„Also ... ich war einfach paff, wie auf einmal Dein Telegramm kam!“
„Ich habe mich auch ganz plötzlich entschlossen!“
Ringsum wurde es wieder taghell. Die Tauentzienstraße tauchte menschenwimmelnd auf und verschwand. Dann hielt der Wagen vor einem der Mietspaläste am Kurfürstendamm.
„Also willkommen, Schatz!“ sagte oben in ihrer Wohnung Frau Theophile und küßte ihre Schwester. Sie mußte sich beinahe auf die Fußspitzen stellen, um zu deren dunkelblonder, deutscher Frische hinaufzulangen. Sie selbst war klein, zart und zierlich, wie eine Marquise der Pompadourzeit. Nur ihr Haar war nicht weißgepudert, sondern ein tiefbrünetter Botticellischeitel, darunter das Profil einer antiken Gemme. Sie war ein kleines Kunstwerk. Und ebenso ihre Umwelt. An ihrer Schwelle endete Berlin. Der Süden tat sich auf. Die deutsche Sehnsucht. Alte Florentiner Meister dunkelten an den Wänden. Da war Dantes lebensgroßer, strenger Marmorkopf. Da rahmte schweres Barockschnitzwerk des Bücherschranks die Reihen italienischer, spanischer, französischer Dichter. Die kleine Frau ging darin herum wie in einem Tempel, rückte da und dort, staubte ab...
„Beppo und Carmen schlafen leider schon!“
„Na — dann kriegen sie ihr Mitbringsel morgen!“ sagte Inge und dachte sich: Ich würde die Würmer einfach Hans und Grete nennen! Aber sie selber, die Mutter, hat ja bis zu ihrem achtzehnten Lebensjahr auch ganz friedlich Luise geheißen und es dann erst durchgesetzt, daß wir sie Alle Theophile nennen mußten!
„Nun, Inge...“
Die Schwester hatte sich neben sie gesetzt. Sie hatte ein eignes süßes Lächeln, aus dem träumerische Schwermut sprach, obwohl es ihr im Leben sehr gut ging.
„Inge ... hast Du mir nichts zu sagen? Dann lieber bald! Denn wenn erst Hugo zum Abendessen heimkommt mit seinen Reichstagsgeschichten und Arbeitersachen...“
Ein Schweigen.