„Einundzwanzig Schuß. Solange weht auf jedem Schiff die österreichische Kriegsflagge halbstock!“
Es schien Hannah Higgins das Bild einer Seeschlacht. Sie sah schweigend, mit bangen Augen, daraufhin. Endlich, nach einer langen, bangen Stunde verhallte das Gebrüll. Der Rauch lichtete sich. Aber noch war ihr, als bebte der Boden unter den Füßen und als liefe ein dumpfes Grollen über die ganze Erde.
VIII.
Die Jahre hatten die Schultern König Nicolaus I. von Montenegro gebeugt. Wie er an einem dieser ersten glühenden Julitage 1914 in seiner getreuen, im tiefsten Innern der Schwarzen Berge weltverlorenen Stadt Niksitsch dem abseits und höher gelegenen Palais zuschritt, überragte ihn sein riesenhaftes Gefolge von Woiwoden, Ministern, Brigadiers und Staatsräten, trotz seiner stattlichen Gestalt, um Haupteslänge. Sein Gesicht mit den Hängebacken und den schlauen Augen zeigte nur andeutungsweise die kriegerischen, hochmütigen Züge dieser bunten Kolosse. Viel mehr glich es einem sehr geschäftstüchtigen und in allen Geldfragen erfahrenen Börsenmakler irgendwo in Europa, obwohl er, wie die Großen seines Zaunkönigreichs, die phantastische, papageienhafte goldgestickte Nationaltracht und ein Waffenarsenal im Gürtel trug.
Hier in Niksitsch, wo man unter sich war, wo fast niemals ein Europäer hinkam, wo in der Ferne der riesenhafte Dormitor die dritte und letzte der sich überstufenden Kornebenen im Herzen Montenegros überragte, hier besaß der Fürst aus dem Stamm Njegus ebenso wie in dem noch näher an Albanien gelegenen Podgoritza ein prunkendes Heim neben der Goldkuppel der orthodoxen Kathedrale, anders als jener berühmte Konak in dem fernen Cettinje, dessen rührende Schlichtheit alle Touristen bestaunten. Vor dem Portal des an ein Luxushotel erinnernden Baues klappten der König und seine Helden ihre mächtigen schwarzen Sonnenschirme zu. Irgend ein Martinowitsch oder Wukotitsch aus dem Hofstaat frug den Offizier der Perjankenwache:
„Ist der Russe schon da?“
Ja: Gospodin Schjelting aus Petersburg wartete bereits. Ihm war die Einladung zur Hoftafel zu Teil geworden. Ein paar Minuten später verbeugte er sich vor dem Duodezkönig mit der Ehrerbietung des Fremden von Distinktion und zugleich mit dem Lächeln des Vertrauten. Er kannte die montenegrinischen Großfürstinnen am Zarenhof an der Newa, er kannte die faulenzenden Woiwoden von Cettinje, er kannte diese ganze bettelarme, bettelstolze Steinwüste, die man das Königreich der Schwarzen Berge nannte. Er hatte in einem leichten Gebirgsautomobil den Weg hierher gefunden. Aber er wußte: am schnellsten und besten ritt man auf dem goldbeladenen Esel über den Balkan.