„Ah: Was sag’ ich da?... Enfin... Es macht nichts! Sie glauben es mir ja doch nicht!... Ihr Alle nicht! Umso besser!“
„Was ist denn nur mit Ihnen? Was soll das höhnische Lachen? Man könnt’ sich ja fürchten!“
„Oh nichts!... Mes compliments!“
Noch als Inge Tillesen wieder oben in ihrem Zimmer war, sah sie dies verbissene und hochmütige Lächeln vor sich. Diesen vielwissenden und grausamen, plötzlich halbasiatischen Gesichtsausdruck. Vor ihr stand der alte Lübecker Schrank. De Klock — de sleiht — de Tied — de geiht... Nun war es höchste Zeit. Sie trat ans Fenster. Vor dem Nachbarhaus lud der Diener des Generals Isebrink Offiziersgepäck auf einen Handkarren und schob ihn in der Richtung nach dem Bahnhof. Automobile tuteten an ihm vorbei, schossen fröhlich hinaus in den grünen Rheingau. Die französische Tricolore flatterte über dem Kühler, die Sterne und Streifen Amerikas, der britische Union Jack... Lautes Russisch klang unter den bunten Sonnenschirmen vorübergehender Damen. Der Maihimmel war wolkenlos blau. Ein leiser Wind bewegte den Wald von schwarz-weiß-roten Fahnen. Inmitten dieser gastfrohen Lebensfreude war in Inge Tillesen ein Grauen. So als sei irgendwo auf der Nordseite ein Fenster offen, und es zöge Einem kalt und unsichtbar über den Rücken. Sie dachte sich: Eigentlich sagen Beide dasselbe, Isebrink und dieser unheimliche Russe... Sie sind wie zwei Geisterseher. Sie merken etwas, was wir nicht merken. Vielleicht sehen sie auch nur Gespenster...
Aber ist es nicht seltsam, daß zwei Gegner genau der gleichen Meinung sind? Daß bald Alles anders auf der Welt wird als bisher seit fast undenklicher Zeit? Seit Menschenaltern kennen wir ja nur den Frieden, lieben wir den Frieden, preisen wir den Frieden. Der Krieg ist uns ein böser Traum unserer Vorfahren...
Unbestimmt regte sich in ihr ein Schutzbedürfnis. Etwas von der Wehrlosigkeit der Frau in einer Welt voll Waffen. Es ging ihr durch den Kopf: Wenn das möglich wäre — es ist ja nicht so — Aber wenn es möglich wäre, wer stellt sich dann vor den Vater und mich und das Haus hier und Wiesbaden und Deutschland?
Vor der Nebenvilla leuchteten die breiten, dunkelroten Generalstabsstreifen. Der Hauptmann Isebrink verabschiedete sich auf der Schwelle von seinen Eltern und ging fest und rasch die Sonnebergerstraße hinab. Er wandte nicht den Kopf. Er schaute gerade aus vor sich hin. Sie hätte ihn anrufen müssen, damit er sie am Fenster sah. Sie kämpfte mit sich. Nun war er schon um die Ecke... Fort. Auf dem Weg nach Berlin...
Sie war sehr ernst und sehr bleich geworden. Als sie an einem der nächsten Tage im Getümmel vor dem Kurhaus Schjelting sah und er sie lächelnd begrüßte, trat sie unvermittelt auf ihn zu.
„Ich möchte Sie gerne Etwas fragen!“
„Bitte!“