Als bemerkenswert vom Standpunkt der Seekriegsgeschichte sei hier eines von Leibniz dem König von Frankreich unterbreiteten Planes gedacht. Dieser deutsche Gelehrte weilte 1672 in Paris, als sich schon erkennen ließ, daß die Pläne Ludwigs auch Deutschland bedrohen würden. Er wollte deshalb den Ehrgeiz des Königs in andere Bahnen leiten, von einer Ausdehnung seiner Macht in Europa zu Lande ablenken und auf Erweiterung der überseeischen und des Seehandels, kurz auf die Erringung der Seeherrschaft, hinführen. Zur Erreichung dieses Zieles sollte Frankreich Ägypten nehmen und mit diesem Lande als Basis die Vormacht im Mittelmeer, in der Levante sowie im fernen Osten gewinnen; Holland würde damit auch am leichtesten und sichersten vernichtet. Der Plan weist also auf eine ähnliche Entwicklung Frankreichs hin, wie sie bald England nahm. Nach Eroberung Ägyptens wäre Frankreich zur Schaffung einer großen Seemacht und zur Besitzergreifung vieler überseeischer strategischer Punkte gezwungen worden, wie es England durch den Besitz Indiens wurde.

(Einen genaueren Auszug aus dieser Denkschrift — Concilium Aegyptiacum —, insbesondere auf die Gründe mehr eingehend, durch die Leibniz vor 200 Jahren den ehrgeizigen König für den Gedanken gewinnen wollte, gibt Mahan, Teil I, Seite 135.)

Nachdem der Krieg so vorbereitet war, wurden Gründe zur Kriegserklärung seitens der beiden Könige leicht gefunden; man kann wohl sagen, an den Haaren herbeigezogen. Ludwig XIV. hatte schon vor der Tripelallianz 1667 den Einfuhrzoll für holländische Waren erhöht. Als nun Holland 1671 eine Zollerhöhung seinerseits vornahm, verlangte der König im Tone des Zorns Zurücknahme und Genugtuung. Obgleich Holland um diese Zeit noch auf England rechnete, war man doch zu billigem Ausgleich bereit, aber Ludwig, der gerade damals sein politisches Werk bei den deutschen Fürsten zu Ende gebracht, antwortete: „Im nächsten Frühjahr werde ich tun, was mir für meinen Ruhm und für den Vorteil meines Staates angemessen erscheint.“ (Januar 1672.)

Am 7. April 1672 erklärte er den Krieg nur mit dem Bemerken: das Betragen der Republik sei den großen Wohltaten nicht angemessen, mit denen er und seine Vorfahren diese überhäuft hätten. Der Bischof von Münster kündigte Krieg an, weil sich vier holländische Staatsbeamte gegen sein Leben verschworen hätten. Karl II. hatte schon im August 1671 einen Streit wegen des Flaggenrechts herbeigeführt. Eine kleine königliche Jacht, die die Gemahlin des englischen Gesandten Temple vom Haag abholte, erhielt den Befehl, in offenkundiger Absicht durch die holländische Flotte zu fahren und zu feuern, wenn die Flagge nicht vor ihr gedippt würde. Die Jacht lief durch die vor der Maasmündung liegende Flotte und salutierte die Flagge Ruyters. Der Admiral konnte nicht gleich danken, da sein Schiff gekrängt[174] war, doch Leutnantadmiral Ghent beantwortete den Salut und auch Ruyter folgte hierin, sobald sein Schiff wieder auf ebenem Kiel lag. Dennoch schoß der Engländer scharf auf Ghent. Dieser sandte seinen Flaggkapitän ab, um Aufklärung zu fordern, ging sogar dann selbst, da er gleichzeitig die ihm bekannte Dame begrüßen wollte. Der englische Kommandant erklärte, er habe scharf geschossen, weil Ghent die Flagge nicht gestrichen, worauf dieser antwortete, das könne doch von einem großen Geschwader einer einzigen kleinen Jacht gegenüber nicht verlangt werden. Diesen, noch durch die Erdichtung dabei gefallener unehrerbietiger Äußerungen Ghents aufgebauschten Vorfall nahm Karl wahr, um Genugtuung zu verlangen, obwohl weder der bisherige Brauch noch der Wortlaut des Vertrages eine so demütigende Auslegung des Flaggenrechtes rechtfertigten; der Vorfall hatte sich ja außerdem in holländischen Küstengewässern abgespielt. Einige andere nichtige Beschwerden Karls traten hinzu, z. B. Klagen über Medaillen, Bilder, Gedichte, die in Holland zu Ehren des letzten Krieges angefertigt waren.

Holland war bereit, in allem nachzugeben; so sollten in Zukunft auch Flotten die Flagge streichen „als Zeichen der Ehre für einen Bundesgenossen und großen Monarchen“. Als aber die Regierung ihre Vorschläge dem englischen Gesandten unterbreitete, erklärte dieser, es sei zu spät, und reiste ab (Januar 1672). Weitere demütige Schritte in London nützten nichts; im März 1672 griff England einen holländischen Convoi an und erklärte am 29. desselben Monats den Krieg für den 7. April, denselben Tag, an dem die französische Kriegserklärung erging. Der Vorfall mit der englischen Jacht im August 1671 hatte Holland schon veranlaßt, die englische Freundschaft mit Argwohn zu betrachten; in den Januar-Verhandlungen war die Maske Karls gefallen.

Bei der Betrachtung der Streitmittel Englands und Hollands in diesem Kriege können wir uns kürzer fassen als bisher (Seite [254] ff.), weil die wenigen Friedensjahre keine wesentlichen Veränderungen in beiden Marinen gebracht haben, wenn diese sich auch in der allgemein besprochenen Weise (Seite [161] ff.) fortentwickelten.

Was das Material anbetrifft, so wurden in Holland größere Schlachtschiffe nicht neu erbaut. Man glaubte, an den während des letzten Krieges so zahlreich gebauten genug zu haben. Es mangelte auch an Geld, obgleich der Handel bald wieder in vollster Blüte stand; die Staaten hatten noch Schulden abzuzahlen, einige Admiralitäten waren gar mit Rechnungen, Arbeitslöhnen und Gehältern im Rückstande. In England aber sorgte man hauptsächlich für den Ersatz der vielen verlorenen großen Schlachtschiffe. Angaben über den Gesamtbestand fehlen wieder für beide Marinen; nach der Stärke der im dritten Kriege aufgestellten Flotten dürfte die Gesamtzahl auf beiden Seiten annähernd gleich geblieben sein. Zum Beweise hierfür und zum Vergleich sei eine ähnliche Zusammenstellung[175] wie früher gegeben.

Vor der Viertageschlacht 1666 setzte sich zusammen:

Schiffe von Kanonenüber 9080–9070–8060–7050–60
Die englische Flotte22 71425
Die holländische Flotte2112118
Schiffe von Kanonen40–5030–4020–30kleinereBrander
Die englische Flotte22 8???
Die holländische Flotte1913189

In der Schlacht bei Solebay 1672:

Schiffe von Kanonenüber 9080–9070–8060–7050–60
England62 3 821
Holland3142612
Schiffe von Kanonen40–5030–4020–30kleinereBrander
England5843016
Holland6682236