VII.

Es war das animalische Behagen Old Englands unter den Gästen von Sir Higgins’ Dampfyacht während der Überfahrt durch die junistille Nordsee nach Deutschland. Die Heiterkeit von zwei Dutzend Menschen, die alle gleichmäßig gut schliefen, tüchtig aßen, pünktlich verdauten. Sie waren wunderbar einig. Ihre Unterhaltung harmlos wie die der Kinder, ihre Späße und Gesellschaftsspiele die von halbwüchsigen Jungen. Es war schwer, unter ihnen nicht vom Wetter zu sprechen, nicht jäh aufzuspringen, wenn sich ein Segel zeigte, sich nicht träge auf den Bordplanken in der Sonne zu kuscheln wie eine Katze: Hannah Higgins kannte sie und wunderte sich doch wieder, wie wenig diese Ladies und Gentlemen, von denen doch die Hälfte schon die Erde umsegelt hatte, sich zu sagen wußten oder sagen wollten. Sie dachte sich: Innerlich feige und selbstsüchtig sind sie doch auch da. Sie heucheln sich lieber ihr ewiges oh yes, als daß sie sich einmal zanken. Denn Aufregungen vor dem Mittagessen sind nicht weise! Aber trotzdem lullte das ein. Es war ein träumerischer, behaglich schaukelnder Stumpfsinn auf blauer See, bis das rote Feuerschiff aus den Wogen tauchte und sich da vorn die Kieler Föhrde auftat.

„Oah — ein feiner Platz!“

„Well! Ein gut Ding — dieser Hafen!“

Die Wasserratten an Bord, männliche wie weibliche, waren elektrisiert. Sie standen in langer Reihe von blauen Bordjacken und weißem Flanell links und rechts von Hannah Higgins, hielten sich an der immer noch leise schwankenden Reeling fest, starrten sachverständig auf die grünen Hügel von Holtenau, auf die bewimpelten Uferbauten und Schleusenmauern. Wieder sagte Einer halblaut wie neulich in Hydepark:

„Nichts ist gefährlicher für uns, als das Stück Wasser, das sie da verbreitert haben!“

Aber Hannah Higgins wußte von der englischen Kunst, das, was man nicht wollte, nicht zu hören und nicht zu sehen. Es war manchmal ihr einziger Trost, daß sie sich sagte: die Christenmenschen, die von ihnen am raffiniertesten betrogen werden, das sind sie selber! Jetzt wollten sie fidel sein, ohne Störung. Da war die graue Bucht in silberfarbener Luft, im Hintergrund die Türme von Kiel, die glitzernde Wasserfläche bedeckt mit den dunklen britischen, den lichtgrauen deutschen Panzern. Zwischen den über und über bewimpelten schwimmenden Festungen schossen die schwarzen Torpedoboote, wiegten sich seitlings die Schwärme der Segelyachten, lag in der Mitte, weiß, schlank, majestätisch, die Kaiserstandarte am Großmast, die „Hohenzollern“. Flaggen rings unter dem grauen Himmel. Drüben am Land ein windbewegtes Fahnenmeer. Musik an Bord der Panzer. Helle Damenkleider unter den langen Schlünden der Geschütze. Auf dem Strandweg ein Gewimmel von Menschenmassen bis zum Schloß. Hannah Higgins dachte sich: Wenn ich nach Deutschland komm’ und wohin ich komme, so hängen die Fahnen aus den Fenstern und feiern sie Feste. Bei der Arbeit sieht uns Keiner...