Den Abend in Ishagamo verbrachte ich in angenehmer Unterhaltung in Gesellschaft des liebenswürdigen englischen Missionars.

Gegen 6 Uhr am folgenden Morgen war unsere Karawane wieder auf dem Marsche. Der Weg führte kurz hinter dem Dorfe über einen kleinen, fast ausgetrockneten Bach. Da wir nun auf schattigen, meist breit ausgetretenen Waldwegen marschierten, empfanden wir die Hitze nicht mehr so wie an den beiden vorhergehenden Tagen. Allenthalben sah man im Walde die abgestorbenen Ire-Stämme und am Wege hin und wieder auch einige Kolabäumchen. Als wir um 7½ Uhr in Iperu anlangten, ließ ich Rast zum Frühstück machen. Hier war der ganze Ort von furchtbarem Lärm erfüllt, da ein alter Mann gestorben war. Unglücklicherweise war der einzige schattige Lagerplatz im Dorfe in der Nähe der Behausung des Toten, wir hatten daher das Geheul aus nächster Nähe anzuhören. Die Weiber schienen sich im Geheule abzulösen, eine Kolonne kam nach der andern im Gänsemarsch vorüber gezogen, fortwährend wurde geschossen. Das ganze Dorf schien an der Trauerfeierlichkeit beteiligt zu sein. Um unseren Lagerplatz sammelte sich bald wieder eine Menge Neugieriger, war ich den Leuten doch eine äußerst interessante Persönlichkeit, denn erstens hatten sie fast noch nie erlebt, daß ein Weißer, der ja doch sicher viel Geld haben mußte, den ganzen Weg mit seinen Leuten zusammen marschiert, statt sich in einer Hängematte tragen zu lassen, daß dieser Weiße aber noch Pflanzen sammelte und trocknete, offenbar um „Fetisch“ daraus zu machen, war noch nicht vorher vorgekommen. Es ist natürlich erklärlich, daß ich bei diesen Leuten, welche so gänzlich an ihrem Fetischglauben hängen, mit einer geheimen Furcht beobachtet wurde.

Das Fetischtum steht gerade in diesen Ländern, südlich vom Niger, noch in höchster Blüte. Fast an jedem Wege, der nach einer Farmstätte führt, auf Feldern, in jedem Hause, an vielen Bäumen sind Fetische anzutreffen, sei es einfach in Form eines verzauberten Blattbüschels, oder als Erdklumpen mit Kauris geschmückt, oder als rohe Lehmfiguren, die Nachbildungen menschlicher Körper darstellen. Nicht selten stößt man außerhalb der Dörfer auf Gefäße an den Wegen, welche Palmenöl, Kauris oder andere Kostbarkeiten enthalten; dies sind Opfer, welche den Fetischen dargebracht werden, nie wird ein Neger wagen, etwas davon zu stehlen. Selbst die sogenannten „getauften und civilisierten“ Neger besitzen doch noch immer eine derartige Scheu vor dem Fetisch, daß sie sich wohl hüten, durch Zerstören der Fetischabzeichen oder Opfergaben den Zorn desselben zu erregen. Sicheres über die Arten der Verehrung des Fetisch sowie über den Charakter derselben zu erfahren, ist äußerst schwierig, das Volk wird durch die allmächtigen und gefürchteten Fetischpriester durch Grausamkeiten derartig eingeschüchtert, daß es selten jemand wagt, sein Wissen dem Weißen zu verraten.

Während wir in Iperu waren, wurden Unmengen von Palmenwein hereingebracht. Die meisten Calebassen wanderten in das Haus des Toten; denn keine Festlichkeit darf ohne Genießen von Palmenwein vor sich gehen. Dabei betrinkt sich die ganze Gesellschaft derartig, daß es nicht selten zu grauenhaften Ausschreitungen kommt. Der Wein wird hier ausnahmslos von der Ölpalme gewonnen.

Iperu verließen wir gegen 2 Uhr am Nachmittage. Während des Marsches durch den dichten Wald trafen wir Tausende von Menschen, welche, aus dem Innern kommend, nach dem Ikorodu-Markt wanderten, um Landeserzeugnisse zu verkaufen und dafür mit europäischen Waren nach Hause zurückzukehren. Die Karawanen, welche dicht hintereinander folgten, bildeten einen langen Zug, der kaum zu Ende war, als wir unser Abendquartier erreichten. Hier konnte man sehen, wie dicht bevölkert diese Gebiete sind. Hinter Iperu hatten wir das Djibu-Land verlassen und befanden uns nun im Yoruba-Lande. Das erste Dorf, welches wir am Nachmittage um 4 Uhr erreichten, wurde von meinen Leuten Odi genannt. Die Bauart der Hütten unterschied sich hier keineswegs von der im Djibu-Lande üblichen. Hier wie dort waren die Dächer der in mehrere Räume geteilten, langen, viereckigen Häuser mit Gras gedeckt. Einige Häuser waren sogar weißlich angetüncht. Die Straßen, wenn man überhaupt von solchen reden kann, schlängeln sich zwischen den Häusern dahin. Da der Boden hier in Odi sehr thonig war, waren sie bei der hügeligen Umgebung vom Regen ganz tief ausgewaschen. Dicht hinter Odi hatten wir über ein hügeliges, hauptsächlich mit Busch bewachsenes Terrain zu marschieren. Da die Sonne stark brannte, ermüdeten die Träger mit ihren zum Teil recht schweren Lasten zusehends, so daß wir nur langsam vorwärts kommen konnten. Kurz nach 5 Uhr erreichten wir endlich Ishara, ein Dorf, welches ich als Nachtquartier in Aussicht genommen hatte.

Ishara ist kleiner und viel unbedeutender als Ishagamo. Es ist mit seinen für Yoruba-Verhältnisse recht weit voneinander stehenden Häusern auf einem Hügel erbaut. Die Wege waren auch hier wieder vom Regen tief ausgewaschen, ja an einigen Stellen so tief, daß man zwischen den Häusern vermuten konnte, man befände sich in einem Festungsgraben. Auf der Spitze des Ishara-Hügels befindet sich eine Außenstation der englischen Mission in Ishagamo, welcher ein farbiger Lehrer vorsteht. In der Nähe des Schulhauses ließ ich das Lager aufschlagen. Da der Boden von kleinen Steinen durchsetzt war, war es keine Kleinigkeit, die Zeltpflöcke zu befestigen. Für meine Leute erwirkte ich von dem Lehrer die Erlaubnis, während der Nacht im Schulhause zu schlafen.

Fetischmasken, Schuhe, Fächer und Lanzen aus dem Yoruba-Lande.

Da sich gegen Morgen am 16. März ein ziemlich heftiger Sturm erhob, wachte ich schon früh auf. Das Zusammenpacken der Lasten sowie Abbrechen des Zeltes ging jetzt schon recht schnell bei den nun etwas geübten Leuten. Noch vor 5½ Uhr ließ ich aufbrechen. Der heutige Vormittagsmarsch brachte mir insofern eine große Genugthuung, als wir die ersten lebenden Kickxiastämme fanden, wenngleich dieselben auch angeschnitten waren. Da ich von unten Blüten entdecken konnte, schickte ich einen meiner Leute auf den Baum hinauf. Aber o weh! Kaum war derselbe über die erste Hälfte des Stammes hinaus emporgeklettert, da wurde er derartig von einer großen roten Ameisenart überfallen, daß er schleunigst zurückkehrte, natürlich war nun erst nach Angebot eines Geschenkes ein anderer bereit, einige Zweige für mich herunterzuholen. Ich versuchte die Bäumchen anzuzapfen, erhielt aber nur sehr wenig Milch, immerhin aber genug, um mich zu überzeugen, daß sie einen vorzüglichen Kautschuk lieferten. Der Boden des Waldes, in dem ich hier die Kickxia antraf, bestand aus verwittertem Glimmerschiefer. Auf dem Weitermarsche erreichten wir gegen 7½ Uhr ein kleines Dorf, Ascha. Dasselbe zeichnete sich durch Schmutz und drückende Hitze aus. Da nach Angaben der dortigen Einwohner die nächste Ortschaft sehr weit entfernt sein sollte, ließ ich, obgleich ungern, hier Halt machen. Während meine Leute sich ausruhten, machte ich eine kleine Exkursion, um so doch wenigstens im Walde im Schatten zu sein, den ich um so mehr wünschte, als sich große Mengen von Fliegen an unserem Lagerplatze einstellten. Nachdem wir gefrühstückt hatten, nahmen wir den Marsch wieder auf. Auch meine Träger waren froh, diesem von Fliegen und anderem Ungeziefer wimmelnden Schmutzhaufen den Rücken kehren zu können. Der Wald wurde nun immer interessanter und schöner. Während des Nachmittages entdeckte ich die ersten fruchttragenden Kickxien. Teils durch Belohnung, teils durch Drohung gelang es mir, einige meiner Leute zu bewegen, trotz der Ameisen Früchte herunterzuholen. Sehr gern hätte ich hier für einige Zeit ein Lager aufgeschlagen, doch war dieses unmöglich, da kein Wasser in der Nähe vorhanden war. Gegen 6 Uhr abends erreichten wir endlich eine Wasserstelle in der Nähe des kleinen Dorfes Omi. Fast wäre es dabei noch zu argen Zwistigkeiten zwischen meinen Trägern und den Omi-Leuten gekommen, da diese ihnen nicht gestatten wollten, von ihrem Wasser zu schöpfen. Wir schlugen unser Lager unter einer riesigen Alstonia auf, einem Baume, welcher auch häufig als kautschukliefernd aufgeführt wird. Durch verschiedene Experimente, welche ich noch am Abend vornahm, konnte ich mich davon überzeugen, daß die aus der Latex des Baumes gewonnene Masse kein Kautschuk und auch nicht als solcher zu verwenden sei.

Schon während des Tages hatten sich einige Träger gemeldet, welche über kranke Füße klagten, während andere behaupteten, ihre Lasten seien zu schwer. Am Abend ließ ich dieselben wieder vortreten. Ich überzeugte mich dann, daß zwei derselben wirklich durchgelaufene Füße hatten, während die anderen sich nur das Leben etwas leichter hatten machen wollen. Um sogleich ein Exempel zu statuieren, ließ ich den letzteren die schwersten Lasten für die nächsten Tage anweisen, die Kranken erhielten dagegen die leichtesten. Seit dieser Zeit kam es selten vor, daß sich jemand über seine Last beschwerte, es sei denn, daß er wirklich krank war.