Entgegen den Ansichten vieler Botaniker möchte ich glauben, daß die Congo-Flora sehr arm an endemischen Arten ist. Endemismen finden sich hauptsächlich in der ersten von mir oben erwähnten Vegetationszone des Gebietes. Diese erstreckt sich von der Küste bis zum Stanley-Pool einerseits und dem Kassai-Kwango-Gebiete andererseits. Im Süden geht die Zone vollständig in die Angola-Benguella-Flora über. Wenn ich einerseits hier den Stanley-Pool als Grenze angebe, so meine ich damit nur die politische Grenze des Congostaates, denn nach Norden geht das Gebiet so weit in die französischen Besitzungen hinein, wie die Ausläufer der von Angola kommenden Sierra do Crystal, also fast bis in das Ogowe-Gebiet.

Die Vegetation dieser Zone, welche sich durch hügelige Physiognomie auszeichnet, ist mit der Flora der Angola-Hochländer eng verwandt, und viele, ja ich möchte sagen sehr viele Arten treten hier noch auf, welche ursprünglich von dem Huilla-Plateau bekannt geworden sind. In den Thälern, zwischen den Hügeln oder längs der Flußläufe haben sich Galerie- und Buschwälder gebildet, deren Elemente teils, wie in den Galeriewäldern des unteren Congo, der Flora des Congo-Beckens entstammen, teils dieselben Arten aufweisen, wie die Buschwälder von Angola.

Auf den grasigen Hügeln finden wir ein reiches Gemisch von Arten der verschiedensten Familien. Außer Gräsern und Cyperaceen begegnen wir besonders Leguminosen (mit vielen Indigofera- und Crotalaria-Arten) Compositen (besonders Vernonien und sogar Helichrysum-Arten), Rubiaceen, Gentianaceen, viele Scrophulariaceen etc., kurzum eine typische afrikanische Grassteppenflora, wie wir sie aus Transvaal, Angola und Ostafrika bereits sehr wohl kennen. In den Sümpfen oder am Rande derselben fehlen weder Utricularien noch die Eriocaulonaceen, sonst wiederholen sich dieselben Erscheinungen, Rubiaceen, Scrophulariaceen, Iridaceen, Araceen, Orchidaceen und die prachtvollen Melastomataceen, alle Familien sind vertreten.

Als ich in den sandigen Ebenen bei Dolo am Stanley-Pool sammelte, war ich über die Flora im höchsten Maße überrascht, fast glaubte ich mich in die Hoogeveld-Steppen von Transvaal zurückversetzt, so ähnlich war die Flora derjenigen, welche ich im Sommer 1893/94 dort beobachtet hatte. Hier liegt ein neuer Beweis für die Verwandtschaft der Floren ähnlicher Gebiete in Afrika vor. Die Arten sind zwar in demselben verschieden, doch kann man dessenungeachtet eine wirklich auffallende Gleichförmigkeit der Steppenfloren sowohl wie der typischen Urwaldfloren konstatieren. Westafrika besitzt gewiß mit seinen bedeutenden Niederschlägen eine recht typische Flora; doch sind die Hauptvertreter mit den ostafrikanischen Typen immer mehr oder minder nahe verwandt.

Die zweite Vegetationszone, welche ich im Congo zu beobachten Gelegenheit hatte, möchte ich als typische Flora des Congo-Beckens bezeichnen. Sie bildet im allgemeinen die Flora des sogenannten Äquatorialwaldes und der Ufer des Congo und seiner Nebenflüsse. Oben habe ich bereits angedeutet, wie arm diese Flora an typischen Arten ist.

Wenn wir annehmen, daß die Flora des Congo-Beckens noch jüngeren Alters ist, so wird diese ihre Armut leichter erklärlich, und es lassen sich einige recht interessante Beispiele der Einwanderung verschiedener Arten noch heute feststellen. Leider ist es mir nicht möglich, im Innern des Gebietes, vor allen Dingen nach Osten, die Grenzen dieser Florenzone auch nur annähernd festzulegen, da ich nicht weit genug ins Innere desselben gekommen bin, und deshalb wäre es sehr wünschenswert, wenn wir dereinst von kompetenterer Seite etwas darüber erfahren könnten.

Die Flora des Congo-Beckens besitzt sehr ausgesprochene Anklänge an die Flora des Kamerun-Gebietes und des französischen Congo. Ich halte es daher für sehr wahrscheinlich, daß von dort aus die größere Zahl der Pflanzen eingewandert ist. Noch heute finden wir gegenüber der Mündung des Sanga, bei Lukulela, eine Urwaldflora, welche sich durch eine merkwürdige Reichhaltigkeit und Verwandtschaft oder Gleichheit mit Südkamerun-Typen auszeichnet. Wenn wir nun in Betracht ziehen, daß eine nicht unerhebliche Menge des vom Sanga in den Congo fließenden Wassers aus jenen Gegenden entstammt, so glaube ich diese Florenverwandtschaften darauf zurückführen zu können. — Ebenso finden wir am Unterlaufe des Kassai und in der Nähe der Mündung desselben eine erhebliche Anzahl von Arten, deren Ursprung auf die südlich gelegenen Gebiete zurückzuführen ist. Leider kann ich mir kein Urteil erlauben über die Gebiete östlich der Stanley-Fälle, doch bin ich fest davon überzeugt, daß ein großer Prozentsatz der Pflanzen des Congo-Beckens von dorther stammt. Ein anderes Verhältnis darf ja auch in einem Stromgebiete von der geringen Elevation des Congo-Beckens nicht erwartet werden. Alljährlich zur Zeit des hohen Wasserstandes werden, ähnlich wie im Gebiete des Amazonas, die Wälder mehr oder minder hoch vom Wasser überspült.

Diesen Verhältnissen passen sich eine Anzahl von Bäumen an, indem sie ihre Stämme wie die Pandanusarten durch Stützwurzeln über den Boden emporheben. Wie schon oben bemerkt, besteht die Urwaldflora fast ausschließlich aus Gewächsen, welche im Kamerun-Urwalde anzutreffen sind. Anders dagegen setzt sich die Flora der Flußufer zusammen. Häufig finden wir dort noch im Wasser stehend Impatiens- und Aschynomene-Arten und eine als „Bubandja“ bekannte Euphorbiacee. Calamus-Arten bilden am Waldrande oft undurchdringliche Gestrüppe, in deren Schatten sich mit Vorliebe Alpinia-Arten ansiedeln. Besonders typisch für die Flußufer sind unter den Bäumen Copaifera-Arten und Irvingia Smithii Hk. f., die sich sehr gern mit Orchidaceen bekleidet.

In der folgenden Aufzählung bin ich dem Englerschen System gefolgt, sowohl in der Anordnung der Familien wie der Gattungen. Die einzelnen Arten sind alphabetisch aufgezählt.

Allen den Herren, welche sich an der Bestimmung meiner Sammlungen beteiligt haben, vor allen Dingen Herrn Geheimrat Professor Dr. A. Engler, welcher mir stets in liebenswürdigster Weise die Benutzung des reichen Berliner Herbariums gestattete, spreche ich hiermit meinen besten Dank aus.