Es war ihr, als ob der sonderbare Mensch neben ihr erleichtert aufatmete. Sie hatte wieder eine unbestimmte Angst vor ihm. Sie dachte, er könnte nun gehen. Es war ja auffallend, daß er hier bei ihr im Winkel saß, während man ihn wahrscheinlich in allen Zimmern und Sälen suchte. Statt dessen hub er unvermittelt, stoßweise wieder an:

„Bleibt Ihr Fräulein Schwester den Sommer über in Wiesbaden?“

„Das hängt davon ab, ob mein Vater irgendwohin berufen wird. Dann begleitet sie ihn. In nächster Zeit wahrscheinlich einmal nach Lübeck.“

„Oh!“ sagte Nicolai Schjelting und versank in ein stummes Sinnen. Sein Gesicht war dabei düster und unruhig. Sie wollte ihm helfen. Sie nahm es von der komischen Seite.

„Ich werd’ es meinem Vater melden, daß gegen Sie eine Verschwörung in der Sonnebergerstraße besteht. Die Schuldigen werden kaltgestellt. Verlassen Sie sich darauf!“

Aber das war ihm zu ihrem Erstaunen wieder nicht recht, daß er dort Ingeborg Tillesen nicht begegnen sollte. Er winkte nur ab, mit einer Handbewegung, deren zerstreute und nachlässige Ungeduld sie ärgerte, und blieb stumm... Es war ihm etwas eingefallen, mit Schrecken über seine eigene Gemütsverfassung: Wo ist denn meine Frau? Oder vielmehr: wo ist denn meine Eifersucht geblieben? Sonst hatte er Ghislaine bei einer solchen Gelegenheit nicht aus den Augen gelassen, jedes Kopfnicken, jeden Handkuß, jede Schleppenbewegung düster verfolgt. Jetzt sagte er sich: So weit ist es mit mir schon gekommen! Ich muß schon nachdenken, wann wir uns getrennt haben. Vor einer halben Stunde. Da sind wir zusammen hereingetreten. Sie hat sich dann nach links gewandt — glaub’ ich!... Irgend eine Lady nahm sie unter den Arm. Er hob das Haupt und schaute umher. Da merkte er plötzlich, zuerst an einem ganz feinen Hauch ihres Parfums: Mein Gott — Ghislaine stand ja dicht hinter ihm, stand vielleicht schon die längste Zeit, im Gespräch mit einem dürftigen und engbrüstigen Jüngling von den Boulevards oder aus Brüssel. Dieser halbausgebackene Stutzer war ihr nicht gefährlich. Das wußte er. Er entwickelte ihr in einem rasend-raschen, französischen Geratter seine Thesen über den Sâr Peladân. Ihre reizvollen, leicht gepuderten Züge trugen auch nur die leere und liebenswürdige Aufmerksamkeit der Weltdame. Ihrem Mann schwante es, als hätte sie eher auf das gehört, was er da unten, auf seinem Sessel inmitten des Gedränges, redete. Deutsch genug, um es zu verstehen, konnte sie, vom Kloster her und durch die flämischen Verwandten ihres Vaters, wenn sie es auch nicht sprach.

Diese Vorstellung beunruhigte ihn. Er stand brüsk auf. Zugleich trat der Herr des Hauses heran. Er hatte sich die neuesten spätabendlichen Reuter- und Sondermeldungen von seinem Generalsekretär telefonieren lassen. Rasch und heimlich! Nur nicht zeigen, daß man arbeitete! Man hatte Geld. Aber man verdiente es nicht.

„Nun, Sir William?“

„Ihr Zar und die Seinen sind noch wohlbehalten bei den Festen in Rumänien, my dear Mr. de Schjelting!“