Er riet deshalb de Witt, noch einen kräftigen Stoß gegen England zu unternehmen, und versprach aufs neue die Mitwirkung seiner ganzen Flotte. Der Ratspensionär de Witt ging darauf ein, da die Verhandlungen doch nicht weiter kamen. Dieser kluge und stets gut unterrichtete Staatsmann wußte, daß England schwächer sein würde als bisher, weil Karl II. in noch größerem Maße als früher die für den Krieg bewilligten Gelder für seine Zwecke verwendete. Somit hielt er es für möglich, nötigenfalls auch ohne französische Hilfe, durch einen großen plötzlichen Erfolg günstigere Friedensbedingungen zu erreichen.
Der kleine Krieg war fortgeführt worden. Während des Winters hatten Zusammenstöße kleinerer Flottenabteilungen im Kanal und der Nordsee stattgefunden. In Westindien hatten die Holländer sogar größere Erfolge errungen; sie hatten den Engländern die Niederlassung in Surinam abgenommen und auch sonst sie empfindlich geschädigt. In jenen Gewässern waren sie gemeinsam mit den Franzosen vorgegangen, die sich auch in Besitz verschiedener englischer Inseln gesetzt hatten. Als nun am 5. Mai ein neuer Vertrag mit Frankreich abgeschlossen war, beschloß man in Holland ein Unternehmen gegen die Themse. Ein am 4. Juni auf dem Kongreß zu Breda seitens Englands geforderter Waffenstillstand wurde abgelehnt und Ruyters Angriff auf die Themse ins Werk gesetzt. Die Verhältnisse lagen für Holland sehr günstig. Man hatte hier den Winter über die Rüstungen trotz der Friedensunterhandlungen, ja gerade um diese zu fördern, mit großem Eifer betrieben. Für das Jahr 1667 war die Aufstellung einer noch größeren Flotte als in den Vorjahren beschlossen. Es sollten 88 Kriegsschiffe — darunter wieder 16 auf Kosten der ostindischen Kompagnie —, 12 Fregatten, 24 Brander und zahlreiche kleinere Fahrzeuge in Dienst gestellt und 18 Kriegsschiffe für Ausfälle nach Gefechten bereit gehalten werden; die Mannschaften des Jahres 1666 waren in Dienst behalten.
In England dagegen war die Lage anders; de Witt war richtig unterrichtet gewesen. Wenn Karl II. im Gegensatz zu seinem Volke nicht ernstlich an Frieden dachte oder doch seine Forderungen durchsetzen wollte, so hätte gerade er die Flotte auf der Höhe ihrer Leistungsfähigkeit halten müssen. Statt dessen hatte er sich einen Plan zurechtgelegt, der ihm zu seinem beständigen Geldmangel paßte: Er wollte nur einen Kreuzerkrieg führen, und von einer Verwendung der Schlachtflotte ganz absehen.
Der Standpunkt des Königs — vom Lordkanzler und Lordschatzmeister unterstützt, dagegen von York und wohl auch von Monck hart angegriffen — war: da der Handel eine Lebensbedingung Hollands sei, da die Versorgung seiner Marine von diesem Handel abhinge und da, wie die Erfahrung gelehrt, nichts das Volk mehr erbittert hätte, als die Schädigung des Handels, so würde man sich englischerseits auf den Kreuzerkrieg beschränken können. Die Holländer würden durch diesen wirksam genug gedemütigt werden, während England nicht wie bisher durch die Ausrüstung großer Flotten erschöpft würde. Da der Gedanke, nur einen Kreuzerzug zu führen, zu allen Zeiten seine Vertreter gefunden hat, werde ich bei den strategischen Betrachtungen am Schluß des Krieges darauf zurückkommen, nachdem wir die Folgen der Maßnahmen Englands kennen gelernt haben.
Infolge dieses Beschlusses blieben nun auch mit dem Eintritt des Frühjahrs die meisten Schiffe und darunter gerade die schwersten aufgelegt, und es wurden für den Sommerdienst nur schwache Geschwader kleinerer Schlachtschiffe und leichterer Fahrzeuge in Dienst gestellt. Sonst waren natürlich Hollands Rüstungen in England wohl bekannt sowie auch, daß man dort etwas gegen einen der größeren Häfen plane. Es wurde deshalb schon im März der Befehl gegeben, die Befestigungen von Portsmouth und Harwich, namentlich aber die an den wichtigsten Stellen der Themse, zu verstärken, hier die außer Dienst gestellten Schiffe soweit wie möglich den Fluß hinaufzuführen, Vorbereitungen zum Sperren des Fahrwassers zu treffen und genügend Brander bereit zu halten. Der König und der Herzog von York hatten die notwendigen Maßregeln in der Themse persönlich an Ort und Stelle angeordnet. Zu allen diesen Arbeiten war Zeit genug. Zwar scheint de Witts Plan schon viel früher fertig gewesen zu sein, der Vertrag mit Ludwig XIV. sich schon im besonderen auf einen Angriff der Themse bezogen zu haben, aber man war noch nicht bereit. Ein lang andauernder, im Mai noch einmal einsetzender harter Winter hatte die Mobilmachung verzögert. Obgleich also der Angriff nicht unerwartet kam, waren doch die Vorbereitungen zur Verteidigung in England arg vernachlässigt. Albemarle, der bei Chatham kommandierte, als der Angriff erfolgte, beklagte sich später bitter darüber, daß die Anordnungen durchgängig nur lässig oder gar nicht ausgeführt seien.
Nach englischen Quellen sollen zu dieser Vernachlässigung besonders zwei Umstände Anlaß gegeben haben: die Holländer hätten in den Friedensverhandlungen erklärt, sie rüsteten schon ab, und die Aufmerksamkeit der Engländer sei durch eine andere Diversion von der größeren Expedition abgezogen. Im April unternahm nämlich der Leutnantadmiral van Ghent, von der Begleitung eines Konvois bis zum Norden Schottlands zurückkehrend, einen Vorstoß gegen Leith, um die dort liegenden Schiffe, besonders Freibeuter, zu zerstören; es wurden dabei nur einige wertlose Prisen gemacht und Burntisland ohne größeren Erfolg bombardiert.
Diese Gründe können jedoch eine derartige Sorglosigkeit nicht entschuldigen, man wird sowohl gewußt haben, daß Holland weiter rüstete, als auch daß Ghents Geschwader keineswegs die ganze Streitmacht des Feindes war. Die Nachlässigkeit ist wohl der seit Karls Thronbesteigung einreißenden Oberflächlichkeit im Dienstbetriebe zuzuschreiben; selbst der Herzog von York, der sonst Interesse und Verständnis für Marinefragen hatte, soll seinen Dienst etwas oberflächlich getan haben.
De Witt war auch hierüber wieder gut unterrichtet und beeilte mit Ruyters Unterstützung die Abfahrt der Expedition, obgleich die ganze Streitmacht der Niederlande noch nicht versammelt war. Das ganze bedeutende Kontingent Seelands und auch der größere Teil von dem Frieslands fehlte, sie waren noch nicht fertig. Uneinigkeiten zwischen den Provinzen, das Parteiwesen in der Republik, Trotz gegen de Witts Machtstellung, waren daran schuld. Seeland war wie die Landprovinzen des Seekrieges müde; als Gründe wurden angegeben: Mangel an Geld und Leuten, die Gefahr des Vordringens der Franzosen usw.
So bestand Ruyters Flotte nur aus 64 Kriegsschiffen zu 32–84 Kanonen, 20 kleineren Fahrzeugen, 15 Brandern mit 3330 Kanonen und 17416 Mann,[170] hinzutraten einige Transporter mit Landsoldaten; Vor- und Nachhut führten die Leutnantadmirale van Ghent (Amsterdam), van Nes (Maas). Für Einschiffung zahlreicher Lotsen, die die Themse kannten, war gesorgt, 2 oder 3 Engländer befanden sich darunter; bei den Unternehmungen gegen die Themse in den beiden Vorjahren waren Lotungen vorgenommen und auch sonst hatte man sich nach Möglichkeit Kenntnis des Fahrwassers verschafft.
Ruyters Order war: Soweit wie möglich die Themse hinaufzugehen; Schiffe, Magazine, Befestigungen zu zerstören und dem Feinde in jeder Beziehung Abbruch zu tun; die Art der Ausführung war dem eigenen Ermessen anheimgestellt. Als Deputierter der Generalstaaten befand sich nur Cornelis de Witt, Bruder des Ratspensionärs, für die Provinz Holland an Bord; Friesland und Seeland hatten keinen Vertreter gestellt, scheinbar zur größten Zufriedenheit des leitenden Staatsmannes. Die Flotte ging am 13. Juni von Schooneveld, wo sie noch einige Tage auf das Kontingent Seelands gewartet hatte, in See, ritt am 15. vor der Themse einen Südwest-Sturm ab und lief am 17. in den Kings-channel ein.