-Sees hinaufgefahren war, umher und zeigte uns die ziemlich bedeutenden Kaffeeplantagen, welche von der Regierung hier angelegt worden waren. Man stand gerade vor der Haupternte. Die Plantagen waren in gutem Zustande gehalten, was insofern für die Regierung nicht schwer fällt, als sie Arbeiter in Überzahl erhalten kann, indem sie einfach aus den umherliegenden Dörfern die nötigen Leute requiriert, welche dann für eine geringe Bezahlung und für ihre Beköstigung für eine gewisse Zeit Arbeiten zu leisten haben. Nach allem, was ich hier in Irebu wie auch später in Equateur sah, schienen sich die Leute bei dieser Behandlung durchaus wohl zu fühlen.

Auf der Weiterfahrt wurde gegen Mittag noch einmal Halt gemacht, um wieder Holz einzunehmen. Am Abend legten wir kurz unterhalb [Wangata] für die Nacht an, um dann in aller Frühe erst bis Wangata, der Hauptniederlassung der Société Anonyme Belge, weiterzufahren. Von Wangata bis Coquilhatville oder Equateurville hatten wir nur eine kurze Zeit zu fahren, so daß wir bereits um 11 Uhr daselbst anlangten. Ich war natürlich froh, daß ich nun an meinem Ziele angelangt war und den Dampfer verlassen konnte. Am Nachmittage ließ ich meine Lasten in das mir angewiesene Haus hineinschaffen und richtete mich dann darin so behaglich ein, als es eben ging.

Coquilhatville ist eine der größten Stationen im Innern und gehört wohl entschieden auch mit zu den wichtigsten; die Eingeborenen in dem Distrikte sind immer mehr oder minder im Aufstande begriffen. Man hat auf der Station riesige Kaffeeplantagen angelegt, in denen eine sehr große Zahl von Arbeitern thätig ist. Der Chef des Cultures auf der Station schien sich nach seinen Berechnungen einen sehr großen Verdienst von den Kaffeeplantagen zu versprechen, doch wird man das Resultat abwarten müssen, denn der hier angepflanzte Liberia-Kaffee erzielt sehr geringe Preise auf dem europäischen Markte.

Zur Besichtigung der Kautschukpflanzungen unternahm ich in Begleitung des Chefs des Cultures eine Exkursion, auf welcher ich alles sah, was davon vorhanden war. Hevea hatte man meiner Meinung nach auf zu trockenem Terrain angepflanzt, die Pflanzen wuchsen zwar recht kräftig, doch ist zu befürchten, daß man mit ihnen dieselbe Erfahrung machen wird, wie es in Kamerun der Fall war. Manihot Glaziovii war auch in einigen hundert Exemplaren vorhanden und hatte sich stellenweise sogar schon selbst ausgesät. Von [Kickxia latifolia Stapf] hatte man eine Plantage von etwa 5000 Pflänzchen angelegt, welche auch sehr gut zu gedeihen schienen, doch giebt diese Art, wie ich bald festzustellen Gelegenheit hatte, ebenso wenig Kautschuk wie [Kickxia africana Bth.], ist also deshalb vollständig zu verwerfen. Von Castilhoa elastica war ein kleines Exemplar unter großen Schwierigkeiten und mit vieler Mühe hierher geschafft worden; dasselbe war erst vor einigen Tagen ausgepflanzt worden, so daß man noch nicht einmal sehen konnte, wie sich die Pflanze entwickeln würde. In einem sumpfigen Walde hatte man das Unterholz etwas weggeschlagen und eine Landolphia-Anpflanzung begonnen. Die Pflänzchen waren in Abständen von 5 bis 7 m einzeln oder zu zweien am Fuße der Bäume ausgesetzt und schienen sich in diesem feuchten Boden recht wohl zu fühlen. Auch diese Anpflanzung war erst sehr jungen Datums, so daß die Pflänzchen erst drei bis vier Blätter entwickelt hatten. Ich halte es nicht für möglich, daß eine solche Landolphia-Anpflanzung in sechs bis sieben Jahren anzapfbar sein wird, wie häufig vermutet wird. Es ist nicht zu bestreiten, daß dieselbe, wenn sie erst einmal zum Anzapfen reif ist, einen gewissen Wert repräsentiert, doch wird trotz aller Vorsichtsmaßregeln in wenigen Jahren der Kautschukertrag derselben bedeutend herabsinken, da bei der äußerst runzeligen und ungleich dicken Rinde die Schnitte nur zu leicht bis in die Cambiumschichten hineindringen. Hier im Congostaate weicht die Landolphia mit der fortschreitenden Civilisation in erschrecklicher Weise zurück. In größeren Quantitäten finden sich Kautschuklianen an leichter zugänglichen Lokalitäten nur noch da, wo der Europäer noch nicht dem Eingeborenen den Wert des Kautschuks hat klarmachen können. Die Verordnungen, welche die Regierung erlassen hat, werden natürlich, da sie unbequem sind, bei jeder möglichen Gelegenheit umgangen, denn dadurch würde der Ertrag der Kautschuk-Liane bedeutend verringert werden, und der Neger würde verlieren.