„Los, Inge!“

„Ach, quäl’ mich doch nicht!“

„Hand aufs Herz: weswegen bist Du denn von Wiesbaden hierher geschossen?“

„Gott — weil’s dort langweilig ist! Ich wollte einmal andere Menschen sehen!“

Die kleine dunkle Frau lächelte und schwieg. Sie dachte sich: Mir scheint, Du möchtest einen Menschen sehen! Endlich!... Sie stand auf und sagte: „Ich muß nur rasch noch mal draußen Jemand telefonieren.“

„Hier Frau Martius! Ist Herr Hauptmann Isebrink selbst am Apparat? Guten Abend! Nett, daß ich Sie erwische... Warum sieht und hört man eigentlich nie etwas von Ihnen? Kommen Sie doch mal morgen Nachmittag! Wie? Sie haben keine Zeit? Das wird meiner Schwester Inge sehr leid tun. Sie ist zufällig grade hier. Was? Sie können es vielleicht doch einrichten? Na eben! Es ist ja Sonntag. A rivederci!“

Im Zimmer fand sie Inge zerstreuten Auges über einer Mappe mit römischen Kupferstichen. Ihr zartes Gesichtchen durchgeistigte sich und wurde schwärmerisch.

„Wundervoll — nicht? Siehst Du hier: San Paolo fuori le mura... mein Traum draußen in der Campagna. Ach... Du mein bel paese!... Mensch ist man doch nur im Süden... Ende Juni fliege ich wieder über die Alpen!“

„Im Sommer nach Italien?“

„Ach, wie ist das Land dann schön! Und die Menschen! Wenn die Fremden fort sind, lernt man sie erst in ihrer naiven Liebenswürdigkeit kennen, solch natürliche Grazie des Geistes und Körpers! Da möchte man mit Nietzsche die Hände falten: Unschuld des Südens, nimm mich auf!“