Zu seiner hageren und lässigen Gestalt paßte nichts besser als der mit allen Künsten eines Pariser Clubschneiders sitzende Frack, ohne den der König von Montenegro keinen Gast empfing. Das Schwarz sah seltsam aus in der grellen Sonnenwüste, während Schjelting langsam, den schwarzen Zylinder auf dem Haupt, zu Fuß die paar Hundert Schritte zu dem Städtchen zurückging. Die schönen Montenegriner Mädchen an den Cisternen schauten ihm neugierig nach, die heimkehrenden Ziegen- und Schafherden überpuderten ihn mit Staub, die Leutnants der montenegrinischen Lehrbatterie, die ihm, die ganze Brust voll Orden, begegneten, musterten ihn finster, weil sie ihn für einen Österreicher hielten.
„Attendez, mes amis! Man wird Euch schon gegen Österreich führen!“ Nicolai Schjelting lächelte brutal und befriedigt vor sich hin, während er die Treppen seiner Herberge emporstieg. Diesen Balkanslawen gegenüber fühlte er sich als Träger des großen heiligen Rußland. Er war hier nicht mehr der Petersburger Europäer, sondern der Moskowiter. Er zündete sich eine Papyros an, ging unruhig auf und nieder, blähte die Nasenflügel, als atmete er ferne Gewitterluft. Vor zwei Tagen, unten in Podgoritza hatte es die ganze Nacht hindurch von der nahen albanischen Grenze her geschossen. Räuberei oder Blutrache... Grenzgeplänkel ... aber immerhin Schüsse, wie die ersten Regentropfen vor dem Wolkenbruch. Ah — c’est ma guerre! Dann frug er sich: Warum denke ich als Russe immer auf Französisch? Vielleicht wegen meiner Frau, dieser Halbpariserin?
Pah — Ghislaine... Er warf die glimmende Zigarette in die Ecke und sie im Geiste mit. Mag sie tun, was sie will. Mag sie sich von mir scheiden lassen — das Schiff in dem Augenblick verlassen, nicht, wo es sinkt, sondern der Sturm seine Segel schwellt! Sie hat ihre Schuldigkeit getan. Wenn sie nicht will, ich brauche sie nicht mehr... Mit Gott!... Leb’ wohl!... An meine zweite Frau verkaufe ich mich nicht. Die hole ich mir, mit dem Recht des Stärkeren, mitten aus dem Feind, mitten aus Deutschland, aus Wiesbaden heraus. Sie wird nicht lang gefragt! Es tut auch nicht not. Sie wird sich in ihrer Angst an mich klammern, wird mir danken, daß ich sie aus dem Weltuntergang an den Ufern des Rheins rette...
In diesem Höhenrausch der Zukunft verschwamm ihm Inge Tillesen und ganz Deutschland in Einem. Er lachte in dem Blutgeruch der Schwarzen Berge um ihn her wild auf: Man wird Euch Beide besiegen, Dich und Deine Heimat! Bald läutet Iwan Weliki auf dem Kreml Sturm...
„Eccellenza!... Eccellenza!“
Unten stand der Cavaliere di San Vittorio, der verdächtige schwarzbärtige und olivengelbe Balkanagent, von dem man nie wußte, ob er Österreich an Rußland oder umgekehrt, oder — was das Wahrscheinlichste war — Beide an Italien verriet, und schwenkte den Panama.
„Eccellenza! Kanonendonner in Südalbanien! Die Epiroten marschieren auf Argyrocastro!“
„Freiwillige?“
„S’intende, signore!“
Der Welsche lachte. Natürlich staken unter dem Czako mit dem Totenkreuz und in dem kurzen weißen Ballettröckchen richtige griechische Soldaten. Das wußte jedes Kind. Nicolai Schjelting nickte. Gut so! Zuckt nur, Ihr Flämmchen. Da und dort. Ihr seid noch klein. Aber wir wollen Euch schon anblasen. Besser als vor zwei Jahren. Er ging wieder vor die Gostinitza hinunter. Dort, auf der Straße, stand jetzt ein neuangekommener Montenegriner, groß und schlank wie Alle, aber in europäischer Tracht. Er trug nur das Cerevis mit dem eingestickten Namenszug des Königs auf dem Kopf und griff in kaltem Stolz daran, während er sich Schjelting näherte.