Hannah Higgins hätte ihm am liebsten Eins hinter seine großen, abstehenden Ohren gegeben. Aber Professor Higgins hatte das ein für allemal verboten. Er war ein Feind jeder Gewalt des Menschen gegen den Menschen, bei seinen Söhnen wie auf der ganzen Erde. Es waren die Gesetze der Humanität und Kirchlichkeit, die er ehrte und bei jeder Gelegenheit öffentlich vertrat. Wenn trotzdem Wilde niedergeschossen oder zwei Boys durchgehauen werden mußten, dann hatte das wenigstens so zu geschehen, daß er es nicht zu sehen brauchte. Jetzt aber stand er drüben an einem der gothischen Fenster des großen Saals von St. Pauls College, dieses ehrwürdigen Raums, von dessen Wänden die lebensgroßen Ölbilder aller berühmten, aus dieser Schule hervorgegangenen Engländer und Schotten, Admirale, Parlamentsmitglieder, Gelehrte, auf die uralten eichenen, von Hunderten von Inschriften gekerbten Eßtische hinabschauten, und sprach mit einem der Fellows. Seine Frau ging ihm entgegen. Sie wollte sich einmal ernstlich über die Bengel beschweren. Bobs Flottenlied haftete ihr im Kopf.

„Wir haben die Männer und Schiffe,

und das nötige Kleingeld dazu!“

Und wieder die Todesangst: Schließlich fangen sie wirklich an, mit ihren Männern und Schiffen!... Was wird denn dann aus mir?

Professor Jerôme K. Higgins’ wulstiges, bartloses Gesicht lächelte wohlwollend wie das eines gelehrten Mandarinen in Peking unter der goldenen Brille. Er war tief befriedigt. Er hielt einen Brief in der Hand. Die Einladung nach London war gekommen? Nein, zwei Fliegen auf einen Schlag: Auch gleich die nach Kiel.

„William schreibt, er habe gerade für uns Platz bei sich in London zum Wochenende reserviert!“ versetzte er, und seine Frau dachte: ‚Das heißt: Es hat im letzten Augenblick sonst Jemand abgesagt!‘ Ihr Mann fuhr fort: „Er hofft ernstlich, daß Du zufrieden sein würdest, in Kiel wieder deutschen Boden zu betreten!“ und sie sagte sich: Mit anderen Worten: Ich soll den Ladies und Gentlemen auf der Yacht als landeskundige Vermittlerin in Germany dienen! Kinder, was seid Ihr verlogen! Kein wahres Wort fährt aus Eurem Munde! Professor Higgins neben ihr rieb sich vergnügt die Hände. An sich hatte er, der kurzsichtige Stubengelehrte, der beim Hindernisreiten nie die Gräben vor sich sah, wenig von dem großen Jahrmarkt der Eitelkeit am Strand der Themse. Aber es war der Kitzel der Gesellschafts-Heuchelei. Man gehörte zur ‚Society‘ und die ‚Society‘ zur Season.

Die Londoner Season im Mai und Juni, wenn es der Frühsommersonne gelang, selbst durch die Rauch- und Nebelmassen zwischen Hampton und Plumstead, zwischen Tottenham und Croydon zu dringen und das sonst nie in seinem ganzen Umfang geschaute steinerne Meer von Häusern und Schornsteinen endlos bis an den fern verschwimmenden Horizont zu enthüllen — die Season zur Zeit, wenn die weiten Rasenflächen von Green Park und St. James, von Kensington Gardens und Regents-Park noch frischer grünten als sonst in der feuchten Seeluft des ganzen Jahres, — die Season, in der der Sturmwind, der sonst ewig das Inselreich durchbrauste, zum Mailüftchen wurde und das Land rings um London bis zur Irischen See ein einziger, gepflegter Park, ohne störende Getreidefelder, ohne häßliche Kartoffeläcker, nur Hammelherden auf friedlicher Weide unter schattigen Bäumen und darüber auf hohem Hügel das Schloß des Lords.

Die Season, das Fest der Lords. Keine Saison wie anderswo, wo gleiches Geld gleiche Rechte gab. Eine Frühjahrsparade aller fremden Völker, der Yankees und der Japanesen, der Argentinier und der Südafrikaner, der Australier und der Portugiesen vor ihren angelsächsischen Herren. Sie kamen scheinbar als Gäste. In den Herzogsschlössern von Hydepark und St. James flammten jeden Abend die hellen Scheiben, stauten sich die Automobilreihen, blendete unerhörter, seit Römerzeiten nicht gesehener Reichtum, von den Rembrandts und Rubens an der Wand bis zu den Scharen sechs Fuß langer Lakaien, die Geladenen, bot an der Schwelle des Palastes der Halbgott selbst und seine Gemahlin freimütig lächelnd linkischen Amerikanern und gelbhäutigen Asiaten den Händedruck, den sie einem der Geringeren unter ihren eigenen Landsleuten niemals gewährt hätten. Von den Zinnen des Buckingham-Palastes flatterte das königliche Banner. Mit Herzklopfen drängten sich vor den Stufen des Throns die tiefausgeschnittenen Töchter der Schweinemetzger von Chikago und die vor einem Jahr aus der Klosterschule gekommenen schönen Frauen der dreifachen Granden Castiliens und Navarras, stießen sich die Maharadschas vom Ganges mit dem Schwertadel Japans, stand der Minenkönig aus Transvaal mit schwarzen Goldgräbernägeln hinter dem Fabrikarbeiter und Enkel deportierter Verbrecher, den Neuseeland zum Minister ernannt, scharten sich ägyptische Prinzen und kanadische Männer des Volks, Araberscheichs und chinesische Dynasten, bestaunten das riesige Ausstattungsstück und merkten nicht, daß sie es selber spielten und sich gegenseitig den Sand in die Augen streuten, den ihnen die lächelnden britischen Gastgeber lieferten.