Bei der Abwägung der Kräfte der beiden Gegner hat sich das Urteil im Laufe der Zeit mehrfach geändert. In den früheren Jahren wurden die Zahl und die Größe der Schiffe auf seiten der Spanier ungebührend hervorgehoben. Die späteren genaueren Forschungen haben dagegen zunächst ihre Gefechtskraft zu sehr unterschätzt, namentlich wenn in bezug auf die Bestückung gesagt wurde, sie habe fast nur aus 4–9 Pfündern bestanden; gegenwärtig dürfte nachfolgende Beurteilung die verbreitetste und wahrscheinlichste sein.

VerbandSchiffe vonGesamtzahl der
Schiffe und
Mannschaften
Tonnengehalt1000 und
darüber
800–1000600–800500–600200–500kleinere
Geschütze40–4242–5536–4830–5418–383–21
Mann500430–490250250100–18020–100
Königliche Marine21000
und
1100
336812 34=6289[1)]
Armierte
Kauffahrer
Unter Drake
im Westen
Armierung
unbekannt[2)]
4 zu 3–400 tons, 120–160 Mann
10 zu 200–250, 70–110
6 zu 150–200, 70–80;
Rest 30 bis 80, 30–50
=142034=2394
Unter Howard
im Westen
11 zu 100–220 ton, 50–90 Mann
7 zu 20–80, 10–30
= 1818= 530
Der Stadt
London im Osten
10 zu 2–300 tons, 90–120 Mann
20 zu 60–180, 30–80
=102030=2180
Küsten-
Fahrzeuge
Unter Howard
im Westen
zu 40–180 tons, 20–70 Mann= 2320= 993
Unter Seymour
und Winter
im Osten
zu 35–160 tons, 20–100 Mann= 2323=1090
Freiwillige Schiffe[3)] 2 zu 250–300 tons, 100–108 Mann
Rest zu 30–140, 20–65
=22123=1044
Gesamt233634134182=14520

[1)] Auf den Kriegsschiffen befanden sich etwa ⅔ bis ¾ Seeleute, auf den kleineren sogar noch mehr. Hier einige Beispiele:

„Ark“,FlaggschiffHowards800tons270Seeleute34Gunner126Soldaten=430
„Triumph“,Frobishers110030040160=500
„Vanguard“,Winters5001502476=250
„Tiger“ 20080128=100

[2)] Die Armierung der Kauffahrer und Küstenfahrzeuge war wohl etwas schwächer als die der Kriegsschiffe gleicher Größe. Bei den größeren war der Unterschied vielleicht nicht sehr bedeutend, da es ja gebräuchlich war, solche für den Kriegsdienst gebrauchsfähig zu machen und manche auch wohl als Freibeuter benutzt waren.

[3)] Die freiwilligen Schiffe, Eigentum von Privatpersonen, stießen nach und nach zur Flotte, als die Armada an der Küste war. Sie und alle armierten Kauffahrer wurden während der Campagne vom Staate erhalten und gelöhnt, mit Ausnahme der Schiffe der Stadt London und der Küstenfahrzeuge im Osten, welche die Cinqueports gestellt hatten.

An Zahl der größeren Kriegsschiffe war die Armada absolut weit überlegen mit 56 Fahrzeugen über 500 tons — dazu noch 4 Galeassen, mächtige Gefechtsschiffe, und 4 Galeren — gegen nur 14 auf englischer Seite. Wesentlich anders stellt sich dieser Vergleich aber schon, wenn wir auf englischer Seite die Schiffe zwischen 200 und 500 tons, 8 königliche und 26 Kauffahrer, dazu rechnen; nach ihrer Armierung ist man dazu berechtigt, da sie hierin den spanischen Schiffen von 500–600, ja auch vielen von 600–800 tons, gleichstanden.

In der Größe der Schiffe war die Überlegenheit ebenfalls auf spanischer Seite, wenn man die Zahl der Schiffe in den einzelnen Klassen nach Tonnengehalt gegenüberstellt. Für die Beurteilung der Gefechtskraft ist dieser Umstand jedoch nicht durchschlagend, weil die englischen Schiffe alle weit schwerer armiert waren als die spanischen gleichen Tonnengehalts. Auch boten die großen spanischen Fahrzeuge, die weit höher über Wasser waren als die englischen gleichen Tonnengehalts, im Feuergefecht ein gutes Ziel, ein Nachteil, der durch den Vorteil beim Enterkampf nicht aufgewogen wurde. Das auf Bildern jener Zeit zum Ausdruck gebrachte übermächtige Aussehen der Spanier hat gerade früher zur Überschätzung der Armada geführt.

Zu dieser relativen Überlegenheit der englischen Artillerie an Zahl der Geschütze trat auch noch die ganz unzweifelhafte an Kaliberstärke,[59] d. h. es befanden sich auf der englischen Flotte relativ sicher, vielleicht sogar absolut, mehr Geschütze schwereren Kalibers als auf der spanischen, wenn auch die Schwäche der Spanier in dieser Beziehung nicht so bedeutend war, wie längere Zeit angenommen ist. Vor allem aber war die Bedienung dieser Waffe bei den Engländern weit besser. Die Spanier hielten — nach Ausspruch eines spanischen Autors — das Geschütz für eine unedle Waffe, gut genug zur Einleitung des Gefechts bis zum baldigen Kampfe Mann gegen Mann. Die Pforten waren bei ihnen der Sicherheit gegen Gewehrfeuer wegen so klein, daß die Geschütze nur schlecht gerichtet, namentlich nicht genügend inkliniert, werden konnten, bei Feuergefecht auf kurze Entfernung für die hohen Schiffe den niedrigeren gegenüber ein großer Nachteil. Die Schiffe führten nur wenig Munition. Die Bedienung war instruiert, auf die Takelage zu schießen, um den Feind manövrierunfähig zu machen und dadurch zum Enterkampf zu kommen; die Feuergeschwindigkeit war gering. Bei den Engländern war die Artillerie schon zu einer geachteten Waffe geworden, die Geschütze waren besser lafettiert und wurden besser und schneller bedient. Man kannte diesen Umstand in Spanien wohl; Philipp befahl in seiner Instruktion, bei einem Gefecht solle man den Enterkampf erzwingen, der Feind würde versuchen, ein Feuergefecht zu führen.

Ebenso wichtig aber wie die Überlegenheit im Gebrauch der Artillerie war die der Engländer in der Bedienung der Schiffe. Hingewiesen ist auf den großen Unterschied in der Bemannung mit Seeleuten, und sowohl als Mannschaft wie als Führer waren die Engländer tüchtiger. Bei den Spaniern überwogen die Soldaten so sehr, daß die Bedienung des Schiffes im Gefecht in Frage gestellt war, Soldaten kommandierten teilweise die Schiffe. Die spanischen Fahrzeuge manövrierten infolge ihrer Höhe über Wasser und ihrer hohen Kastelle an und für sich schon schlechter.