Am 18. Juni gab Ruyter die hier kurz mitgeteilte Disposition aus: „Die Hauptflotte bleibt vor der Themsemündung als Rückhalt liegen. Eine Flottenabteilung geht den Fluß hinauf und vernichtet die bei Gravesend und Tilbury (the Hope) liegenden Schiffe — etwa 20 Westindienfahrer unter Bedeckung von 10–12 Kriegsschiffen zu 30–40 Kanonen —. Dann kommt sie zurück, geht in den Medway, nimmt Sheerness und zerstört die Schiffe und Arsenale in diesem Nebenfluß.“ Die zu detachierende Abteilung wurde van Ghent, unter ihm Vizeadmiral de Liefde, unterstellt und bestand aus: 2 Schiffen zu 60, 6 zu 50, 4 zu 40–45, 5 zu 32–36 Kanonen; 5 Advisjachten sowie fast allen kleinen Fahrzeugen und Brandern. Die Landungstruppen wurden auf die Kriegsschiffe verteilt, leider waren mehrere Transporter während des Sturmes von der Flotte abgekommen; C. de Witt schloß sich der Expedition an. Der erste Teil der Aufgabe gelang infolge ungünstiger Windverhältnisse nicht, der zweite und Hauptteil aber, die Forcierung des Medway, wurde ein großer Erfolg.[171]
Früh morgens am 19. Juni ging Ghent mit der Flut stromauf, kam jedoch wegen ungünstigen und dabei flauen Windes und wegen der später einsetzenden Ebbe nur bis etwa zwischen Leigh und Gravesend und mußte hier ankern; die englischen Schiffe gewannen hierdurch Zeit, sich noch weiter stromaufwärts in Sicherheit zu bringen. Ruyter war mit der Flotte bis zum Mittelgrunde gegangen; er detachierte Schiffe in alle Fahrwasser und bestimmte noch 10 größere Schiffe zur Unterstützung für das Unternehmen gegen den Medway.
Am 20. morgens kam Ghent von dem verfehlten Unternehmen zurück und wandte sich gegen Sheerness. Drei Schiffe bombardierten das Fort, 800 Mann unter Oberst Dollman, einem englischen Republikaner, landeten. Ein ernster Widerstand wurde bei dem schlechten Zustande der Befestigung nicht geleistet, die Besatzung zog ab und[293] besetzte später eine Schanze bei Gillingham; auch ein kleines Kriegsschiff und 2 Brander, die bei Sheerness gelegen, hatten Anker gekappt und waren den Medway hinaufgegangen. Die Holländer machten die Geschütze und die Befestigung unbrauchbar und räumten oder zerstörten die Magazine; sie glaubten aber die Stellung mit ihrer geringen Zahl Soldaten nicht halten zu können. An demselben Tage wurde auch noch das Fahrwasser des Medway durch leichte Schiffe ausgelotet.
Das Erscheinen der Holländer in der Themse und die Einnahme von Sheerness hatten London natürlich in größte Aufregung versetzt. Monck eilte mit Truppen nach Chatham, wo er, wie schon gesagt, wenig gemacht fand. Er tat nun sein möglichstes, eine feste Stellung zu schaffen, obgleich er kaum Arbeitskräfte bekam, die halbe Bevölkerung, selbst ein Teil der Arsenalbeamten, war geflohen. Er ließ eine schon längst vorbereitete, aber nicht in Gebrauch genommene Sperrkette oberhalb Gillingham ziehen, deckte sie durch zwei kleine Batterien und legte ein Kriegsschiff, die „Unity“, davor. Sodann verstärkte er die Befestigungen von Upnor-Castle und verankerte die vorhandenen schweren Schiffe, etwa 17, oberhalb der Kette auf dem ganzen Revier in Verteidigungsstellung; auch ordnete er das Versenken von Schiffen an, was aber in der Eile weder durchweg noch richtig ausgeführt wurde, wie es auch nicht mehr möglich war, frühere Unterlassungssünden noch gut zu machen, z. B. die Verstärkung der ungenügenden Armierung der Batterien.
Ruyter im Medway, 20.–23. Juni 1667.
Am 21. Juni unternahmen die Holländer noch nichts. Der Grund hierfür ist nirgend zu ersehen. Vielleicht geschah es, um Ruyter abzuwarten, der auf ausdrücklichen Wunsch C. de Witts weiter stromauf segelte und schließlich mit einigen seiner Schiffe bis Queenborough kam. Am 22. Juni 7 Uhr segelte Ghent den Medway[294] hinauf. Die Spitze der Vorhut, geführt vom Kapitän Tobias, begann ein Feuergefecht mit der befestigten Stellung an der Kette, das jedoch nicht recht vorwärts kommen wollte. Da erbot sich Kapitän van Brakel, mit dem Schiff „Vrede“ und 2 Brandern vorzugehen. Er enterte die „Unity“, und der eine Brander sprengte die Kette. Verschiedene kleine Schiffe und Brander segelten nun durch; Brakel bestieg ein kleineres Fahrzeug, enterte das nächste große englische Schiff und brachte dann, auf sein Schiff zurückgekehrt, die kleinen Kettenbatterien zum Schweigen.
Mittlerweile kommen immer mehr Holländer unter Ghents und Liefdes persönlicher Führung heran. Mit Schiffen und Fahrzeugen, mit ausgesetzten Booten wird die erste englische Stellung genommen; die Batterien am Lande werden durch Landungsabteilungen zerstört, von 5 großen hier postierten Schlachtschiffen werden 4 verbrannt, der „Royal Charles“ (100 Kanonen) wird genommen. Dieses stolze englische Schiff wurde als Trophäe nach Holland geführt; Monck hatte angeordnet, es weiter stromauf zu bringen, aus Nachlässigkeit oder Mangel an Hilfsmitteln war dies aber nicht geschehen. Der Kampf, zu dessen Ausläufern auch Ruyter auf einem kleinen Fahrzeuge herangekommen war, wurde abends abgebrochen, weil bei fallendem Wasser viele Holländer festkamen. Die Szene auf dem Kampfplatz wird als furchtbar geschildert: „Der Fluß voll von fahrenden Schiffen, Booten und brennenden Trümmern; ununterbrochenes Geschütz- und Gewehrfeuer, und doch übertönt vom Klagen der Verwundeten; Trompetengeschmetter, Trommelschlag und Hurraruf der Holländer nach jedem Erfolge; über allem dunkler Pulverrauch und erleuchtet von den Flammen und dem Blitzen der Feuerwaffen.“ Am 23. Juni wurde das Vernichtungswerk fortgesetzt. Mit 4 Schlachtschiffen, einigen Jachten und den Brandern wurden die drei bei Upnor liegenden Engländer angegriffen. Die Befestigungen hier unter Major Scott und die gegenüberliegenden unter Vizeadmiral Spragge, der in Sheerness kommandiert hatte, kämpften tapfer, konnten aber das Verbrennen der Schiffe durch Brander und Boote nicht hindern; Ruyter und die anderen Admirale leiteten von Booten aus das Gefecht, an dem sich in dem engen Gewässer von größeren Schiffen ja nur wenige beteiligen konnten.
Mit diesem Erfolge begnügten sich die Holländer, sie hielten es nicht für ratsam, den Fluß noch weiter hinaufzugehen. Das Fahrwasser wurde immer enger und schwieriger, Schiffe waren versenkt und der Fluß an beiden Seiten mit Batterien und Truppen besetzt, die Brander bis auf zwei verbraucht. So waren die übrigen englischen Schiffe und die Arsenale bei Chatham gerettet.