Er erschien sich wie ein Geist des Kriegs, während er mit unruhigen Augen, die Zigarette nervös zwischen den Lippen, die Hände in den Taschen, den Mantelkragen fröstelnd hochgeschlagen, unhörbar in seinen Gummigaloschen durch die unermeßliche, schlafende Nacht schritt. Hinter ihm im Osten über Tower und India Docks wurde es allmählich hell. Er wiederholte sich: Ich brauche den Krieg. Er trägt mich an die Sterne. Will Ghislaine nicht mit — nun gut: dann bin ich frei, wenn wir Europa verteilen. Ich kann dann andere Partieen machen — ich, le comte Nicolai de Schjelting, ambassadeur et ministre plénipotentiaire, der gefeierte diplomatische Vertreter des siegreichen Rossijskaja Imperija. Es wurde ihm warm bei dem feierlichen Wort. Dann eine Glut im kalten Herzen: oder ich kann mir den höchsten Luxus meines Lebens leisten und die heiraten, die ich will! Und die dann muß, weil alles um sie verloren ist...
Und im Weitergehen sagte er sich, in einer fixen Idee: Ich fahre nicht wieder nach Wiesbaden. Es hat jetzt keinen Zweck. Aber ich werde ihr schreiben. Sie wieder warnen. Sie darf mich nicht vergessen.
Da war die leere Weite zwischen den Palästen und Ministerien von Whitehall. An der Ecke von Downing-Street waren einige Fenster im Auswärtigen Amt jetzt noch im Morgengrauen hell. Dort oben saßen sie auch und rechneten und addierten die Summen der Welt und multiplizierten Menschen mit Millionen Pfund und dem Tonnengehalt von Schiffen und fanden sich selber kaum mehr zurecht in der Wirrnis heimlicher Verträge, mit denen sie seit Eduards VII. Tagen Deutschland von allen Seiten umsponnen hatten.
Nicolai Schjelting sah von unten zu den Seelenfängern hinauf. Er dachte sich: Spieler sind wir Alle. Nicht ich allein. Spieler seid auch Ihr da oben, Ihr Minister und Steuerleute an Englands Ruder. Spieler seid Ihr Advokaten an der Seine, im Elysée und Palais Bourbon. Spieler seid Ihr, König Peter und Paschitsch, und Du, Albert von Antwerpen. Spieler bist Du selbst, mein großer Gönner Nicolai, und Alles, was um Dich ist, und Dein Schwiegervater in den Schwarzen Bergen. Wir Alle sind es müde, daß Deutschland in Frieden die Welt erobert. Wir wollen es ihm im Krieg wieder abnehmen. Wir werfen die Würfel. Mögen sie endlich fallen! Ein Gedanke durchzuckte ihn. Es konnte eigentlich nichts Neues in den Blättern stehen, was nicht der Zeitungskönig Higgins schon diese Nacht gewußt. Trotzdem eilte er nach Victoria-Station. Da waren schon Jungen mit den ersten, noch feuchten und nach Druckerschwärze riechenden Morgenausgaben.
Der Balkan... Albanien... Der Mbret... Kämpfe seiner Truppen bei Tirana — Oberst Thomson bei Durazzo gefallen — — Ach was, das war die Selbstverständlichkeit von Mord und Blut da unten! Weiter: Sitzung der serbischen Skuptschina. Österreichische Manöver in Bosnien.... Der Erzherzog-Thronfolger in Illidze. Illidze war ein hübscher, still und geschützt in weitem Park gelegener Kurort. Eine Viertelstunde Eisenbahnfahrt von Sarajewo. Nicolai Schjelting kannte den Platz wohl..
Er steckte düster das Zeitungsblatt in die Tasche. Neben dem bereitstehenden Frühzug fuhren schon die ersten Cabs und Taxis vor. Plötzlich erkannte er unter den Abreisenden Professor Higgins und Frau. Er trat so jäh auf sie zu, daß Inges Schwester durch eine Kopfneigung ihm die Erlaubnis geben mußte, sie zu grüßen. Er lüftete lächelnd den Hut und frug auf Deutsch:
„So früh auf, gnädige Frau?“
Hannah Higgins lachte. Sie war morgenfrisch, rosig und lustig. Ärger und Sorgen vom Abend mit einemmal weg.
„Auch so’ne miserable deutsche Angewohnheit. Ich bin immer gern früh auf! Mr. Higgins auch — nicht wahr?“
„Oh ja!“ sagte der Oxforder Physiologe. Er hätte viel lieber bis acht Uhr Morgens geschlafen, statt dieser unchristlichen Zeit, und den zweiten Frühstückszug benutzt.