Um nun auch das Schicksal des Prinzen Ernst von seiner Entführung an zu wissen, müssen wir wieder aufs Schloß Altenburg zurück gehen, wo Kunz von Kauffungen den Prinzen Ernst seinen treusten Genossen Wilhelm von Mosen und Wilhelm von Schönfels übergab, um mit ihm immer die Flucht zu ergreifen, indem er selbst für den jungen Graf Barby, den jüngern Prinzen Albrecht holte. Nach einer Verabredung mit Mosen von Schönfels hatte es Kunz so bestimmt, daß sie mit einem von den beiden Prinzen einen andern Weg einschlagen sollten und zwar gegen Franken zu nach Böhmen, wo sie ihn dann auf sein Schloß Isenburg bringen sollten; damit, wenn im Fall die eine oder die andere Partei gefangen genommen werden sollte, die andere Partei ihren Raub nicht eher hergeben sollte, als bis Kunzens Forderungen erfüllt oder die Strafe für die Entführung der Prinzen erlassen wäre. Beides wurde durch einen gegenseitigen Schwur bekräftiget.
Allein beide Ritter kamen mit ihrem Gefolge nicht weiter, als bis in die Gegend von Hartenstein, indem in allen Dörfern die Sturmglocke ertönte und die Unterthanen ebenfalls ihre Untersuchungen nicht allein auf den Fahrstraßen anstellten, sondern auch die Wälder durchsuchten. Vierzehn gesattelte Pferde und sechs Reiter waren ihnen schon abgenommen worden und die Gefahr sogleich ergriffen zu werden, zwang sie daher eine Höhle, die am rechten Ufer der Mulde liegt, nicht weit vom Schlosse Stein der Burg Eisenburg[40] gegenüber zum Zufluchtsort zu nehmen[41]. Allein da sie durchaus keine Lebensmittel hatten, die dem jungen, zarten Fürstensohn behagen konnten, sie glauben mußten, daß er sterben könnte und ihr Aufenthaltsort immer unsicherer wurde, indem einer von ihren Knechten von einem Holzmacher gehört hatte: » den einen Schelm (Kunz von Kauffungen) haben sie erwischt und nach Grünhain gebracht, den andern Dieb werden sie schon noch bekommen und beide andere ihren verdienten Lohn erhalten,« so fertigten sie den 11. Juli einen Boten an den Bruder des Amtshauptmanns Veit von Schönburg in Zwickau, an Friedrich von Schönburg ab, welcher das Schloß Hartenstein besaß und dort residirte. Dem Boten gaben sie einen Brief mit, der folgenden Inhalt hatte:[42]
» Es reue sie, daß sie Kunz von Kauffungen zu Willen gewesen wären, ihrem lieben Kurfürsten und seinen Söhnen zu thun. Weil aber Herzog Friedrich ein sanftmüthiger Kurfürst sei, so hofften sie Gnade und thäten in diesem Vertrauen, dem Herrn von Schönburg zu wissen, daß sie den jungen Fürsten Ernst lebendig und gesund im sichren Gewahrsam hätten. Wolle er ihnen nur bei dem Kurfürsten Gnade und Befreiung von aller Strafe an Leben, Ehre, Gut auswirken und ihnen schriftlich dafür haften, so wollten sie den jungen Fürstensohn unverletzt wieder bringen. Käme man aber, sie zu fangen, so würden sie den Korfürstlichen Sun erstechen, sich bis aufs Aeußerste wehren; sich endlich selbst tödten und gewiß nicht ohne großes Blutvergießen in die Hände ihrer Feinde fallen. Die Antwort möchte ihnen der Amtshauptmann (Friedrich v. Schönburgs Bruder) schriftlich geben.« –
Friedrich von Schönburg[43] erkannte sogleich, nach Durchlesung dieses Briefes, die Gefahr in welcher der Prinz schwebte, und versprach ohne erst Genehmigung von seinem Bruder zu erholen schriftlich und bei seiner Ehre Verzeihung, wenn sie den Prinzen lebendig und unversehrt ausliefern würden. Hierauf eilte noch an demselben Tage v. Mosen und v. Schönfels mit dem Prinzen Ernst auf das Schloß Hartenstein, wo der Herr von Schönburg den Prinzen in Empfang nahm und die Ritter, seinem Versprechen gemäß, wieder frei erließ. Prinz Ernst aus Freude, daß er gerettet war, schenkte Wilhelm von Mosen und Wilhelm von Schönfels jedem ein Roß[44] mit den Worten: » Nun reitet hin und kommt in meines Vaters Land nicht wieder. «[45]
Denselben Tag, Freitags den 11. Juli 1455 wurde der Prinz Ernst nach Chemnitz gebracht, wo sich sein Vater, der Kurfürst, von Leipzig und seine Mutter, die Kurfürstin, mit dem schon geretteten Prinz Albrecht von Altenburg begeben hatte. Der Kurfürst bestätigte mit Freuden des Herrn von Schönburgs Verfahren, daß er Mosen und Schönfels begnadigt hatte.[46]
Die guten Eltern an der Seite ihrer geretteten Söhne hatten nun nichts Nothwendigeres zu thun, als ihrem Gott für deren Errettung inbrünstig zu danken. Sie reisten daher, den 15. Juli, nach Ebersdorf[47] 1½ Stunde von Chemnitz, weil sich dort ein Marienbild befand, das im besonderen Ansehen stand, und zu welchem man häufige Wallfahrten anstellte. Nach vollbrachter Andacht ließen sie die Kleider der Prinzen,[48] die sie auf ihrer Flucht angehabt hatten, wie auch den Kittel des ehrlichen Kohlenbrenners der seine Andacht auch mit verrichtete, zum immerwährenden Andenken in der Kirche zu Ebersdorf aufbewahren.[49] – Daneben hängt ein Täfelchen mit folgenden Reimen:[50]
»Kunz von Kauffungen der viel wilde Mann
In Meißner Land ist kommen an
Wohl auf das Schloß jen Altenburg
Sehr froh und kühn ohne alle Sorg
Dem Fürsten allda seine Kind
Entführet hat listig und geschwind
Des Kleider noch hier hängen seht
Ein jeder der fürüber geht
Die dazumahl bald nach der That
Der Vater hergehänget hat.«
Der Zahn der Zeit hatte diese Andenken des Prinzenraubes nach und nach ziemlich zerfressen und und sie würden bald ganz eingegangen sein, wenn nicht Kurfürst Christian II. 1607 aufs neue für ihre Fortdauer Sorge getragen hätte. Er befahl nämlich, sie in weißes Wachs einzutauchen und so vor die Verwesung etwas zu sichern. Allein es geschah nicht. Deswegen schickte er 1608 seinen Baumeister Maria Nosseni nach Ebersdorf[51] der sie denn reinigen und durch Gummiwasser ziehen ließ.
Die Kurfürstin stiftete außerdem noch auf alle Dienstage, Marienfeste und den nächsten Tag nach Kiliani in der Kirche zu Ebersdorf Messen und Almosen für zwei arme Leute, besonders Köhler.[52]
Nun waren also beide Prinzen befreit, doch Kunz von Kauffungen, welchen die beiden Ritter Mosen u. Schönfels in ihrem Begnadigungsschreiben an Friedrich von Schönburg ausgeschlossen hatten, ohne dem heiligen Schwur eingedenk zu sein, welchen sie gegenseitig geleistet hatten, war, wie oben schon gesagt worden ist, nach Freiberg gebracht worden. Hier saß nun Kunz glaubend, daß die andere Partei mit dem älteren Prinz Ernst auf sein Schloß Isenburg in Böhmen wohlbehalten angekommen wäre und ihrem Versprechen eingedenk sein würde. Allein als er die Glocken in Freiberg läuten hörte und nach der Ursache frug und vernahm, daß es aus Dankbarkeit für die glückliche Errettung beider Prinzen geschehe, entfuhren ihm die Worte: » Das walt der Teufel, das gilt mir mein Leben. «[53] Daraus war natürlich zu schließen, daß er befürchtete, sein Leben einbüßen zu müssen. Darum wandt er nun alles an, um durch seine vornehmen Freunde, Begnadigung zu erhalten, besonders durch den Marschall Hildebrand von Einsiedel und die Ritter Niklas von Schönberg und Hugold von Schleinitz, die am kurfürstlichen Hofe sehr bedeutende Stimmen hatten, doch wie man aus folgendem sehen wird, war es zu spät.