Gleich darauf, am 22. Mai, führte Leutnantadmiral Evertsen die westlichen Flottenabteilungen nach Texel, und Wassenaer ging an den beiden nächsten Tagen mit der Gesamtflotte in See. Er hielt sich zunächst mehrere Tage an der Küste. Einige Quellen sagen, er sei durch flaue Gegenwinde festgehalten, andere geben an, er habe es bei der ihm wohlbekannten Neigung zur Indisziplin und Eifersucht im Personal nach so kurzem Zusammensein der Flotte noch nicht für ratsam erachtet, schon Größeres zu unternehmen. Jedenfalls wurde ihm dieses Zögern sehr verdacht — er wäre ja auch unter Umständen der schwachbemannten, von Vorräten entblößten und durch den Sturm beschädigten englischen Flotte sehr gefährlich geworden —, und er erhielt von den Generalstaaten ein Mißtrauensvotum sowie den ausdrücklichen Befehl, sobald wie möglich anzugreifen. Man glaubte die feindliche Flotte sehr geschwächt und ihre weitere Bemannung und Ausrüstung sehr in Frage gestellt, weil gerade jetzt in London die Pest ausgebrochen war. Durch die Vorwürfe erbittert, soll Wassenaer nun den Entschluß gefaßt haben, gegen seine sonstige Ansicht den Feind zu suchen und unter allen Umständen zu fechten; nach erhaltenem Befehl ging er zur englischen Küste hinüber. Inzwischen war es ihm am 30. Mai gelungen, eine größere Anzahl Hamburger Kauffahrer mit Material für die englische Marine nebst dem sie deckenden Kriegsschiffe wegzunehmen.

Die englische Flotte lag noch in der Ausrüstung begriffen bei Harwich. Auch sie erhielt auf die Nachricht des höchst unangenehmen Verlustes des Konvois Befehl, wieder auszulaufen; außerdem glaubte York, sich auf dem augenblicklichen Ankerplatze keinem Angriffe aussetzen zu dürfen, um nicht zwischen den Bänken gefangen zu werden. Er ging deshalb mit seinen Proviantschiffen nach der Solebay (Southwoldbay, damals vermutlich eine größere Bucht als jetzt und deshalb ein beliebter Flottenankerplatz). Hier ankerte er am 11. Juni und hatte das Glück, sofort Fahrzeuge mit Auffüllungsmannschaften anzutreffen, denn schon an demselben Tage wurden die Holländer etwa 18 Seemeilen ab in Ostsüdost gesichtet, bei östlichem Winde zu Luward stehend; York sandte die Transporter nach Harwich zurück und ging weiter in See hinaus. Wassenaer war am 11. durch Flaute gehindert anzugreifen, und so fand der Morgen des 12. Juni beide Flotten etwa 8 Seemeilen Südost von Lowestoft, die Holländer etwa 5 Seemeilen Südost von den Engländern stehend. Aber auch an diesem Tage kam es nicht zum Gefecht, es war weiter flau; Wassenaer hätte wahrscheinlich angreifen können, er zog es aber vor, weiter vom Lande abzuliegen, um seine infolge des flauen Windes auseinander gekommene Flotte zu sammeln; erst abends näherten sich die Gegner. In der Nacht ging der Wind durch Süd auf Südwest und am 13. Juni 2½ Uhr morgens standen die Flotten etwa 18 Seemeilen Nordnordost von Lowestoft, nun aber die englische zu Luward. York ging zum Angriff über, aber auch Wassenaer wollte jetzt trotz der ungünstigen Windstellung und der noch immer geringen Ordnung seiner Flotte fechten, und so begann am 13. Juni 1665 um 3½ Uhr früh die Schlacht von Lowestoft.

Die Überlieferungen sind nur dürftig und widersprechend. Wir folgen im allgemeinen den Schilderungen Clowes' und de Jonges. Aus ihnen ist, übereinstimmend mit anderen Quellen, zu entnehmen, daß die Engländer in guter Ordnung waren und diese längere Zeit aufrecht erhielten, daß aber schließlich wieder die Melee eintrat, namentlich, weil die Ordnung der Holländer aus verschiedenen Gründen immer mehr verloren ging.

Als die Flotten ins Gefecht eintraten, war die holländische Flotte keinesfalls in guter Ordnung. Spätere kriegsgerichtliche Feststellungen erklären: „Verschiedene Flaggoffiziere befanden sich nicht bei ihren Verbänden, sondern segelten zusammen; viele Schiffe, selbst Verbände, waren nicht auf ihren Posten, der Befehl zum Angriff kam unerwartet. Ein Zeuge sagt sogar: Es war eine Lust, die englische, aber ein Jammer, die holländische Formation zu sehen.“ Also Ordnung und Aufsicht waren mangelhaft. Dies gab verschiedenen Schiffen die Möglichkeit, sich nur flau am Gefecht zu beteiligen. Sie hielten sich in Lee außerhalb der Gefahr; mehrere Fahrzeuge blieben völlig unbeschädigt, ja, einige sollen nicht einmal die Mundpfropfen aus den Geschützen genommen haben.

Die beiden Flotten passierten sich zuerst um 3½ Uhr unter lebhaftem Feuer, in „Kiellinie beim Winde“ über verschiedene Buge liegend. Hierbei war die Entfernung ziemlich groß, doch litten die Holländer mehr durch die schwerere, weitertragende Artillerie des Gegners. Sie hatten nur den Erfolg, ein zu weit nach Lee gekommenes englisches Schiff zu nehmen; es sollte ihre einzige Trophäe bleiben. Nach dem Passieren wendeten beide; die Holländer im Kontremarsch, die Engländer zugleich, so daß bei diesen die Nachhut (Sandwich) an die Spitze kam. Wassenaer strebte danach, die Luvstellung zu gewinnen. Bei der geringeren Segelfähigkeit seiner Schiffe gelang dies nicht, dagegen führte es dahin, daß die höherliegenden und schnelleren Schiffe vorliefen, andere zurückblieben oder mehr nach Lee kamen. So wurde die Ordnung weiter gestört, wozu auch noch das Bestreben der tüchtigsten Kommandanten, so auch Wassenaers und der übrigen Admirale, schneller und näher an den Feind zu kommen, beitrug. Wassenaer und Tromp sollen bald das Schiff des vor ihnen segelnden Cortenaer (Vorhut) erreicht haben; da ihre besten Schiffe ihnen gefolgt waren, befanden sich nun 3 Geschwader untereinander gemischt.

Es ist nicht klar aus den Quellen zu entnehmen, ob es sich jetzt weiter um ein oder um mehrere Passiergefechte gehandelt und ob vor- und nachstehendes sich demgemäß zur Zeit des zweiten Passierens oder bei späterem ereignet hat. Schon um 5 Uhr fiel Cortenaer, der an Stelle des Oberbefehlshabers den Befehl hätte übernehmen müssen. Sein Flaggschiff floh mit wehender Admiralsflagge, etwa 10 Schiffe dieses Geschwaders folgten, so daß eine Lücke entstand. Gegen Mittag brach Sandwich durch eine Lücke in der Nähe des Zentrums, vielleicht die eben erwähnte, und teilte damit die feindliche Flotte. Es ist fraglich, ob er dieses Manöver mit Absicht oder durch Zufall — vielleicht infolge des Pulverdampfes, die Flotten waren sich an dieser Stelle sehr nahe gekommen — ausgeführt hat. Jedenfalls hatte es den nachdrücklichsten Erfolg, die Verwirrung der Holländer wurde immer größer. Die Engländer greifen nunmehr die standhaftesten Feinde, insbesondere die Admirale, an; die Melee ist da.

Als Wassenaer („Eendracht“, 70 Kanonen) sah, daß das Kriegsglück sich gegen ihn wandte, scheint er von Verzweiflung erfaßt zu sein. Er versucht York („Royal Charles“, 80 Kanonen) zu entern, wird abgeschlagen, kämpft aber mit Erfolg weiter — York selbst wird leicht verwundet, neben ihm fallen 3 Kriegsfreiwillige hoher Geburt, sein Schiff wird arg zerschossen —, bis die „Eendracht“ um 2 Uhr nachmittags auffliegt. Die Explosion[267] ist wahrscheinlich durch Entzündung von Kartuschen erfolgt, doch sagt das Gerücht, sie sei durch einen Negerdiener des Admirals aus Rache veranlaßt worden. Durch diesen Vorfall entmutigt, halten wieder einige Schiffe ab; andere folgen, weil sie glauben, der Befehl zum Rückzug sei gegeben. Einzelne Verbände und Einzelschiffe halten aber noch wacker stand trotz weiterer Verluste: an einer Stelle werden 4 zusammengetriebene Fahrzeuge durch einen Brander vernichtet, an einer anderen trifft 3 oder 4 vereinzelt dasselbe Los.

Leutnantadmiral Evertsen übernahm nach Wassenaers Tode den Oberbefehl. Aber auch Tromp, der den Tod Cortenaers und Stellingwerffs erfahren hatte, setzte die Admiralsflagge und übernahm das Kommando über die Schiffe in seiner Nähe; er behauptete später, nicht gewußt zu haben, was aus Evertsen geworden sei. Es würde dies bezeichnend für die Verwirrung sein; vielfach glaubte man jedoch, er habe nur nicht unter einem seeländischen Admiral stehen wollen, denn ähnlicher Eigenmächtigkeiten machte er sich in der Zukunft mehrfach schuldig. Der Versuch dieser beiden Führer und anderer besonnener Männer, das Gefecht in Ordnung abzubrechen, war vergeblich; der Rückzug artete in Flucht aus, die um 7 Uhr abends allgemein wird.

Evertsen steuert mit 17 Schiffen, wohl hauptsächlich vom Seeländer Kontingent, nach der Maasmündung, dem nächsten Schutzplatz, der außerdem bei dem Stand der Gezeiten ein sofortiges Einlaufen gestattete und auch als Sammelpunkt ausgegeben war. Tromp ging mit dem größeren Teil der Flotte nach Texel und dem Vlie, wo erst mit wechselndem Strom nach einer gefahrvollen Nacht das Einlaufen möglich war. Er wählte, wie er sagte, diesen Kurs, um die vorher dorthin geflohenen Schiffe zu decken; tatsächlich hat er auch mit einigen seiner besten Fahrzeuge den Rückzug der dorthin Segelnden und gewissermaßen den der ganzen Flotte geschützt.

Die Verluste der Holländer betrugen nach englischen Angaben: 14 Schiffe vernichtet, 18 genommen — die Holländer gaben nur 16–20 insgesamt zu —; 4000 Tote, darunter 3 Leutnantadmirale; 2000 Gefangene. Die Engländer verloren: 2 Schiffe; 600 Tote und Verwundete, unter den Toten Vizeadmiral Lawson und 1 Kontreadmiral, und einige Hundert Gefangene.