Der Devolutionskrieg (vgl. Seite [289]) — der erste Eroberungskrieg Ludwigs XIV. —, der Einfall in die spanischen Niederlande Ende Mai 1667, verlief ungemein schnell zugunsten Frankreichs. Turenne — der König führte zwar scheinbar selbst den Oberbefehl — nahm bis Ende Oktober ohne großen Widerstand eine Reihe der wichtigsten Städte: z. B. Charleroi, Tournay, Douay, Oudenaarde, Lille; Brüssel und Dendermonde hielten sich. Die Staatsschrift, in der Ludwig seine Ansprüche auf die fraglichen Landstriche darlegte, zeigte unverhüllt den ehrgeizigen Charakter des jungen Königs und versetzte ganz Europa in Besorgnis. Besonders Holland mußte sich arg bedroht fühlen; aus Gründen, die wir schon erwähnt haben (Seite [249]), war Frankreich wohl gut als Freund, aber nicht als Nachbar. Auch in England fürchtete man, daß Frankreich nach Erlangung des Übergewichtes auf dem Kontinente, nach Eroberung der spanischen Niederlande oder gar Hollands ein gefährlicherer Nebenbuhler um die Seeherrschaft werden könnte als Holland. Zwei große Staatsmänner der bisher feindlichen Nationen verbanden sich deshalb im geheimen, um den französischen Eroberungen Schranken zu setzen. Der Ratspensionär de Witt und der englische Gesandte in Holland, Sir William Temple. De Witt überwand dabei seinen alten Haß gegen England, die französische Gefahr war ja auch jetzt die größere; er wagte viel bei den geheimen Unterhandlungen, da nach den Gesetzen ein jedes Bündnis von den Magistraten aller Städte beraten werden mußte. Temple, ein Mann voll inniger Vaterlandsliebe, aber auch auf das Wohl aller Staaten bedacht, beachtete nicht die Hinneigung seines Königs zu Frankreich. In kurzer Zeit brachten diese beiden Männer einen Vertrag zustande (23. Januar 1668), dem dann der Gesandte Schwedens beitrat. Diese Tripelallianz forderte von Ludwig, daß er von weiteren Eroberungen absähe, und von Spanien die Abtretung der bereits genommenen Gebiete an Frankreich. Die Bundesgenossen verpflichteten sich, den König zu Wasser und zu Lande zu bekriegen, falls er auf die Forderung nicht einginge, und dann Frankreich auf den Stand des Pyrenäischen Friedens zurückzubringen.
Das schwache Spanien stellte sich zwar empört, daß man so über sein Eigentum verfüge, sah aber die Unmöglichkeit ein, dieses selbst zu schützen. Auch Ludwig wagte nicht, der Allianz zu trotzen, ging auf die Verhandlungen ein und bot auf Verlangen der Verbündeten dem spanischen Gouverneur der Niederlande einen Waffenstillstand an, aber zunächst nur bis Ende März. Dieser lehnte ihn jedoch ab mit dem Bemerken, es sei ein Hohn, eine Waffenruhe anzubieten, die der Winter den Franzosen von selbst auferlege. Um zu zeigen, daß er trotz der ungünstigen Jahreszeit seine Eroberungen fortsetzen könne, ließ nun Ludwig die Grafschaft Burgund (Franche-Comté?), die, wenn auch nur dem Namen nach, noch zu Spanien gehörte, im Februar durch den Prinzen Condé besetzen; es geschah fast ohne Schwertstreich. Nach diesem so leichten Erfolge machte der König Miene, die Verhandlungen wieder abzubrechen, aber das energische Auftreten der Allianz und ihre Drohung, alle Staaten Europas seien bereit, sich gegen Frankreich zu waffnen, bewogen ihn doch zum Nachgeben; noch hatte er sich nicht an den Gedanken gewöhnt, ganz Europa zu trotzen. Im Frieden zu Aachen, 2. Mai 1668, gab Frankreich die Franche-Comté zurück und behielt die zwölf genommenen Städte Belgiens. Diese wurden sofort durch Vauban zu wichtigen Stützpunkten für weitere Eroberungen ausgebaut; besonders galt Lille als eine Musterfestung nach dem System des berühmten Ingenieurs.
Ludwig XIV. war erbittert über die Störung seines Planes. Sein Haß richtete sich besonders gegen Holland, in dem er mit Recht die Seele des Dreibundes und wegen dessen geographischer Lage das Haupthindernis seiner Absichten sah; auch erschien es ihm als ein unerträglicher Schimpf, daß eine „Republik von Krämern und Schiffern, die ihm und seinen Vorfahren so viel zu verdanken habe“, den „größten König Europas“ in seinem Siegeszuge hemme; Arger über in Holland erschienene Spottbilder und -schriften usw. trat hinzu.
Er beschloß, vorerst Holland zu züchtigen und zu unterwerfen, und dann Belgien; mit allen Mitteln zielte seine politische Strategie darauf hin, Holland nicht nur zu isolieren, sondern ihm auch Feinde zu schaffen; dazu brauchte er vor allem die Auflösung des Dreibundes. Er versuchte, die alte Verbindung Frankreichs mit Schweden zu erneuern. Zwar war hier im Reichsrate, der für den minderjährigen Karl XI. regierte, anfangs wenig Neigung vorhanden, sich dem unruhigen und kriegslustigen Ludwig anzuschließen, aber nach und nach gewann eine andere Stimmung die Oberhand, wohl infolge Bestechung gewisser Kreise; im April 1672, als auch Ludwigs sonstige Ränke zum Ziel geführt hatten, schloß Schweden mit ihm den Vertrag, gegen Zahlung von Subsidien das Deutsche Reich an einer Unterstützung Hollands zu hindern und hierzu 16000 Mann in Schweden und Pommern bereit zu halten. Ebenso leichtes Spiel hatte Ludwig in England. Karl II. hatte hier 1669 die Minister entlassen und neue genommen, die seinen Plänen gegen Verfassung und Religion des Landes willfährig waren — deshalb das Kabalministerium genannt —: das Parlament sollte abgeschafft, das Königtum absolut gemacht und die Nation zur katholischen Religion gezwungen werden. Zu diesem Plane paßte die Vernichtung des republikanischen und evangelischen Hollands, infolgedessen gelang es Ludwig XIV., den englischen König am 11. Juni 1670 zu einem Vertrage für die Ausführung der beiderseitigen Absichten zu gewinnen: Gemeinschaftlich erst Holland zu erobern, dann England politisch und kirchlich zu knechten. Auch wurde Karl überzeugt, daß diese beiden Aufgaben gerade in dieser Reihenfolge leichter und sicherer auszuführen seien, da dann das englische Volk keine Unterstützung an dem holländischen finden könne. Von den Niederlanden sollte Seeland, also insbesondere die wichtigen Flußmündungen der Schelde und Maas, an England fallen, die Provinz Holland wollte man dem Prinzen von Oranien als souveränes Fürstentum geben; alle übrigen Provinzen sollten französisch werden. Für den Krieg wollte Frankreich an England 200000 Lstrl. zu Rüstungen und jährlich 350000 Lstrl. Subsidien zahlen, gegen Holland seine Flotte mit der englischen — unter englischem Oberbefehl — vereinigen und zur Unterdrückung Englands später Truppen stellen.
Der Abschluß der schon länger laufenden Verhandlungen und besonders die Abmachung, Holland zuerst anzugreifen, war das Werk der Herzogin von Orleans, Schwägerin Ludwigs und Schwester Karls. Wesentlich unterstützt soll diese sein durch das ihr zu diesem Zweck mitgegebene schöne Fräulein de Kerhouent, das die Lieblingsmaitresse Karls wurde.
Der französische Geschichtschreiber Martin (Histoire de France) sagt zu dem Vertrage: „Diese Verhandlungen sind falsch beurteilt. Man hat gesagt, Karl habe England an Frankreich verkauft. Dies ist nur für die innere Politik richtig, er plante mit Hilfe Frankreichs England zu knechten. Die Interessen des Landes nach außen verkaufte er indessen durchaus nicht (d. h. dieses Mal nicht, beim Verkauf Dünkirchens tat er es), da der größere Gewinn bei Niederwerfung Hollands von England eingeheimst sein würde.“ Man darf wohl sagen, daß der Vertrag ein größerer politischer Fehler Frankreichs als Englands war. England bekämpfte doch immer seinen derzeit bedeutendsten Nebenbuhler zur See, der ihm sogar im Handel noch überlegen war, wenn ihm dadurch auch ein neuer in Frankreich zu erwachsen drohte. Frankreich aber hatte, durch seine Festlandpolitik in Anspruch genommen, wenig Aussicht, ohne einen Verbündeten dem vom Festland unabhängigen England gegenüber eine Seemacht zu werden, wonach Colbert gerade jetzt strebte. Ein solcher Verbündeter war in Holland gegeben, mit ihm hätte man das Wachstum der englischen Seemacht vielleicht unterbinden können, und dieser Verbündete sollte jetzt vernichtet und sogar seine für die Seemacht wichtigste Provinz an England abgetreten werden. Richelieu hatte aus diesem Grunde Freundschaft mit Holland gesucht, auch, um dort technische Unterstützung zur Schaffung einer Marine zu finden.
Dieser englisch-französische Vertrag wurde streng geheim gehalten. Als de Witt, der doch von Verhandlungen gehört hatte, in London um Auskunft ersuchte, äußerte sich Karl dem holländischen Gesandten gegenüber: Er halte fest an der Tripelallianz; diese sei so heilsam, daß sie geschlossen werden müsse, wenn es nicht schon geschehen wäre. Ähnliche Versicherungen wurden auch in der Folge noch gegeben, und ihre Aufrichtigkeit schien dadurch Bestätigung zu finden, daß Karl Ende 1670 vom Parlament bedeutende Mittel für die Flotte in diesem Sinne forderte. Er sagte: da die französische Flotte in den letzten Jahren verdreifacht sei, verlangten die Verpflichtungen, die die Tripelallianz England auferlege, auch eine große Schlagfertigkeit seiner Flotte für das nächste Jahr. In England hatten die Zunahme des Seehandels und die Kolonialbestrebungen Frankreichs Eifersucht erregt, die Tripelallianz besaß die allgemeine Sympathie, und so bewilligte das Parlament die geforderten Gelder. Das englische Volk und de Witt waren getäuscht.
Wenn nun de Witt noch längere Zeit auf den Bestand des Dreibundes und besonders auf Unterstützung durch England rechnete, so versuchte er doch rechtzeitig, sich daneben in Deutschland Bundesgenossen gegen Frankreich zu sichern; aber auch hier trat ihm Ludwig entgegen. Der Herzog von Lothringen, die Kurfürsten von Mainz und Trier fanden sich anfangs bereit, Truppen für Holland aufzustellen. Ehe jedoch die Werbungen begannen, fiel Ludwig (August 1670) in Lothringen ein und besetzte das Land; trotz Einspruch des Kaisers blieb es damals schon 27 Jahre in französischem Besitz. Die Kurfürsten wagten jetzt nicht, zu rüsten und auch nicht auf dem Reichstage für die bedrohten Niederlande aufzutreten; sie würden fast allein dagestanden haben. Die übrigen Fürsten im Westen Deutschlands fürchteten Ludwig oder waren ihm verpflichtet. Auch am kaiserlichen Hofe legte der französische Gesandte „goldene Ketten“ (Ausdruck Ludwigs) an; die Minister, vor allen der Premier Fürst Lobkowitz, überredeten den Kaiser zu einem Vertrage mit Frankreich (November 1671), wonach keine der beiden Mächte einen Gegner der anderen unterstützen sollte; der Kaiser wollte sich besonders nicht in einen Krieg mischen, der über den Frieden von Aachen etwa entstehe.
Endlich gewann Ludwig XIV. sogar offene Verbündete in Deutschland in dem Erzbischof von Köln und dem Bischof von Münster. Da er beim Angriff auf Holland die spanischen Niederlande nicht betreten wollte, um sich selbst in dem schwachen Spanien keinen Gegner zu schaffen, sollte sein Heer den Weg durch das Kölner Land nehmen. Die beiden Prälaten verpflichteten sich aber auch (Anfang 1672), 30000 Mann zu stellen, wofür ihnen bedeutende Gelder und Teile Hollands zugesagt wurden. — Nur an der Einsicht und der deutschen Gesinnung des Großen Kurfürsten scheiterten Ludwigs Künste. Dieser wies den Antrag eines Bündnisses, für das man ihm das Herzogtum Geldern bot, mit Verachtung zurück; er warnte Holland und war entschlossen, für die Rettung der Republik und zur Sicherung Deutschlands zu tun, was in seinen Kräften stand.
So hatte Ludwig XIV. im Frühjahr 1672 Holland völlig isoliert und ihm außer England noch zwei festländische Gegner geschaffen; das der Republik wohlgesinnte Brandenburg hoffte er durch Schweden in Schach zu halten.