„Na: Kind, sehr einfach. Die, die durch den Frieden beschäftigungslos werden: die Offiziere und zum Teil die Edelleute!“
Inge Tillesen dachte sich: Isebrink ist Offizier. Der Andere ein russischer Edelmann. Für die stimmt es schon...
„Ich komme doch eben aus dem Haag, Inge! Ich habe Jaurès gesprochen. Carnegie selber war leider nicht da. Aber Hunderte von Männern aus der ganzen Welt und jeder Name hatte seinen Klang. Der Unterschied war zwischen ihnen nur in der Sprache. Der gute Wille war sich überall gleich. Da haben sich in meiner Gegenwart Buren und Japaner, weil sie nicht miteinander reden konnten, wenigstens stumm die Hand geschüttelt. Nee, Kind! Laß Dich nicht kopfscheu machen! Die Zeiten, an die Du denkst, die sind vorbei! Unser altes Europa wenigstens ist glücklich über das Schwabenalter hinaus! Das ist vernünftig und gesetzt geworden und hat die Kriegstorheiten hinter sich.“
Leise Musik durchzitterte das Zimmer. Phila Martius schlug auf dem Flügel träumerisch aus dem Kopf den Prolog der „Bajazzi“ an. Geheimnisvoll verklang es in der Tiefe der Tasten: ‚Wir Alle auf Erden wandeln im gleichen Licht...‘ und es war, als spülten die Tonwellen von dieser kleinen Insel der Seligen allen Staub und Erdenrest hinweg — als würde das deutsche Auge zur Sonne selbst. So klar und rein sah es alles, selbst das Niedrigste der Welt.
In solchen Stunden war Phila Martius ganz sie selbst. Und am meisten am Sonntag Nachmittag, ihrer Weltflucht vor Berlin, ihrem Jour. Das war wie ein Spinnweb des Westens und sie die Arachne darin, die darauf lauerte, daß keine durchreisende Berühmtheit ihrem Netz entging. Zierlich, in schillernder Seide, wie ein aufgeregtes Meißener Rokokopüppchen, rauschte sie den Gang entlang und streckte den dunkeln, klassischen Kinderkopf durch den Türspalt.
„Wo steckst Du denn, Inge? Vorn ist schon Alles voll Leute!“
„Ach, ich hab’ keine Lust!“
„Warum bist Du denn dann eigentlich nach Berlin gekommen?“
„Ich weiß selber nicht. Am liebsten möcht’ ich wieder heim!“