Herbert berichtete[234] (kurz gefaßt): Er habe zuerst beabsichtigt, ein Gefecht anzunehmen, die Franzosen hätten jedoch nicht angegriffen, obgleich sie zu Luward standen. (Vielleicht hielten sie zurück, weil sie infolge des flauen Windes nicht in guter Ordnung waren, vielleicht um auch erst die Stärke des Feindes kennen zu lernen; sie hatten nämlich am 4. das Salutieren der zu Herbert gestoßenen Schiffe gehört.) Als die Stärke des Gegners erkannt war, sei vorstehender Beschluß gefaßt worden. Man habe dabei in Erwägung gezogen, daß man in einer Schlacht die ganze Flotte und damit die Seeherrschaft aufs Spiel setze. Es sei für richtiger erkannt worden, auszuweichen und bei günstiger Gelegenheit zu versuchen, nach West zu steuern, um sich mit Killigrew, Shovel sowie den Schiffen in Plymouth zu vereinigen und so dem Feinde eher gewachsen zu sein, oder sich nach Osten, wenn nötig bis zur Themse hinter die Gunfleet[235], zurückzuziehen, um von dort aus mit der unversehrten Flotte den Feind im Schach zu halten und erst geeigneten oder notwendigen Falles hervorzubrechen; auch hier könnten die Streitkräfte im Westen über die Bänke trotz der Franzosen zur Flotte stoßen.

Herbert weist jetzt noch einmal auf seine im Winter vergeblich geäußerten Bedenken und Ermahnungen hin; er bittet um Verstärkungen und entsprechende Orders an die Schiffe im Westen.

Flaue Winde hinderten an den nächsten Tagen ein Näherkommen der verfolgenden Franzosen, um so mehr als die Engländer die Stromverhältnisse besser kannten; beide Flotten mußten häufig ankern. Da traf am 9. Juli abends ein Befehl der Königin ein, der Herbert zum Fechten nötigte; in London war man über die Lage — über die zu wählende Strategie — anderer Ansicht und man unterschätzte den Feind.

Nottingham schrieb: Die Franzosen hätten nach sicherer Nachricht nur 60 Linienschiffe, diese seien schlecht bemannt. Shovel und die Schiffe von Plymouth seien bereits unterwegs; Killigrews Ankunft stände ganz nahe bevor. Alle diese aber — und mit ihnen Killigrews großer Convoi — seien sehr in Gefahr, wenn sich die Flotte nach Osten zurückzöge; die Franzosen würden dadurch ferner imstande sein, ganz oder teilweise nach Schottland zu gehen, wo dann ein großer Aufstand erfolgen könne.

Die angeschlossene Order der Königin besagte, daß sie die Absicht, sich bis zur Themse zurückzuziehen, durchaus mißbillige. Ein nach Westen Gehen verbiete sie nicht, wenn es sich mit folgendem vereinigen ließe. Vor allem sei nämlich die französische Flotte „nie“ aus Sicht zu lassen, damit sie nicht etwas gegen die Küsten oder gegen die Themse unternehmen oder „überhaupt ohne Gefecht absegeln“ könne (wohin? nach Schottland oder nach Hause?), eher sei unter günstigen Windverhältnissen (d. h. in der Luvstellung) zu schlagen. In welcher Eile diese Befehle verfaßt wurden, zeigt die Tatsache, daß Nottingham sich nicht einmal Zeit nahm, Konzepte oder Abschriften anzufertigen.

Herbert antwortete sofort: Die Ansicht in London über Stärke und Bemannung des Feindes sei nach seiner Beobachtung und seinen Nachrichten falsch. Er hielte die Schiffe im Westen und die Küsten für nicht gefährdet; er beabsichtige ja gerade, alle Unternehmungen des Feindes zu hindern (durch seine „fleet in being“; dieser jetzt so oft gebrauchte Ausdruck stammt von Herbert); wenn er aber geschlagen würde, dann sei alles bedroht; im übrigen werde die Flotte auf den Befehl hin ihre Pflicht tun.

Am 10. Juli morgens bildete Herbert bei frischem Nordostwind etwa 10–12 sm. südlich von Beachy Head die Schlachtlinie über Backbord-Bug und hielt dann auf die in Lee stehenden Franzosen ab, die ihn über denselben Bug backgebraßt erwarteten.

Stärke und Einteilung der Flotten

100 K.80–9270–8060–7050–6040–50Brander
Verbündete[1)]Vorhut[3)]2 4 8 71 4?
Mitte1410 4 21 4?
Nachhut[3)]12 7 1 2 3?
Gesamt282113112 11?[2)]
57 Schiffe; 11 Brander; 3842 Kanonen; 23157 Mann
Franzosen[1)] 104–110 K.80–9070–8060–7050–6040–50Brander
Vorhut1 3 210 6 6
Mitte1 4 114 5 6
Nachhut 5 3 8 51 6
Gesamt21263217118
70 Schiffe; 18 Brander; 4624 Kanonen, 27-28000 Mann

[1)] Die verschiedenen Quellen weichen ab. Ich gebe hier die Verbündeten nach de Jonge, Teil III, Beilage XI, ziemlich übereinstimmend mit den englischen Quellen, die Franzosen nach Bonfils, Teil I. De Jonge gibt für diese 6 Schiffe mehr an, Colomb 5 weniger: de Jonge, weil er mehr 40–50 Kanonenschiffe zur Linie rechnet, Colomb wahrscheinlich, weil Tourville sogar einige 50–60 Kanonenschiffe als „zu schwach gebaut“ nicht in die Linie nahm; Angaben über die Schiffe außerhalb der Linie sind sonst nirgend vorhanden.