Elftes Kapitel.
Die Zeit von 1721–1739.

Übergang zum Abschnitt IV.

Die letzten Jahre unseres Abschnittes bringen keine Kriege, in denen die Seestreitkräfte eine Rolle spielen; in den ersten zwölf Jahren nach Beendigung des Nordischen Krieges herrschte überhaupt Friede. Dieser war jedoch sehr unsicher, überall lag Zündstoff für zukünftige Zusammenstöße angehäuft. Es genügt für unsere Zwecke, als Übergang zum nächsten Abschnitt die Hauptpunkte hervorzuheben und die geschichtlichen Ereignisse bis 1739, dem Ausbruch des nächsten großen Krieges, kurz zu schildern.

Spanien mußte unzufrieden mit den Bedingungen sein, die ihm die Quadrupel-Allianz 1720 aufgezwungen hatte. Sein Hauptkummer war, Neapel und Sicilien an Österreich, Gibraltar und Port Mahon an England verloren zu haben, sowie infolge des Assientovertrages durch den englischen Schmuggelhandel in Westindien schwer benachteiligt zu werden. In all diesem war England der Hauptfaktor, Spanien mußte in ihm seinen Hauptfeind sehen.

Der Kaiser Karl VI. hatte, weil ohne männliche Nachkommen, unter dem Titel „Pragmatische Sanktion“ ein Erbfolgegesetz erlassen, nach dem bei Mangel an männlichen Nachkommen die zur österreichischen Monarchie gehörigen Länder nach dem Erstgeburtsrecht auf seine Töchter und ihre Nachkommen, oder weiter auf die Töchter Josephs I. vererbt werden sollten; er strebte nun dahin, für dieses Gesetz die Anerkennung der andern Staaten zu gewinnen. Bei England und Holland hatte er aber durch die Gründung einer ostindischen Handelskompagnie in Ostende großen Anstoß erregt. Diese Staaten waren ja stets bemüht gewesen, einen Wettbewerb der bisher spanischen, jetzt österreichischen Niederlande im Seehandel zu hindern; war doch z. B. in allen Friedensbedingungen die Sperrung der Schelde für den Handel stets aufrecht erhalten.

Endlich lag eine Gefahr für den allgemeinen Frieden in den polnischen Verhältnissen.

Die Interessen der einzelnen Staaten führten zu verschiedenen, mehrfach wechselnden Gruppierungen gegeneinander, die beständig den Frieden bedrohten. Wenn nun dieser dennoch so lange bestehen blieb, so war dies den leitenden Staatsmännern Frankreichs und Englands zu danken.

In Frankreich regierte tatsächlich seit dem Tode des Regenten und des Kardinals Dubois (1723) der Kardinal Fleury, der Lehrer und seit 1726 der Minister Ludwigs XV. Dieser wünschte den Frieden, vor allem im westlichen Europa, zu erhalten, um seinem Lande die Gelegenheit zur durchaus nötigen Erholung zu geben; vielleicht schreckte er auch infolge seines hohen Alters vor einem Kriege zurück. Unter seiner siebzehnjährigen milden Verwaltung blühte auch Frankreich wieder auf, insbesondere nahmen der Seehandel und die Kolonien großen Aufschwung.

Frankreichs finanzielle Lage war nach dem Frieden von Utrecht noch bedenklicher geworden. Kurz sei auf das berüchtigte Wirken des Schotten Law hingewiesen, der sich anheischig gemacht hatte, die Staatsfinanzen zu heben: Er gründete 1716 eine Bank auf Aktien und knüpfte daran 1717 eine Handelskompagnie für Louisiana. Große Summen strömten herbei, da man dem Publikum vorgespiegelt hatte, das Tal des Mississippi berge noch größere Reichtümer als Peru. Nun wurden bedeutende Beträge an Papiergeld ausgegeben; es war nur darauf berechnet, den Leuten das bare Geld abzulocken, wurde doch sogar verfügt, daß niemand mehr als 500 Lire an Bargeld besitzen dürfe. Mit dieser Bank, seit 1718 Staatsbank unter Laws Leitung, und der neuen Kompagnie vereinigte man 1719 die beiden alten Kompagnien für Westafrika und Ostindien, nunmehr zusammen die „Compagnie des Indes“, auch wurde dem Institut die Pachtung der Staatssteuern überlassen. Der künstlich in die Höhe getriebene Wert der Aktien sank bald auf Null, das ganze Kartenhaus brach 1720 zusammen: Frankreich war verschuldeter als vorher.

Immerhin nahmen infolge des wachgerufenen Spekulationsgeistes und der augenblicklichen Fülle des Kapitals Handel und Industrie einen schnellen Aufschwung; die Spannkraft des Volkes, das nicht mehr durch den Krieg ausgesogen wurde und nicht mehr von der Welt abgeschnitten war, wirkte im gleichen Sinne. Seehandel und Kolonien hoben sich: Gegenüber 300 Handelsschiffen beim Tode Ludwigs XIV. zählte die französische Kauffahrteimarine 20 Jahre später 1800; in Westindien erlangte Frankreich das Übergewicht über England, französische Quellen behaupten das gleiche vom Mittelmeerhandel; in Ostindien wuchsen die Niederlassungen, Isle de Bourbon wurde eine reiche Ackerbaukolonie und Isle de France ein wichtiger maritimer Stützpunkt — ein französisch-indisches Reich, wie jetzt das englische, schien im Entstehen (vgl. Kapitel XII).