Der Ort, an dem wir gelandet waren, ist ungefähr 1½ Stunden von der Ortschaft Ikorodu entfernt und wird als Marktplatz verwendet. Bei dieser Gelegenheit sollen dann daselbst häufig über 100000 Eingeborene zusammenkommen. Der in gutem Zustande gehaltene Weg von dem Marktplatze nach der Ortschaft Ikorodu führte durch Urwaldgebiet, welches durch kleinere, von den Eingeborenen unter Kultur gesetzte Lichtungen unterbrochen wurde. Ölpalmen sah man allenthalben. Dieselben werden von den Eingeborenen sehr geschont, da sie den hauptsächlichsten Handelsartikel liefern. Noch bevor wir Ikorodu erreichten, sah ich vereinzelte Exemplare von [Landolphia Heudelotii], welche aber noch zu schwach waren, um Kautschuk liefern zu können. Ikorodu ist ein recht stattliches Dorf, das einige hundert Häuser besitzt; kurz vor dem Dorfe liegt das Haus des englischen Residenten für das Djibu-Land, welcher zufällig auf Reisen war, als ich das Dorf passierte. In Ikorodu gab ich meinen Leuten eine Viertelstunde Zeit, um sich Essen zu kaufen, denn bis dahin hatten sie noch keine Gelegenheit dazu gehabt. Um unseren Lagerplatz entwickelte sich nun bald ein reges Leben, alte Weiber brachten alle möglichen Eßwaren herbei, am meisten begehrt war ein dicker Bohnenbrei, welcher mit einer Miesmuschelschale abgemessen und pro Portion für 5 Kauris verkauft wurde. Wenn man dabei bedenkt, daß der Preis der Kauris ein sehr niedriger war, d. h. 4000 Stück für 1 Shilling galten, so ist es erklärlich, wie billig die Eingeborenen hier leben. Eine der Hauptnahrungen der Eingeborenen ist eine aus Maniot und aus Yams hergestellte Masse, welche fast glasig aussieht. Dieselbe wird in Marantaceenblätter eingewickelt und in dieser Weise auf den Märkten feilgeboten. Um 2½ Uhr waren wir trotz der drückenden Hitze wieder auf dem Marsche. Da der Weg sehr breit ausgeschlagen war, kam uns nicht einmal der Urwaldschatten zu gute. Das Terrain war ziemlich eben. Gegen 5½ Uhr erreichten wir einige Schutzhütten, welche von Marktweibern längs des Weges hier sowohl wie im Yoruba- und Ekba-Lande häufig aufgestellt werden. Ich ließ hier das Lager aufschlagen. Da meine Leute noch nicht mit dem Aufstellen des Zeltes vertraut waren, dauerte es ziemlich lange, ehe alles fertig war, obgleich ich alle hatte antreten lassen. Das Essen war unterdessen auch schon hergestellt, und befriedigt konnte ich mich etwas ausruhen. Bis in die Nacht hinein saßen die Leute noch am Feuer umher, ersichtlich ihre Meinungen über den neuen Weißen austauschend, von dem sie nicht verstehen konnten, weshalb er sich offenbar zwecklos ins Innere ihres Landes begeben wolle.
Landolphia Heudelotii DC.
A Zweig, B Blüte, C Längsschnitt durch dieselbe, D Längsschnitt durch den Fruchtknoten, E Griffelkopf, F Anthere von vorn, G dieselbe von der Seite.
Um 4½ Uhr ließ ich am nächsten Morgen schon die Leute antreten. Das Zusammenpacken der Lasten und Abbrechen des Zeltes ging bei den noch ungeschulten Leuten nur langsam vor sich, so daß erst um 5½ alles zum Aufbruch fertig war. Ich setzte nun meinem Headman auseinander, weshalb ich gekommen sei, und versprach demjenigen, welcher mir den ersten Ire-Baum ([Kickxia elastica]) zeigen würde, eine Belohnung. Das Terrain war dicht bewaldet. Schon nach kurzem Marsche sahen wir verschiedene abgestorbene Kickxiastämme, welche an der von Schnitten nach allen Richtungen verletzten Rinde unschwer zu erkennen waren, von lebenden Bäumen war jedoch noch nichts zu sehen. Die Eingeborenen versicherten mir, daß früher viel Kickxia hier vorhanden gewesen sei, daß aber die Fantis in kurzer Zeit das Land in einer solchen Weise ausgeräubert hätten, daß man selten lebende Bäume zu Gesicht bekomme.
Gegen 8 Uhr erreichten wir einen kleinen Weiler, welcher kaum ein Dutzend Hütten zählte. Die Eingeborenen nannten ihn Ihraye. Da hier auffallend viele Kolabäume im Walde standen, gab ich den Leuten Zeit, sich bei den unter Schutzhütten sitzenden Weibern Nahrungsmittel zu kaufen, welche hier vorzugsweise aus Bananen bestanden. Die Kolanüsse waren den Leuten offenbar zu teuer; sie wurden für ungefähr 5 Pf. angeboten. Es wäre mir interessant gewesen, zu erfahren, ob die Kolastämme hier wirklich wild wuchsen oder ob sie angepflanzt waren, doch verweigerten die Leute jede Auskunft darüber. Da ich den Baum auch sonst am Wege noch beobachtete, möchte ich das Erstere vermuthen, hier bei Ihraye war er aber in solchen Mengen vorhanden, daß man fast annehmen mußte, es handle sich um eine Kultur.
Auf dem Weitermarsche nach Ishagamo war der Weg insofern beschwerlicher, als das Terrain hügelig war, zudem brannte die Sonne sehr stark. Kurz vor dem Dorfe erreichten wir das Ende des breit geschlagenen Weges. Auf einem von Eingeborenen einigermaßen gut gehaltenen Urwaldwege ging es weiter, bis wir Ishagamo um 5 Uhr erreichten. Hier war eine kleine Truppe von Polizeisoldaten einquartiert. Ein englischer Missionar erschien kurz nach meinem Eintreffen auf dem Lagerplatze; als er sah, daß ich mein Zelt aufschlagen ließ, machte er mich auf ein Logierhaus aufmerksam, das von der Regierung für Durchreisende hier erbaut ist. Es war dies eine mir sehr willkommene Nachricht, da ich mich nach den ungewohnten langen Märschen nicht recht wohl fühlte. Ich siedelte natürlich nun in das geräumige, reingehaltene Gebäude über. Auf den Plätzen des Dorfes bemerkte ich hier eine großblättrige Ficusart, welche nach einigen Versuchen sich zu meiner großen Freude als gummiliefernd entpuppte. Wie alle Ficusarten heißt sie hier im Lande Abbá. Ich ließ von meinen Leuten Latex des Baumes sammeln, welche äußerst reichlich floß. Da sich die Pflanze sehr leicht vermehren läßt und schöne große Blätter besitzt, würde sie sich in trockneren Gegenden an sonnigen Straßen als Schattenbaum sehr empfehlen. Der gewonnene Kautschuk war von geringerer Qualität und würde wohl auf 3 Mk. pro Kilo taxiert werden können, doch ist bei der reichlichen Saftproduktion der Pflanze ein rentables Ausbeuten des Kautschuks selbst bei dem niedrigen Preise sehr wahrscheinlich. Ich glaube, daß ein solcher Ficusstamm jährlich gegen 10 Pfund Kautschuk liefern würde.
Ficus Vogelii Miq.?.
A Zweig, B Feige, C Längsschnitt durch dieselbe, D männliche Blüte, E weibliche Blüte, F Fruchtknoten mit Griffel.