„Aber nichts finden!“

Ghislaine von Schjelting lachte.

„Ich gestehe: Ihr seid originell: Du und diese Deutsche! Ihr spielt nicht Heinrich und Gretchen, sondern das Gegenteil. Aus reinem Haß trefft Ihr Euch, bald da, bald dort! Es hat Stil! Schade, daß nur grade ich nicht dazu Beifall klatschen kann!“

„Ghislaine — — — so höre mich einmal ruhig an.“

„Mein Freund: ich bin in Brüssel geboren. Aber ich fühle ganz als Pariserin. Ich habe das in den Fingerspitzen. Ich sehe es Dir an den Augen an. Ich rieche förmlich ein fremdes Parfum. Und wenn ich gar nichts von dieser Deutschen wüßte, ich würde es Dir doch ins Gesicht sagen: Du bist in eine andere Frau verliebt!... Und siehst Du: Nun bist Du still und findest kein Wort mehr!“

...Das war die tiefe, dunkle Londoner Nacht, durch die Nicolai Schjelting schlaflos und ziellos dahinschlenderte. Er hatte in dem schweren Schweigen zwischen ihm und seiner Frau den Pyjamarock mechanisch wieder mit dem Frack vertauscht, den Mantel wieder umgehängt, den Hut aufgesetzt. An einsame Spaziergänge durch die Dunkelheit war er gewöhnt, er, den so oft der Schlummer floh.

Das war die dunkle Nacht, das Kehrbild Londons bei Tage, kein lärmendes, lichterhelltes Babel wie in Berlin. Schweigen und Leere. Die ehrenwerte Welt war längst zu Hause und in den Federn. Alle Restaurants geschlossen. Was sich jetzt auf die Straße wagte, waren Schatten wie die Nacht selbst. Große Federhüte, heiseres Lachen an den Ecken, daneben, als Freunde und Zuhälter, in scharlachroten Jacken, das Spazierstöckchen unter dem Arm, die Garden Seiner britischen Majestät. In zerrissene Kohlensäcke gehüllte, halbnackte, kaum mehr menschenähnliche Lumpensammler in den Gossen. Quer über die Straßen hingestreckt, wie schmutzige Kleiderbündel, zwei, drei grauhaarige Frauen. Ein Fuselgeruch jetzt noch um die Betrunkenen. Ein wachsgelber verhungernder junger Mensch, der sich mühsam an die Hausmauer, an den Anschlag einer Bibelgesellschaft zur Bekleidung der Maoris auf Neuseeland stützte. Das alles kroch jetzt lautlos aus der Finsternis hervor, wie die Tiere des Waldes. Diese Stunden zwischen Mitternacht und Morgen waren von der Weisheit der Vorsehung für sie vorbehalten. Bei Tag wäre ihr Anblick den Ladies und den Reverends ernstlich peinlich gewesen.

Das war die Londoner Nacht. Das runde helle Cyklopenauge auf dem Uhrturm des Big Ben glotzte über sie hin. Nicolai Schjelting hörte den Wiederhall seiner Schritte auf dem langen leeren Embankment. Zu seiner Rechten flutete die Themse, scheinbar unendlich breit in dem Dämmern, in dem das andere Ufer sich verlor. An der Nadel der Kleopatra blieb er stehen. Schlank schoß der Obelisk zu dem rauchigen Nachthimmel empor. Runen der Jahrtausende zwischen Nil und Themse rankten sich auf seinen Flächen. Runzeln des Nachdenkens furchten sich auf Nicolai Schjeltings Stirne. Sonst lagen in seinem Kopf die Lebensziele einzeln nach ihrer Wichtigkeit geordnet nüchtern nebeneinander. Jetzt sah er einmal sein Leben im Ganzen vor sich.

In seinen jüngeren Jahren, ehe der Ehrgeiz alles Andere in ihm erstickte, war er ein leidenschaftlicher Spieler gewesen. Es war ein altes, abgedroschenes Gleichnis, daß man alles auf eine Karte setzte. Aber wer nicht wagte, der gewann auch nicht. Er sagte sich im Zurückgehen: Es wird Zeit, daß ich gewinne! Seit sieben Jahren spiele ich! Nicht mehr mit Kartenkönigen, sondern mit Balkankönigen, nicht mehr mit Kartendamen, sondern mit Damen von Petersburg und Paris, nicht mit Pique-Buben, sondern mit allerhand Buben in französischen Ministerien und römischen Redaktionen. Aber der große Schlag bleibt aus. Drei-, viermal haben wir schon Feuer gelegt. Auf dem Balkan. In Libyen. Im Ägäischen Meer. Es ist immer wieder verflackert. Ehe es zum Weltbrand wurde. Heute ist die Erde wieder so still und friedlich, wie diese Juninacht. Unter mir aber wankt der Erdboden. Man beginnt an mir zu zweifeln. Meine Frau macht den Anfang. Sie kennt mich schließlich am besten. Bald folgen Andere. Meine Karte muß bald kommen. Ich brauche den Krieg...